Archiv: Kein Schuss zuteuer

Die Familie Berettaschmiedet seit fast 500 Jahren Feuerwaffenund weckt Schützen-begierde inaller Welt. 

Dario ist Madonna-Fan. Zwei Poster der Pop-Ikone hängen an der Wand vor seinem Arbeitstisch, und über die Kopfhörer seines CD-Players läuft „Like a Virgin“, ihr Album aus den Achtzigerjahren. Er kennt jeden Song auswendig. Abgeschottet von der Außenwelt, bearbeitet er ein Stahlplättchen, kaum größer als eine Briefmarke. Behutsam schlägt er feinste Linien ins Metall, hoch konzentriert, mit Hammer und Meißel, millimetergenau, ein Auge stets an der Lupe. 

Zwei auffliegende Enten sind schon zu erkennen. Ein dritter Vogel fehlt noch, ebenso die ganze Szenerie mit Deich, Schilfgras, Bäumen und Wolken. Gut 400 Stunden lang wird sich Dario mit dieser klassischen Jagdszene beschäftigen. Zwei bis drei Monate kann es dauern, bis die fein ziselierte Basküle – das Mittelstück zwischen Kolben und Lauf – mit dem vom Kunden gewünschten Motiv fertig ist. Jemand hat den Namen des Auftraggebers auf einen Zettel gekritzelt: Sig. Riccardi. 

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Riccardi? Dario zuckt mit den Schultern. Sein Vorgesetzter weiß auch nicht, wer das ist. Niemand interessiert sich dafür, wer da mal eben 50 000 Euro auf den Tisch legt, um ein Luxusgewehr aus der berühmten Beretta-Waffenschmiede mit nach Hause zu nehmen. 

Passionierten Jägern ist kein Preis zu hoch und kein Weg zu weit, um so ein Prachtexemplar zu erwerben. Die Fabbrica d’armi Pietro Beretta liegt abgelegen im Val Trompia, einem engen, düsteren Tal unweit von Brescia. Keine Spur von italienischer Leichtlebigkeit oder von dem sonnigen Klima, das nur ein paar Kilometer weiter südlich, in der Franciacorta, die Trauben für Italiens beste Schaumweine reifen lässt. In den Wipfeln der steilen Colombine-Berge hängen oft Regenwolken, nur ganz selten wird es im Provinzörtchen Gardone richtig heiß. So mag es auch kein Zufall sein, dass hier nicht Weine hergestellt werden, sondern Waffen. 

Gardone Val Trompia gilt als ein Zentrum der Waffenproduktion, mehr als 100 Betriebe sind in diesem Bereich tätig. Das war schon immer so, wohl weil die Berge, die Wälder und der kleine Fluss Mella liefern, was für die Herstellung notwendig ist: Eisen, Holz und Wasser. Einige der Waffenschmieden sind unter Insidern bekannt: Bernardelli beispielsweise, zweitgrößter Hersteller vor Ort, mit Jahresstückzahlen um 2000, höchstens. Oder Perazzi, ein auf Sportgewehre spezialisiertes Miniunternehmen. 

„Das sind Konkurrenten, die man nicht unterschätzen darf“, sagt Ugo Gussalli Beretta, zurzeit Präsident der Beretta Holding und Oberhaupt der Dynastie. Er meint es ernst, obwohl täglich 1500 Waffen das Beretta-Werk verlassen und obwohl weltweit 22 nationale Polizeieinheiten – von der französischen Gendarmerie Nationale über die spanische Guardia Civil bis zu den amerikanischen State Police Forces – mit Beretta-Pistolen arbeiten und obgleich allein bei den letzten Olympischen Sommerspielen in Athen sechs Medaillen von Sportlern mit Beretta-Gewehren gewonnen wurden. 

Die Berettas sind die unangefochtenen Könige ihrer Zunft. 15 Generationen lösten einander seit 1526 bis heute in der Leitung des Unternehmens ab. Nur wenige Familienunternehmen können auf eine längere Firmengeschichte zurückblicken. Im Waffenbereich hält sich die Beretta Holding an der Spitze – still, diskret und unaufgeregt, mit rund 700 Verkaufsstellen auf fünf Kontinenten, 2535 Angestellten und einem Nettoumsatz von fast 390 Millionen Euro im Jahr 2004. Wie sehr sich ihr Metier von dem anderer, ebenso erfolgreicher Repräsentanten der italienischen Industrie unterscheidet, zeigt sich nicht zuletzt im Auftreten der Familie: Publicity wird weder gesucht noch geschätzt. 

Noch nie tauchte ein Beretta in der italienischen Regenbogenpresse auf. Personenkult wird ebenso wenig betrieben wie professionelle Imagepflege. Man definiert sich über das, was geschaffen wurde und weiter geschaffen wird. Es sind Waffen, das ist richtig, doch niemand hier achtet darauf. Für die Leute im Val Trompia sind es einfach Produkte, teils Luxusgüter, teils Gebrauchsgegenstände, aber stets mit größter Sorgfalt produziert und von seltener Perfektion. 

„Unsere Branche ist klassisch. Es gibt keine Moden und keine Trends, aber viel Tradition“, sagt Ugo Gussalli Beretta. Ein Satz, der zu seinem Unternehmen passt, aber auch zu ihm selbst: ein Herr in den Sechzigern, bodenständig und gelassen, mit ausgeprägtem Pflichtgefühl und gesundem Menschenverstand. Er ist in der imposanten Villa aus mächtigen weißgrauen Steinquadern unter der strengen Obhut zweier Onkel aufgewachsen, die ihn zielstrebig zum Unternehmensführer formten. Ugo Gussalli Beretta verbrachte sein Leben logischerweise inmitten von Waffen. Im zarten Alter von sechs Jahren ging er auf die Jagd – so wie ihm heute sein Enkel Carlo Alberto in die dichten Wälder des familieneigenen Jagdreviers folgt, frühmorgens, wenn der Nebel tief zwischen den Bäumen hängt und andere Jungen noch schlafen. 

Der Großvater zeigt dem Kind, wie man zielt, wie man trifft und welche Regeln es dabei zu befolgen gilt: Geschossen wird lediglich auf zur Jagd freigegebene Tierarten, stets muss die Beute eine Chance erhalten, niemals darf sie unterschätzt werden. Die Jagd ist die Schule des Lebens, davon ist Ugo Gussalli Beretta überzeugt, und der kleine Carlo Alberto, Sohn von Franco Gussalli Beretta, dem Vizepräsidenten der Waffenschmiede, und Neffe des ebenfalls als Vizechef der Holding fungierenden Pietro Gussalli Beretta, ist ein gelehriger Schüler. Der Kleine kennt schon die verschiedenen Waffentypen, unterscheidet die Kaliber und weiß, dass die Revolver der „Spaghetti-Western“ von Regisseur Sergio Leone aus den Fabriken seiner Familie stammen. 

Die ganze Bandbreite der Produktion lässt sich im firmeneigenen Museum besichtigen. Es befindet sich gleich neben der Beretta-Villa in einem 1880 errichteten Gebäude. Eine Zeichnung von 1888, die heute im angrenzenden Konferenzzimmer hängt, zeigt, wie wenig sich seit damals verändert hat: dieselben Fresken an Decke und Wänden, dieselben Eichenvitrinen, sogar die Heizkörper sind dieselben, und sie funktionieren auch heute noch. 

Rund 1000 Exponate, nicht alle aus eigener Herstellung, hängen und liegen in mild beleuchteten Holzkästen, darunter 400 Jahre alte Beretta-Gewehre, das deutsche Sturmgewehr MP44, das als der Vater aller modernen Angriffsgewehre gilt, zwei Pistolen mit Elfenbeinverzierungen aus dem Besitz von Elisa Baciocchi, der ältesten Schwester von Napoléon Bonaparte, sowie kuriose Miniaturen, in Italien als „mazzagatto“ (Katzenkiller) bekannt, deren Funktion weit über das Schreckmoment hinausgeht. Nachverfolgen lässt sich hier auch die Entwicklung von der ersten halbautomatischen Pistole aus dem Jahr 1915 über das Modell 92 S, das als erfolgreichste Waffe aus der Beretta-Produktion gilt und von den amerikanischen Streitkräften benutzt wird, bis zur kompakten, superleichten, hochmodernen 9000 S, gestaltet von Giorgetto Giugiaro, dem italienischen Automobil-Designer: ein aerodynamisch geformter Karabiner aus Technopolymer und Fiberglas, der bestens in die Hollywood-Requisitenkammer für die „Matrix“-Trilogie gepasst hätte. 

„Es ist nicht einfach, mit den immer neuen Anforderungen des Marktes Schritt zu halten“, sagt Ugo GussalliBeretta. Doch es scheint ihm zu gelin-gen. Ein Stockwerk unter der musealen Waffenkollektion rotieren insgesamt fünf ultramoderne Fanuc-Roboter aus Deutschland um mehrere Achsen. Die computergesteuerten MultitaskingMaschinen erledigen ganze Arbeitsgänge ohne menschliches Zutun und zeugen von der Zukunftsorientiertheit des Traditionsunternehmens. 

Noch spannender ist der Blick über die Schulter der Handwerker. Sie produzieren jene rund 250 handgefertigten Gewehre, die jährlich das Werk verlassen, darunter auch vier, fünf besonders wertvolle Stücke, die für 100 000 Euro und mehr den Besitzer wechseln. Allein einen Kolben aus besonders schön gemasertem Nusswurzelholz zu formen, zu feilen und zu ölen kann mehrere Monate dauern, zumal oft die persönlichen Maße und Schießvorlieben des Käufers mit in die Konstruktion einfließen müssen. 

15 Leute arbeiten im Gravurbereich, sie haben vier Jahre lang an der werkseigenen Gravurschule gelernt und sitzen nun bis zu 700 Stunden lang an einer einzigen Basküle. Dabei sind Jagdmotive wie jenes, an dem Dario arbeitet, die leichtere Übung. Schwieriger wird es, wenn etwa die Formel-1-Legende Jackie Stewart seine drei Lieblingsrennautos auf den Kolben graviert haben will. Oder wenn, wie bei einem italienischen Multimilliardär geschehen, acht Gewehre mit den Abbildungen von acht unterschiedlichen venezianischen Villen verziert werden sollen. Zwei Jahre Wartezeit sind für solche Sonderwünsche die Regel. 

„Wir haben viele Kunden mit sehr extravaganten Vorstellungen“, sagt der Firmenchef. Mehr ist ihm nicht zu entlocken. Kein Wort zu Namen, Sammlungen oder Summen, das die Neugierde von Nichteingeweihten befriedigen könnte. Er lacht, wenn nach Kunden wie George W. Bush und seinem einstigen Herausforderer John Kerry gefragt wird. Jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt, weiß, dass die beiden, so unterschiedlicher Meinung sie sonst auch sein mögen, bei der Jagd die gleiche Bockdoppelflinte bevorzugen: eine Beretta SO9 zum Preis von rund 80 000 Euro. Doch der größte Waffennarr ist George Bush senior. Er geht mit dem Beretta-Patriarchen ebenso zur Jagd wie der pensionierte US-General Norman Schwarzkopf, der einst die Truppen im ersten Irakkrieg der USA befehligte. Beinahe beiläufig erwähnt Signore Beretta, dass man zu dritt auf Großwildjagd in Afrika war. Details? Nein, wirklich nicht, es war ein Privaturlaub. 

Ungeachtet solcher Diskretion hat sich die Liste der prominenten Beretta-Kunden unter Kennern und Liebhabern längst herumgesprochen: Clint Eastwood und Arnold Schwarzenegger zählen dazu, Tom Selleck und Charlton Heston, Steven Spielberg und Tommy Mottola, Emerson Fittipaldi und Nigel Mansell. Einer der renommiertesten Fans lebt in der Schweiz: Es ist Vittorio Emanuele von Savoyen, einer der Nachfahren des früheren Königs von Italien. In seiner Genfer Villa soll der blaublütige Schusswaffen-Liebhaber eine besonders schöne Sammlung von Beretta-Schusswaffen beherbergen. 

Jüngstes Objekt der Begierde unter den Waffenliebhabern ist das Beretta-Gewehr UGB25 Xcel, eine halbautomatische Flinte, die gebrochen werden kann und die nahezu rückstoßfrei schießt. Das brandneue und innovative Beretta-Produkt ist soeben auf den Markt gekommen und wird von fachkundiger Hand getestet: Ahmed al-Maktoum, Spross aus der Herrscherfamilie von Dubai, olympischer Goldmedaillensieger im Doppeltrap-Schießen, probiert es derzeit aus. 

Patricia Engelhorn 

Fabbrica d’armi Pietro Beretta, Via Pietro Beretta 18, 25063 Gardone Val Trompia, Tel. 00 39/0 30/8 34 11, 

www.beretta.com 

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