Archiv: Jahr der Reformen

Klaus Methfessel über die Aussichten für 2007 

Lange waren wir Deutsche nicht mehr so zuversichtlich, erstmals seit den Tagen des trügerischen New-Economy-Booms Ende der Neunzigerjahre sehen wir wieder mit Optimismus in die Zukunft. Der Teufelskreis aus niedrigem Wirtschaftswachstum, steigender Arbeitslosigkeit, deprimierender Stimmung und Konsumschwäche ist durchbrochen; das Wachstum zieht an, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Stimmung bei Konsumenten und Investoren steigt. 

Mussten die Wachstumsprognosen in den vergangenen Jahren meist nach unten revidiert werden, war es 2006 erstmals wieder umgekehrt. Aber ist das ein Grund, die Bodenhaftung zu verlieren? So berechtigt die Freude über die florierende Wirtschaft ist, wer angesichts eines BIP-Wachstums von 2,5 Prozent vom „neuen Wirtschaftswunder“ („Bild“) fantasiert, setzt denMaßstab (zu) niedrig an. Und wer sich wie Matthias Wissmann, Europa-Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, damit brüstet, wir würden „im letzten Quartal ein Wachstum haben, das uns an die Spitze der G8-Länder katapultiert“, übertreibt maßlos. 

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Selbst wenn es so kommen sollte (da sind die Indikatoren widersprüchlich) – es ist nur ein Quartalswert, im nächsten dürfte es schon wieder ganz anders sein. Angesichts dessen so lauthals zu jubeln, ist keine seriöse Lagebeurteilung, sondern klingt nach typisch deutscher Stimmungsschwankung: gestern noch zu Tode betrübt, heute schon himmelhoch jauchzend. 

Dass wir in puncto Wachstum schon wieder Spitze seien, ist eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit. Und weckt zudem nur überzogene Erwartungen. Die Wachstumsprognosen der deutschen Konjunkturinstitute für 2007 sind nicht berauschend, sie schwanken zwischen 1,0 und 2,1 Prozent (siehe Seite 22). Unter den 15 größten Industrieländern liegt Deutschland beim Wachstum in diesem Jahr auf Platz 12, bei den Prognosen der OECD für 2007 sogar nur auf Platz 14. Zum „Wir sind wieder wer“-Gerede besteht also kein Anlass. Deutschlands Konjunktur ist nach wie vor zu stark vom Export abhängig, und die Arbeitslosigkeit wird bei Fortsetzung des Aufschwungs erst 2008 unter die Viermillionengrenze fallen – nicht eingerechnet die mehr als 1,5 Millionen Menschen, die in öffentlichen Arbeitsmarktmaßnahmen geparkt sind. 

Bei aller Freude über den Aufschwung sollten wir – und auch die große Koalition – nicht vergessen, dass von den vielen kleinen Schritten, die Angela Merkel angekündigt hat, erst wenige getan sind. Um unsere Strukturprobleme auf dem Arbeitsmarkt zu lösen, bleibt noch viel zu tun. Das langfristige Potenzialwachstum ist mit 1,5 Prozent noch zu gering, als dass dadurch die Sockelarbeitslosigkeit gesenkt werden könnte. 

Eile ist geboten. Was im nächsten Jahr nicht auf die Rampe gebracht wird, hat danach kaum mehr Chancen. Denn 2008 stehen wichtige Landtagswahlen an (Hessen, Bayern, Niedersachsen), und 2009 wird auf Bundesebene gewählt. Deswegen muss 2007 zum Jahr der Reformen werden, soll Deutschland nicht, wie unter Gerhard Schröder, unvorbereitet in den nächsten Abschwung geraten. 

Wobei Wachstum viel ist, aber nicht alles. Sicher, wir brauchen mehr Wachstum für mehr Arbeitsplätze. Aber unser persönliches Glück ist nicht allein durch Wohlstand bestimmt. „Das größte Glück der größten Zahl“ (Jeremy Bentham) gilt nur eingeschränkt. Neuere Studien der Glücksforschung zeigen, dass persönliches Glücksgefühl nur bis zu einem bestimmten Niveau mit der Einkommensentwicklung korreliert. So sind Europäer und Amerikaner heute nicht glücklicher als vor einigen Jahrzehnten, als sie noch erheblich ärmer waren. 

Das zeigt: Es gibt noch ein Leben jenseits von Angebot und Nachfrage. In diesem Sinne frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr. 

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