Archiv: Kapital Couture

Hinter den glamourösen Modemarken verbergen sich immer öfter nüchtern rechnende Investoren. 

Wenn ihm danach war, verbarrikadierte er sich in seinem Atelier in der Rue François 1er, steckte 20 Stunden lang Stoffe ab, versetzte Säume, drapierte und fältelte, bis das eine Kleid endlich fertig war. Ob es seinen Chefs gefiel, ob die Kundinnen von Dior es kauften, beides war ihm völlig egal. Dass John Galliano seine Mode einmal anders entwerfen würde als auf exzentrische, maßlose, der Mode aber immer ihre Richtung weisende Art – undenkbar. 

Jedenfalls bis neulich. Da referierte der Dior-Präsident Sidney Toledano über die Rolle des Designers in seinem Haus: „Wohin wir die Marke führen wollen, ist nicht die Entscheidung John Gallianos. Wir diskutieren unsere Absatzpolitik und die Positionierung der Marke mit den Shareholdern, und anschließend erklären wir sie dann John, damit der auch weiß, wo es langgehen soll.“ 

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Galliano hat es offenbar begriffen: Seine aktuelle Kollektion für Dior zeigte klassisch-langweilige Roben, brachte so gar nichts Neues, dafür aber schlechte Kritiken ein. Und als er selbst in einem spießigen Anzug auf den Laufsteg trat, war das wohl ein Gruß an seinen Chef – und an jene Herren, die seit einigen Saisons auffällig häufig in den ersten Reihen der Modeschauen Platz nehmen, weil sie plötzlich das Sagen haben: Banker, Manager und die Verwalter internationaler Finanzfonds. 

Die Modebranche gilt als wankelmütig und krisenanfällig – und trotzdem hat das große Kapital sie für sich entdeckt. Es sind nicht nur die verlässlichen Zuwachsraten des weltweiten Luxussektors von sieben bis zehn Prozent, die Begehrlichkeiten geweckt haben. Es sind vor allem die bei Schuhen und Taschen üppigen Gewinnmargen von bis zu 75 Prozent, es sind die hohen Renditen, die der Ausbau von Accessoires-Linien und eine geschickte Vergabe von Lizenzen sowie eine Expansion in China, Indien und Russland versprechen. 

Die Liste dessen, was potente Finanzinvestoren sich in den letzten zwölf Monaten so alles an Modischem einverleibt haben, ist lang. Die in London ansässige Investmentgruppe Change Capital Partners (CCP) etwa legte sich die Nobelmarke Jil Sander zu, neuer Eigentümer der Marke Cerruti 1881 ist der Private-Equity-Fonds Matlin Patterson, Emanuel Ungaro wurde vom US-Investor Asim Abdullah übernommen, Jean Paul Gaultier berief Christophe Caillaud, den einstigen Direktor der Finanzberatung Aforge Finances, zu seinem neuen Vorstandschef. 

Auch Tommy Hilfiger flüchtete sich in die Arme des weltweit tätigen Private-Equity-Unternehmens Apax Partners, das französische Modehaus Loris Azzaro wurde von der Reig Capital Group gekauft, die 225 Jahre alte englische Luxusmarke Asprey von den US-Investoren Sciens Capital Management und Plainfield Asset Management erworben, das norwegische Sportlabel Helly Hansen wechselte in den Besitz des schwedischen Altor Fund II. 

Lange stand die Modebranche auf drei Pfeilern: Da gab es neben den Luxusholdings von LVMH, PPR oder Richemont (siehe auch Grafik) noch die Selbstständigen (Armani, Dolce & Gabbana) und die an der Börse notierten Zweckbündnisse (zum Beispiel Valentino und Boss unter dem Marzotto-Dach). 

Das massenhafte Auftreten sogenannter Private-Equity-Fonds aber ist jetzt ein neues Phänomen. Immer wieder mal gab es Versuche, außerbörsliches Kapital in der Mode zu mehren, doch zum Nachmachen animierten sie eher nicht: Der Versuch der Schweizer Investmentgesellschaft Leman Capital, das Modehaus Guy Laroche wieder auf Trab zu bringen, scheiterte ebenso wie die Repositionierung des Londoner Traditionsunternehmens Asprey, für die ein Investoren-Quartett rund 750 Millionen Euro verbriet. 

Mitte Juli erklärte auch der amerikanische Konsumgüterkonzern Procter & Gamble (P&G), er werde die Modesparte der altehrwürdigen Pariser Maison Rochas endgültig schließen. Die hatte P&G erst 2003 erworben und damals den Belgier Olivier Theyskens zum Chefstylisten ernannt. Dem gelang es zwar, die Medienaufmerksamkeit auf die lange Zeit angestaubte Marke zu lenken; doch das reichte nicht, um schnell genug schwarze Zahlen für die Konzernoberen zu erwirtschaften. 

Besonders Kosmetikmultis haben Bruchlandungen auf dem modischen Parkett hingelegt. Die Sammellust der Puig Beauty & Fashion Group zahlte sich nicht aus. Die Spanier betreiben mit mäßigem Erfolg Nina Ricci und Carolina Herrera, ihr Label Paco Rabanne scheint derzeit gar vor dem Aus zu stehen. Auch das Engagement des französischen Kosmetikkonzerns Clarins bei Thierry Mugler lief enttäuschend. Der ist zwar nur ein Design-Genie („Mein einziges Maß ist die Maßlosigkeit“), aber auch ein Partylöwe: Wenn er nächtens mit seiner Entourage die Diskotheken in Paris oder New York stürmte, dann kochten tags darauf die Geschäftsführer. Zu Businessterminen erschien Mugler nur sporadisch und ging dem Management zunehmend auf die Nerven. 2002 liquidierte Clarins Muglers Modesparte. 

„Die Interaktion zwischen Kreativität und Management ist äußerst kompliziert“, resümiert Michael Zaoui von der Investmentbank Morgan Stanley. „Es wird schnell übersehen, wie schwierig talentierte Leute im geschäftlichen Umgang sein können.“ Und die Manager wiederum vergessen allzu leicht, dass gute Mode ihre Zeit braucht. Investoren sind so gewinnorientiert wie ungeduldig, einem Siechen in Schönheit schauen sie nicht untätig zu. 

„Theyskens hat ein Image für die Marke Rochas geschaffen“, verteidigt Karl Lagerfeld seinen jungen Kollegen, „mit dem die Manager aber nichts anzufangen wussten.“ Statt sich bei der Schließung von Rochas auf das Umsatzminus zu berufen, kritisiert Kaiser Karl, sollte man sich bei Procter & Gamble „lieber fragen, ob denn hinreichend in neue Geschäfte, in die Produktion, Accessoires und in Werbung investiert“ worden sei. Lagerfeld weiß durchaus, wovon er spricht: Im Dezember 2004 hatte er sich unter die Fittiche der Tommy Hilfiger Corporation begeben, musste dann deren Übernahme durch die Apax Partners erleben – und im Gefolge der Transaktion jetzt die Einstellung seiner preiswerteren „Karl Lagerfeld“-Zweitlinie. 

Noch nie zuvor war das Modegeschäft so hemmungslos profitorientiert. Nüchternheit, Verkäuflichkeit, Funktionalität bestimmen den Kurs, Erbsenzähler im Management ersticken die Kreativarbeit und domestizieren den Nachwuchs. „Unsere Industrie ist ein Riesengeschäft, da geht jede Menge Individualität verloren“, klagte Jil Sander bereits vor drei Jahren. Was einflussreiche Mode immer ausgezeichnet hat – wenigstens ein Hauch von Revolte, ein subversiver Kitzel – interessiert Fondsverwalter und Aktionäre nicht. Einfach gesagt: Der Designer möge zum Zeichenstift greifen, ansonsten bitte die Klappe halten. 

Der Übergang von Jil Sander in das Portfolio der englischen Change Capital Partners ist exemplarisch dafür, dass die Welt der Mode keine so schöne mehr ist wie einst. Als CCP die Hamburger Nobelmarke von der Prada Group erwarb, war der Deal offenbar seit einem halben Jahr in aller Heimlichkeit und ohne Wissen der Kreativkräfte vorbereitet worden – wenngleich nicht ohne großen Krach am Ende: Während der gefeierte belgische Designer Raf Simons das angeschlagene Label Jil Sander mit seinen Mitteln wieder attraktiv machte, putzte das italienische Prada-Management die Braut in personeller Hinsicht heraus, wie es der Sander-Betriebsrat formulierte. Das Management strich in der Hamburger Zentrale 143 von 181 Stellen, legte die Produktionsstätte im schleswig-holsteinischen Ellerau mit rund 160 Beschäftigten ebenso still wie den alteingesessenen Hamburger Showroom. 

War das ein zu hoher Preis? Nicht in den Augen der Investoren. Die rechnen schon bald wieder mit Umsatzzuwachs und operativen Gewinnen – ethisch reflektierte Unternehmensführung ist nun mal nicht ihr Ding. Luc Vandevelde, Gründer und Geschäftsführer des Private-Equity-Fonds CCP, ließ keinen Raum für Illusionen, als er wenige Tage nach dem Sander-Kauf erklärte: „Der Fonds ist auf zehn Jahre angelegt, aber ich denke, den besten Wert werden wir nach fünf Jahren realisieren.“ „Lucky Luc“, so der branchenübliche Spitzname des neuen Eigners, ist als eiskalter Sanierer bekannt. Beim englischen Kaufhauskonzern Marks & Spencer verantwortete er einst als Manager 4400 Entlassungen – und strich bei seinem Abschied auch noch eine Abfindung von sechs Millionen Euro ein. 

Doch nicht überall in der Branche herrscht deshalb gleich Heuschrecken-Alarm. Mit kapitalstarker Private-Equity-Unterstützung konnte etwa die englische Nobel-Schuhmarke Jimmy Choo ihre Umsätze in nur fünf Jahren von 20 auf 140 Millionen Dollar steigern. Mit der deutsch-französischen Investmentgruppe Alpha im Rücken bereitet sich Tom Tailor derzeit auf einen Börsengang vor – aus eigener Kraft wäre das nie gelungen. Auch Christian Lacroix sieht rosigen Zeiten entgegen: Die im Duty-free-Geschäft tätige Falic Group aus Florida will die Umsätze ihrer Anfang 2005 erworbenen Marke bis Ende 2008 verdreifachen. 

Als Faustregel in der Modebranche gilt: 50 Millionen Euro Umsatz sind mit einem Familienunternehmen machbar. Doch um auf 250 Millionen zu kommen, muss der Börsengang gewagt oder ein potenter Investor mit an Bord geholt werden. Solche Rechenbeispiele machen Luxusmarken wie Brioni oder Loro Piana derzeit zu heiß begehrten Objekten von Investoren. 

Es gibt freilich einen, der hält nun wirklich gar nichts von fremder Einmischung, schließlich hat er es bisher auch ohne geschafft. Weil die Mode ein sehr persönliches Business ist, lehnt Giorgio Armani den Börsengang entschieden ab: „Möchte ich eines Tages einen Aktionär vor meiner Tür stehen haben, der wissen will, warum ich gerade eine Million Euro in eine Modenschau gesteckt habe?“ 

Selbst den investitionsfreudigsten Banken verweigert der italienische Mode-Zar standhaft den Zutritt zu seinem Imperium. Kein Entrepreneur wolle gern einen Fragen stellenden Banker in seinem Büro sitzen haben, sagt der 72-jährige Armani. „Wenn jemand mir Geld geben und dann wieder verschwinden will, ist er willkommen. Aber die Entscheidungsmacht über mein eigenes Unternehmen werde ich niemals abgeben.“ Klare Worte, leicht gesagt. Armani ist immer noch der kommerziell erfolgreichste Designer der Welt. 

Dirk van Versendaal 

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