Archiv: Jerem y rons

z Werde ich gefragt, warum ich den zuweilen frivolen Beruf der Schauspielerei liebe, antworte ich mit Nietzsche: Wir leben auf einer Bühne, unter der sich jederzeit eine Falltür öffnen kann, etwa bei Todesfällen, Scheidungen oder anderen Lebenskrisen. Durch dieses Loch fallen wir in eine Unterwelt, in der sich ein weithin unentdecktes, unvorstellbares Leben abspielt. Als Künstler möchte ich diese Tür so oft wie möglich öffnen. Ich will als Katalysator des Chaos fungieren. 

z Ich wuchs sehr konventionell mit traditioneller Bildung auf und empfand dieses Leben schon in jungen Jahren als höchst langweilig. Ich wollte fortlaufen, am Rande der Gesellschaft leben, mich dem Zirkus oder einem Jahrmarkt anschließen und leben wie ein Zigeuner, um zu reisen und abends am Feuer zu sitzen und Geschichten zu erzählen. Zur Verwirklichung dieser Träume fehlte mir indes der Mut. Das Theater und später der Film waren Ersatzbefriedigungen für dieses Bedürfnis. Ein Kindheitstraum, gewiss. Doch wann immer ich seither auf den Jungen in mir hörte, fühlte ich mich glücklich. Ich bin überzeugt, dass nur das Festhalten an den Idealen der Jugend einen zufriedenen Erwachsenen ausmacht. 

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z Ich verbrachte die letzten sechs Jahre damit, ein baufälliges Schloss in Irland komplett zu restaurieren und empfand die Koordination der Bauarbeiten als perfektes Training dafür, eines Tages Regie zu führen. Warum ich die Isolation dort liebe? Weil ich in einem Geschäft voller Druck und voller Menschen arbeite und dazu radikaleren Abstand brauche, je älter ich werde. Für mich ist die beste Unterhaltung noch immer ein Zwiegespräch mit mir selbst, weil ich dabei zur Wahrheit gezwungen werde. 

z Ich liebe es, bei vollem Tempo Motorrad zu fahren, weil ich kein befreienderes und intensiveres Gefühl kenne. Mitunter riskiere ich dabei Kopf und Kragen. Doch jedes Risiko ist ein Schuss zusätzlicher Lebensenergie, den man sich selber schenkt. 

z Wenn meine typisch britische Selbstbeherrschung etwas Gutes hat, dann ist es die Fähigkeit, Dinge endgültig beenden und hinter sich lassen zu können. Ob Dreharbeiten, Beziehungen oder komplette Lebensphasen – wenn ich mit etwas abgeschlossen habe, blicke ich ohne Bedauern zurück, denn Sentimentalität kann eine lähmende Geißel sein. 

z Ich habe am Theater und im Kino wohl Hunderte von Rollen gespielt, doch ich könnte keine von ihnen genau analysieren. Journalisten oder Historiker leben davon, Menschen und Geschichten im Detail zu erklären. Doch ich bezweifle, dass das Ergebnis dieser Mühen immer die Wahrheit erfasst. Zu den schier unlösbaren Rätseln der Existenz gehört es, das Innenleben eines anderen Menschen wirklich zu verstehen. 

z Meine Ehe funktioniert schon lange Zeit erstaunlich gut. Doch es wäre gelogen zu behaupten, dass eine Beziehung leicht ist zwischen zwei Schauspielern, die naturgemäß von der Aufmerksamkeit anderer zehren. Also arbeiten wir Tag für Tag hart an unserem Glück und sind beim Vermeiden von Ego-Kollisionen wie zwei zwangsentwöhnte Ex-Raucher, die jeden Tag mit sich kämpfen, bloß keine Zigarette anzurühren. 

z Es heißt, dass ein Mann mit zwei Häusern seine Seele verliert. Nun ja. Ich besitze insgesamt vier Häuser und Wohnungen und sehe nichts Falsches daran, mich überall gleichermaßen zu Hause zu fühlen. Wer sagt denn, dass man nur an einem Ort verwurzelt sein kann? 

z Ich bin von Natur aus eher zurückhaltend und halte es mit der Weisheit, dass ein Leben im Showgeschäft die heimliche Rache der Schüchternen ist. 

z Meines Wissens laborierte ich nie unter einer Midlife-Krise. Natürlich habe ich oft das Gefühl, dass die Zeit mit zunehmendem Alter ungleich schneller zu vergehen scheint. Das ist eine Aufforderung zum Leben: Ab dem 40. Lebensjahr gibt es wahrlich keine Entschuldigung mehr dafür, Vorhaben weiter aufzuschieben, von denen man sein Leben lang träumte. 

z Ich stand zwar einmal Model für eine Kampagne von Donna Karan, doch der weit verbreitete Kleiderwahn ist mir fremd. Überlegen Sie mal, wie viel Lebenszeit Sie vergeuden, wenn Sie jeden Tag nur zehn Minuten über Ihrer Garderobe grübeln. Da halte ich es lieber einfach. Nur ab und zu bricht der Exzentriker in mir durch, dann trage ich purpurfarbene Slipper. 

z Die Leute sagen, dass ich zu viele Bösewichte oder merkwür-dige Zeitgenossen spiele. Wie oberflächlich! Ich behaupte: Niemand läuft herum und ist sich ständig darüber im Klaren, dass er Böses tut. Was immer die tieferen Motive von Mördern sein mögen, die Killer sind immer davon überzeugt, dass sie keine andere Wahl hatten und rechtfertigen sich pausenlos für ihre Untaten. Mich fasziniert dieser Widerspruch zwischen scheußlichen Verbrechen einerseits und akribisch rein gewaschenen Gewissen andererseits. Als Schauspieler kann ich nicht anders, als das Menschliche in jeder Figur zu suchen, und sei sie noch so abstoßend. 

Roland Huschke 

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