Archiv: Invino gloria

Immer mehr Prominente verherrlichen sich mit einem eigenen Weinberg. 

Wie macht man ein kleines Vermögen im Weingeschäft?“, lautet ein momentan beliebtes Bonmot in der Welt der Winzer. Die Antwort: „Fang mit einem großen an.“ Renzo Rosso kann über den Spott noch herzlich lachen – obwohl für ihn selbst das kleine Vermögen aus dem Weinberg noch in weiter Ferne liegt. Der Begründer der italienischen Jeansmarke Diesel ist einer von denen, die hinter dem Trend zum eigenen Weinberg stehen und den Stoff für Winzerwitze liefern. 

„Egal“, sagt der rührige Italiener, „ich bin verliebt in alles, was ich tue.“ Und das ist eine Menge: Rosso leitet neben seinem Modeunternehmen ein Hotel, hat sechs Kinder und außerdem einen Bauernhof bei Marostica, im Herzen seines heimatlichen Veneto. Vor über zehn Jahren hatte er das 100 Hektar große Anwesen gekauft. Nun ist er endlich so weit, dass er der Öffentlichkeit die Produkte von den Hängen seiner Diesel-Farm präsentieren kann: Das Öl aus der eigenen Olivenplantage, den Grappa und natürlich den Wein: Chardonnay „Bianco di Rosso“, einen Verschnitt von Merlot und Cabernet-Sauvignon, „Rosso di Rosso“ und einen Pinot Noir „Nero di Rosso“. 

Anzeige

Im herrschaftlichen Palazzo Giusti in Verona findet die Premierenverkostung statt. Gut 200 Gäste sind gekommen, unter ihnen Models, Schauspieler und Fußballstars. Ein paar Weinjournalisten sind tatsächlich auch da. Der Hobby-winzer redet mit jedem Gast, klopft auf Schultern, fachsimpelt hier, stößt dort an, bis er sich erschöpft eine schwarze Mütze auf seine berühmte Lockenmähne stülpt und samt Frau und einem Sohn zum Abendessen entschwindet. Rosso wirkt ohnehin schon wie ein alternder Rockstar, und nun teilt er mit diesen auch den in der Glamour-Welt derzeit angesagtesten Luxus: den eigenen Weinberg. 

Er habe die Farm in Erinnerung an seinen Vater gekauft, sagt der Bauernsohn aus dem Veneto; es sei die Rückkehr zu seinen Wurzeln. „Der Wein kommt vom selben Land wie ich, er ist ein Teil von mir, sein Geschmack erinnert mich an meine Kindheit“, so der frisch gebackene Winzer, „außerdem ist es für mich der größte Luxus, abends ein gutes Glas zu trinken.“ 

Der Romantik des Weinbergs huldigen derzeit viele Prominente: Sportler wie der Ex-Rennfahrer Mario Andretti, Unternehmer wie der Ikea-Gründer Ingvar Kamprad oder der Ex-Chef des Luxusimperiums Richemont, Alain Dominique Perrin. Kaum aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen, genießen die Herrschaften das Leben im eigenen Weinberg. 

Ob Schauspieler wie Pierre Richard und Christopher Lambert, Modeunternehmer wie Ferruccio Ferragamo, Multiunternehmer wie Richard Branson oder Alt-Popstars wie Bob Dylan – alle haben sie sich den kostspieligen Traum von den eigenen Trauben erfüllt. Ornella Muti lässt im Piemont anbauen, Adriano Celentano am Comer See, der Brite Sam Neill in Neuseeland, Orchesterchef Justus Frantz auf Gran Canaria, Simply-Red-Sänger Mick Hucknall am Fuße des Ätna, Popmusiker Sting auf einem Millionenanwesen in der Toskana. 

Der Schauspieler, Bonvivant und Restaurantbesitzer Gérard Depardieu keltert sowohl an der Loire als auch im Médoc, im Languedoc und in Marokko. Als Berufsbereichnung steht im Pass des schwergewichtigen Franzosen denn auch „Acteur-vigneron“. Für die eigentliche Winzerarbeit beschäftigt Depardieu freilich fachkundige Berater und eigene Kellermeister. Aber der Genussmensch legt auch selbst gern Hand an und bangt um jeden Jahrgang: „Es ist wie bei einer Schwangerschaft“, sagt er, „man sorgt sich um die Geburt des Weins und ist gespannt, was dabei herauskommt.“ 

Vorreiter bei den Promi-Weinbauern ist die Regie-Legende Francis Ford Coppola. Schon in den Siebzigerjahren kaufte Coppola das „Nienbaum“-Gut im kalifornischen Napa Valley. Mittlerweile sind Sohn und Tochter in das Geschäft miteingestiegen, Vaters „Rubicon“ genießt Kultstatus und kann es mit jedem anderen hochwertigen Gewächs aus der Gegend aufnehmen. Die meisten Weine der Stars aber sind schlichtweg noch zu jung, um als groß gelten zu können. Auch handsignierte Etiketten (Sting) und professionelle Unterstützung können aus den Trauben nicht im Nu edle Tropfen zaubern. Und dies, obwohl die Stars Millionenvermögen in die Güter und deren Bewirtschaftung versenken. 

„Das ist das teuerste Hobby, das ich je hatte“, sagt der von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagene britische Popstar Cliff Richard. An der Algarve versucht sich Sir Cliff als Winzer. „Fünf Jahre lang schaute ich den Trauben beim Wachsen zu“, sagt der Winzer und gesteht, dass er bei der Liebhaberei „noch keinen Cent verdient“ hat. 

Connaisseure rümpfen die Nase angesichts der prominenten Gehversuche in den Weinbergen. Doch das stört die wenigsten der Neuwinzer. „Ich kann mit meiner Kreativität auch etwas für den Wein tun“, behauptet Modeunternehmer Rosso. Ist der eigene Wein nun eher ein Statussymbol oder Teil des Unternehmens? Für den Diesel-Gründer ist er beides. „Wenn man eine erfolgreiche Marke hat, die für einen bestimmten Lebensstil steht, dann wollen die Kunden immer mehr davon“, behauptet Rosso. Diesel stehe für eine bestimmte Art zu denken und zu leben; dazu will er die Produkte liefern. 

Noch ist die Diesel-Farm vor allem ein privates Liebhaberobjekt. Einmal pro Woche kommt der Hobby-Winzer vom wenige Kilometer entfernten Wohn- und Firmensitz in Bassano herüber, um nach dem Rechten zu schauen. Bei klarem Wetter kann man von hier über die Rebstöcke des Veneto hinweg bis zum Meer bei Venedig blicken, und Rossos Weinberater Roberto Cipresso behauptet gar, auch der Wein trage einen Hauch vom Parfum des Meeres. 

Cipresso ist einer von jenen Experten, die die Hobbywinzer von der Traube bis zur Abfüllung beraten. Der Önologe arbeitete für renommierte Güter in Italien und Argentinien. Rund um die Promi-Winzer entstand eine ganze Industrie aus Maklern und Beratern. Bei Sotheby’s werden Weinberge versteigert und bei wem die Finanzdecke zu dünn ist, der kann entweder Streifen bewirtschafteter Güter kaufen oder gleich fertigen Wein, auf den er seine eigenen Etiketten kleben lässt. 

Weinberater Cipresso belächelt den Run auf die Reben als „eine ansteckende Krankheit“. Derweil führt er die Gäste durch Rossos Weinkeller, vorbei an den Barrique- und Metallfässern und erzählt, wie die Produktion, die als Spielerei begann, weiter ausgebaut werden soll. Und warum investieren immer mehr Wohlhabende in Wein? Ganz einfach, sagt Cipresso, weil ein Weinberg das einzige lebende Produkt sei, das über Generationen weitergegeben werden kann. „Die Menschen suchen nach etwas Bleibendem“, sagt der Berater, „in einem großen Wein sehen viele einen Spiegel ihrer selbst, der sie überdauert.“ 

Die Suche nach Ruhm im Wein, nach Stil und önologischer Expertise kann freilich auch eine absurde Dimension annehmen. Amerikanische Stars wie die Popsängerin Mariah Carey und der Schauspieler Brad Pitt haben schon ihre Not, noch einen Weinberg zu finden. Rund um Los Angeles übersteigt die Nachfrage nach den Trendgütern das Angebot, die Nachrichten berichten von Versorgungsengpässen. 

Pop-Ikone Madonna ging gerade noch rechtzeitig am Michigansee auf Weinberg-Shoppingtour und stellte jüngst ihr eigenes Weinsortiment vor – Pinot Grigio, Barbera und Cabernet-Sauvignon sowie ein alkoholfreier Rebsaft. „Confessions on a Dance Floor“ heißt die Wein-Linie mit Bildern des gleichnamigen Albums auf dem Etikett. Zwischen 25 und 40 Dollar kostet die Flasche bei Celebrity Cellars, einer kalifornischen Firma, die sich darauf spezialisiert hat, limi-tierte Sammlerkollektionen von Star-Weinen (RollingStones, Kiss) zu vertreiben. 

Der Inhalt ist für diese Klientel dabei gar nicht so wichtig wie das Etikett, wie Verkäufer von Celebrity Cellars durchblicken lassen: „Die Leute, die den Wein von Madonna kaufen, tun dies nicht in erster Linie, um ihn zu trinken.“ 

BIANCA LANG 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%