Archiv: Jubel-Jahre

Liebhaberstücke:Anzüge ausprämierterJahrgangs-wolle. 

In einem anständigen Schrank hängen Anzüge nach Jahrgängen sortiert. „2002, 2003 und 2004 waren besonders gute Jahre“, sagt Pier Luigi Loro Piana und spricht von Weltrekorden in der Feinheit von Merinowolle. Denn wie bei Wein oder Cognac gibt es bessere und schlechtere Jahre. Und wie bei Wein oder Cognac gibt es Sammler, denen das Beste gerade gut genug ist. 

Für sein gleichnamiges Unternehmen mit Hauptsitz im oberitalienischen Quarona ersteigert Loro Piana alljährlich die so genannten Rekordballen, aus denen Stoff für genau 100 Maßanzüge gewebt wird. Damit entfacht das Traditionsunternehmen eine Sammelleidenschaft, die besonders anspruchsvolle Freunde von Maßanzügen dazu anspornen soll, sich ein Jahrgangssortiment aufzubauen. 

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Die treuesten Kunden werden jedes Jahr nach Mailand eingeladen und dürfen vorab den neuen Rekordstoff sichten, doch nicht immer dürfen sie ihn auch erwerben. Handelt es sich um einen neuen Weltrekord, wie im Jahre 2004 geschehen, so lagert Pier Luigi Loro Piana seinen Schatz so lange ein, bis der Feinheitsrekord erneut gebrochen wird. Da 2005 jedoch das gleiche Feinheitsergebnis erzielt werden konnte, rückt der Textilunternehmer nun den raren Stoff von 2004 heraus. Der aktuelle Weltrekord für die Feinheit der Wollfasern beträgt 11,8 Mikron, was 0,00118 Zentimetern entspricht. 

Für Laien kaum erspürbar, lässt sich der Unterschied zwischen der feinsten und einer herkömmlichen Merinowolle vom Fachmann allenfalls erahnen. Zum Vergleich: Die feinste Kaschmirqualität liegt zwischen 13 und 13,5 Mikron, ein menschliches Haar bei 30 Mikron. 

Eine strenge Limitierung und die Auszeichnung, die ein solcher Stoff trägt, spornen die Sammelleidenschaft zusätzlich an. So wird auf Wunsch ein Etikett wie „World Record Bale – Australia 2004 – Wool Fineness 11,8 Micron“ in das Sakko eingenäht. Ein Schelm, wem dabei „Mit Sicherheit“ in den Sinn kommt, jenes amüsante Kabarettstück von den Missfits, in dem sich Mann ins eigene Sakko schauen muss, um sich von seiner Wichtigkeit zu überzeugen. 

Sammler von Jahrgangsanzügen sind überwiegend in der Finanzwelt oder der Textilbranche tätig. Die meisten stammen aus Japan und den USA, aber auch eine Handvoll Deutsche sind darunter. „Am liebsten sind mir diejenigen, die nicht nur aus Prinzip das Beste von allem besitzen möchten, sondern sich wirklich für die Materie interessieren“, sagt Loro Piana. 

1000 Fasern eines Ballens werden in einem unabhängigen Labor unter dem Mikroskop betrachtet; anschließend wird der durchschnittliche Faserquerschnitt errechnet. Dieser muss die geringste Mikronzahl des Jahres aufweisen, um einen Ballen Jahrgangsballen nennen zu dürfen. Wird der geringste Faserquerschnitt aller Zeiten festgestellt, ist ein neuer Weltrekord erreicht. Ob Weltrekord oder nicht, jedes Jahr gibt es zwei Jahrgangsballen, einen aus Neuseeland und einen aus Australien, den besten Herkunftsländern für Merinowolle. 

Die Zuchtfarmen beherbergen in der Regel rund 1000 Schafe. Um beste Ergebnisse zu erzielen, setzen sie die Tiere auf Diät und bekleiden sie auf der Weide mit Regencapes, um das Wollkleid vor Schmutz und Feuchtigkeit zu schützen. 

Die Motivation der Züchter kommt nicht von ungefähr. Der von Loro Piana eingeführte „World Record Challenge Cup “ sieht neben einer Auszeichnung für den besten Züchter auch ein Preisgeld in Höhe von 1000 australischen Dollar und eine Italienreise vor. Der Wollperfektionist Loro Piana erwartet sich davon nicht nur eine Qualitätssteigerung, sondern auch gesteigerte Loyalität der Schafzüchter. „Es kommt gelegentlich vor, dass sich die Konkurrenz um meine Ballen bemüht“, sagt er. Doch die Chancen, den Italiener zu überbieten, sind hauchdünn. „Bei Auktionen“, so Loro Piana, „kenne ich kein Limit.“ 

Kathrin Bierling 

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