Archiv: Jeder Tag ein Sieg

Stefan Baron über Pessimismus 

Was ist ein Pessimist? Ganz einfach: Eine dieser unglücklichen Kreaturen, die mit ihrem eigenen Leben nicht zurechtkommen, von sich auf andere schließen, alles schwarzmalen, schlechte Stimmung, Mutlosigkeit und Resignation verbreiten. Richtig? Falsch! 

In seinem soeben bei Princeton University Press erschienenen Buch „Pessimism – Philosophy, Ethic, Spirit“ hat der Politologieprofessor Joshua Foa Dienstag von der University of California in Los Angeles (UCLA) eines der wohl am weitesten verbreiteten (Vor-)Urteile attackiert und eine Ehrenrettung des Pessimisten unternommen. Gerade für Journalisten, die wie keine andere Berufsgruppe dem Pessimismus-Vorwurf ausgesetzt sind, aber keineswegs nur für sie, eine faszinierende Lektüre. 

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Dienstag zeigt in seinem Buch, dass Pessimismus eine positive (Lebens-)Philosophie ist, keineswegs entmutigt, sondern ermutigt, nicht lähmt, sondern befreit, nicht krank macht, sondern gesund, ja besser ist als Optimismus. 

Die Argumente dafür sind durchaus überzeugend. Sie gehen davon aus, dass Pessimisten die Wirklichkeit der condition humaine nicht verdrängen, sondern bewusst annehmen. Die Bedingungen der menschlichen Existenz selbst sind für sie klar: Mit dem Bewusstsein haben wir auch das Bewusstsein von unserer und der Vergänglichkeit alles Irdischen erlangt. Wir leiden alle an der „Zeitkrankheit“, schrieb Friedrich Nietzsche. „Ich wurde geboren, um lebend zu sterben“, lässt Miguel de Cervantes seinen Don Quixote sagen. Dieses Bewusstsein von der eigenen Begrenztheit gibt die Grundmelodie eines pessimistischen Lebens vor. 

Sie führt jedoch nicht etwa zwangsläufig zu Resignation, Schwarzmalerei oder Fatalismus – wie die vita activa des Caballero de la triste figura zeigt. Pessimisten erwarten nicht, dass morgen alles schlechter ist als heute. Sie erwarten von der Zukunft – nichts. Und gerade deshalb ordnen sie ihr, anders als Optimisten, die Gegenwart nicht unter, sind spontaner, leben mehr im Hier und Heute, im Moment, der sie die Zeit vergessen lässt. 

Wer von der Zukunft nichts erwartet, ist frei, diese so zu erleben wie sie ist, er kann nicht enttäuscht werden wie der Optimist, der nahezu ständig in einem Zustand unerfüllter Wünsche und Erwartungen lebt. Pessimismus macht daher nicht nur offener für das Heute, sondern auch für das Morgen. 

Hinzu kommt: Wer nichts erwartet, fühlt sich ganz für sich selbst verantwortlich und wappnet sich für die Begrenztheiten der menschlichen Existenz. Das Vorläufige, Unvollkommene, Vergängliche, der Wandel, das Chaos des Lebens können ihm keine Angst machen. Er betrachtet das Leben als offenen Suchprozess, nicht als Erfüllung von Glückserwartungen, er strebt nicht nach Erlösung (jedenfalls im Diesseits), sondern ist auf permanente Probleme eingestellt. „Das Wichtige“ sei nicht, „geheilt zu werden“, so Albert Camus in seinem „Mythos des Sisyphos“, sondern „mit seinen Krankheiten zu leben“. Der Pessimist erwartet das Glück nicht – und findet es deshalb umso öfter. 

Cervantes’ Don Quixote kämpft gegen Windmühlen, Symbole für Zeit und Vergänglichkeit. Den Kampf muss der Ritter von der traurigen Gestalt verlieren. Dennoch ist er nicht sinnlos. „Im Kampf gegen die Zeit“, so resümiert Joshua Dienstag das Wesen des Pessimismus, „ist jeder Tag ein Sieg.“ 

Wir können uns Pessimisten auch als glückliche – und konstruktive – Menschen vorstellen. PS. Bei der Lektüre von Dienstags Buch wird einem im Übrigen auch klar, dass wir Deutsche – anders als oft behauptet – keineswegs Pessimisten sind. Wir schwanken vielmehr ständig zwischen Optimismus und Pessimismus hin und her. Und neigen dazu, beides zu übertreiben. Vermutlich die schlechteste aller Welten. 

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