JAPAN Extrem sensibel

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Die neuen Handys der Japaner reagieren auf Winken und Nagellack, sind Spielzeugpistole und Golfschläger in einem. 

Kräftig schütteln sollen sie ihr Handy, dann lässt es sich im Turbo-Speed durchs Menü browsen. Wenn die Tokioter Tester ihre neuen Geräte hin und her schwenken, wirkt das schon gewöhnungsbedürftig. Nicht minder possierlich bis abwegig ist die Idee, das Telefon als Pistole zu benutzen oder als Golfschläger durch die Luft zu schwingen. Immerhin warnt das Programm Full Swing! Golf, das Handy möglichst keinem Mitbürger auf der Straße oder in der Bahn an den Kopf zu donnern. 

Nippons Söhne und Töchter, globale Vorreiter und Trendsetter im Mobilfunk, dürfen mit dem Schüttel- und Spieltelefon neues Terrain testen. Die Geräte V603SH, die die japanische Vodafone-Tochter jetzt auf den fernöstlichen Markt bringt, sind mit einem kleinen programmierbaren Sensor ausgerüstet, der Bewegungen erkennt und darauf reagiert. So gelangen geübte Freaks mit einem lässigen Kick erst nach links und dann nach unten in das E-Mail-Programm, springen von dort mit einem gekonnten Dreh ums Handgelenk ins Telefonregister oder Internetangebot. Alle viel genutzten Funktionen können – erst nach einigem Training allerdings – ohne jeden Knopfdruck erreicht werden. 

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Der motion control sensor auf dem kleinen Chip, den der südkoreanische Konkurrent Samsung ebenfalls in eine Handyserie einbauen will, dürfte auch Spieler entzücken. So können die golfverrückten Japaner ihr Telefon nicht nur als Schläger einsetzen. Sie sehen anschließend auf dem Bildschirm dreidimensional die Flugbahn des Balls auf dem virtuellen Golfplatz. Viele Fans und Feinde wird ganz sicher das Angebot finden, das Handy als Schießeisen zu benutzen. Vodafone hat das beliebte Sega- a Videogame „The House of The Dead“ mobilfähig getrimmt. Japaner können damit Zombies reihenweise abknallen, wenn sie das Handy richtig in Stellung bringen und energisch damit herumrucken. 

An die Tatsache, dass sich Passanten scharenweise mit starrem Blick auf das Handy durch die Gegend stürzen oder sich selbst verzückt mit dem Telefon fotografieren, hat man sich in Japan mittlerweile gewöhnt. Die jüngsten Anwendungsofferten aber könnten das Straßenbild erneut gehörig aufmischen und sicher auch einige Befremdlichkeit hervorrufen. Aber beim Kampf um Kunden und Marktanteile auf dem wohl anspruchsvollsten und mit Preiskämpfen äußerst schwierigen Markt wird bei der Suche nach neuen Kicks nicht lange gefackelt. 

Mit dem 142 Gramm schweren V603SH, das Sharp gemeinsam mit Aichi Steel entwickelt hat, will die japanische Tochter des britischen Telekomgiganten Vodafone zunächst nur die mobilbewehrten Japaner entzücken. Erst wenn die fernöstliche Kundschaft kaufmännisch messbaren Gefallen an dem neuen Dreh gefunden hat, sollen solche Geräte auch in Europa oder in den USA angeboten werden. Das trifft ebenso auf das V603T von Toshiba zu, mit dem laut Vodafone-Ankündigung „ein neuer TV-Stil geboren wurde“. Der Flüssigkristallbildschirm dieses Handys lässt sich um 360 Grad zu einem Minifernseher drehen, der kabellos in einer Wiege sitzt oder transportiert werden kann und bei Bedarf als mobiler Karaoke-Kasten fungiert. 

Vodafone, in Japan bisher hinter der Konkurrenz von NTT DoCoMo und KDDI mit rund 15 Millionen Kunden noch weit abgeschlagen, versucht mit dieser neuen Palette Anschluss an das verwöhnte japanische Publikum zu bekommen. Obwohl es bereits Gerüchte gibt, der im April anstehende Wechsel an der Vorstandsspitze von Shiro Tsuda zu William Morrow deute auf eine baldige Kapitulation der Briten in Japan und die Abwicklung des teuren Fernostabenteuers hin, will Vodafone offiziell bis Anfang 2006 aus den roten Zahlen kommen. 

Die einheimische Konkurrenz jedoch, die zusammen 70 Millionen der insgesamt 85 Millionen Handybesitzer bedient, hängtVodafone derzeit weiter ab. Im Januar allein verlor der einzige ausländische Anbieter in Japan 58 700 Verträge, mehr Abmeldungen als je ein Unternehmen in einem Monat hinnehmen musste. Dagegen gewannen NTT DoCoMo 184 000 und KDDI 165 200 neue Abonnenten. Der zweitgrößte Anbieter des Landes, KDDI, der mit dem CDMA-2000 Funkstandard die schnellste Mobilfunkverbindung liefert, preschte den Rivalen Ende vergangenen Jahres noch einmal davon – mit einem eingebauten Radio und dem ersten Song-Download-Service. Anstatt der normalerweise angespielten jeweils 30 Sekunden können Besitzer der drei jüngsten Modelle den vollständigen Titel in nur 30 bis 40 Sekunden herunterladen. KDDI bietet Nutzern bisher rund 10 000 Songs auf sechs Internetseiten an. Die günstige Flatrate, auf die sich die Popularität von KDDI auch begründet, verhindert eine unkontrollierbar wachsende Telefonrechnung. Bisher sei man zwar noch nicht 100-prozentig mit der Leistung des Handys als portabler Musikspieler zufrieden, heißt es bei KDDI. Mit der Verbesserung der Speicherfähigkeit der mobilen Mobilphones jedoch könnten die Musikhandys eine ernsthafte Konkurrenz für iPod und Co. werden, schätzt KDDI. 

Bei Diensten über den modernen Mobilfunkstandard UMTS verlor auch Japans Branchenführer NTT DoCoMo mit derzeit neun Millionen Nutzern den Anschluss an KDDI (19 Millionen). Für das angepeilte Ziel, bis Ende dieses Jahres die eigene Gemeinde an UMTS-Kunden auf über 20 Millionen zu erhöhen und damit auch in dieser Sparte wieder die Nummer eins zu werden, geht der Telekommunikationsriese an seine Substanz. Er senkt die Kosten seiner Geräte, das Gewicht und reduziert auch die Leistungen. Während die jetzigen 3G-Handsets um 35 000 Yen (260 Euro) kosten, werden die vier Neuen rund 10 000 Yen (75 Euro) billiger sein. Sie wiegen statt 127 nur maximal 114 Gramm. Dafür packt NTT nicht mehr alles in die ausklappbaren Teile, sondern reduziert die Speicherkapazität für Spiele und die Auflösung der Kameras auf etwas über eine Million Pixel. Die 700i-Serie mit vier Modellen, die „stilorientiert“ sein sollen und ohne den teuren Felica-Chip auskommen – damit dienen die Handys auch als Geldkarten –, zielen ganz auf die verspielte, junge, weibliche Kundschaft. 

So konzentriert sich das F700i von Fujitsu auf Musik und Spiele, das Sharp-Modell SH700 legt den Schwerpunkt auf Video und Foto und soll das „coole“ Handy sein. Die beiden anderen kommen ziemlich pink daher. „Make my Style!“ ist das passende Accessoire zu Nagellack oder Handtasche. Das N700i bietet zehn verschiedene farbig und gemusterte Handyhüllen, die je nach Lust und Laune einfach auf die obere Klappe gesetzt werden. Das Panasonic-Handy weist drei verschiedene Reliefs auf und ist mit 102 Gramm das leichteste UMTS-Teil der Serie mit eigenem besonderen E-Mail-Programm, das die Pictogramme ankommender Botschaften illuminiert. Bis April wird das Quartett in den japanischen Geschäften sein und zeigen, ob diese modisch orientierte Auswahl ankommt oder ob die Kundschaft sie für zu leicht befindet und links liegen lässt. 

Angela Köhler/Tokio 

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