Archiv: Keine Kompromisse

Politik+Weltwirtschaft I Spezial Sachsen Innerhalb weniger Jahre hat der Freistaat wieder den Anschluss an seine jahrhundertealte Tradition in der Luxusproduktion gefunden. 

Wir sind ein Luxusland.“ Der Mann, der das so selbstbewusst sagt, muss es wissen. Prinz Alexander von Sachsen ist Nachfahre von August II. („der Starke“), der vor 300 Jahren aus ganz Europa Spezialisten für die Luxusmanufakturen des Hofes anwarb. Unter der Ägide des kunstsinnigen Herrschers entstanden in Dresden der Zwinger und die Frauenkirche, wurde das Geheimnis der Porzellanherstellung, bis dahin nur in China bekannt, durch systematische Forschung entschleiert und die Porzellan-Manufaktur Meissen gegründet. 

Auch später blieb das Land mit den Uhrenmarken Lange oder Union und den Autobauern Horch, Audi und Autounion die führende Region für Luxusproduktion in Deutschland. Vor dem Krieg kamen mehr als die Hälfte aller Nobelkarossen in Deutschland aus Sachsen. Doch dann kam mit dem Sozialismus das Ende des Luxus, und als die DDR zusammenbrach, waren die großen Namen verschwunden – oder hatten sich im Westen etabliert. Einzig die Porzellan-Manufaktur Meissen überstand Nazizeit, Krieg, Sowjetbesatzung und 40 Jahre DDR weit gehend unbeschadet. 

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Nun, 16 Jahre nach der Wiedervereinigung, hat Sachsen endgültig das Comeback geschafft – als Standort von Luxus- und Lifestylemarken wie A. Lange & Söhne, Glashütte Original, der Automanufaktur Funke & Will, Porsche, BMW oder der Modemarke Haucke (Krawatten). In Chemnitz hat der kultige Unterwäsche-Produzent Bruno Banani mit seinem Chef Wolfgang Jassner seinen Sitz. Von den Top 10 des WirtschaftsWoche-Luxusrankings (35/2005) sind vier Marken in Sachsen beheimatet oder haben hier größere Standorte. 

Ironischerweise war es nicht zuletzt die Mangelwirtschaft der realsozialistischen Jahre, die nach der Wiedervereinigung die Luxusindustrie in Sachsen wieder aufblühen ließ. „Die Betriebe mussten viele Teile in Eigenregie herstellen“, sagt Prinz von Sachsen, Berater des sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt. „So blieben viele handwerkliche Fertigkeiten erhalten.“ 

Wie in der Uhrenstadt Glashütte: Der VEB Glashütter Uhrenbetrieb (GUB) stellte anders als viele große Marken 1989 noch eigene Lagersteine, Unruhen mit Spiralen und Kugellager her. Über 2000 Menschen waren hier beschäftigt. Ein paar Jahre später war die Zahl auf weniger als 200 geschrumpft – niemand wollte die grundsoliden, aber langweiligen Uhren kaufen. 

Dann kam 1989 Walter Lange, Urenkel des Gründers Ferdinand Lange, nach Glashütte, um zusammen mit dem damaligen Chef der Schweizer Luxusuhrenbauer IWC und Jaeger-LeCoultre, Günter Blümlein, die Familienmarke wieder zu beleben. Sie fanden noch genügend hoch qualifizierte Uhrmacher. 1994 legten die Pioniere erstmals wieder eine Kollektion vor, die den Vergleich mit den Modellen der Schweizer Topmarken nicht zu scheuen brauchte. „Wir haben von vornherein auf das Luxussegment gesetzt, weil wir bei Qualität und Ästhetik keine Kompromisse eingehen wollten“, sagt Lange. Heute kostet das günstigste Modell, die „1815“, etwas mehr als 8000 Euro; für den im vergangenen Jahr lancierten Lange-Tourbograph „Pour le Mérite“ muss der Liebhaber den stolzen Preis von 380 000 Euro einkalkulieren. 

Inzwischen hat Lange Konkurrenz bekommen. Glashütte ist mit meist hochpreisigen Marken wie Glashütte Original und Union (beide GUB), Nomos, Mühle, Wempe, Tutima sowie etlichen Zulieferern wieder die Uhrenstadt Deutschlands – wenn auch die Nobelmanufakturen GUB und Lange von den Schweizer Uhrenriesen Swatch Group und Richemont aufgekauft wurden. 

Topuhren entstehen mittlerweile auch in Dresden. Dort etablierte sich vor fünf Jahren der kleine, aber feine Uhrenhersteller Lang & Heyne. Gründer Marco Lang und ein Team von fünf Uhrmachern bauen pro Jahr nur 50 Zeitmesser. Die Wertschöpfung im eigenen Haus beträgt über 90 Prozent – ein ungewöhnlich hoher Wert in der Branche. Mindestens 35 Minuten braucht Lang, um eine Rohschraube fertig zu schleifen. Lang: „Selbst in Glashütte nimmt man sich dazu höchstens eine Minute Zeit.“ Die Modelle heißen Albert von Sachsen, Friedrich August I. oder König Johann, und königlich sind auch die Preise. Eine „Lang & Heyne“ kostet 20 000 bis 50 000 Euro, ein Unikat das Fünffache. 

Ein weiteres Luxussegment in Sachsen ist der Automobilbau. Funke & Will in Großenhain etwa setzt auf Unikate und Kleinstserien. Der Yes! ist ein Auto für Puristen. Kein Fahrzeug wiegt mehr als 940 Kilogramm, das leichteste, der Yes! Cup/R kommt gerade auf 540 Kilo. Servolenkung, Bremskraftverstärker, ABS? Fehlanzeige. Die Spitzengeschwindigkeit beträgt dafür bis zu 300 Stundenkilometer, für die Beschleunigung auf 100 braucht er nur 3,9 Sekunden. Selbst ein Ferrari F430 schafft es nur in vier Sekunden. Pro Jahr kommt die von den Ingenieuren Herbert Funke und Phillip Will geführte Manufaktur auf 50 Renner – jeder einzelne maßgeschneidert; Preis: ab 60 000 Euro aufwärts. 

Funke & Will sehen sich in der Tradition des sächsischen Luxusautobaus. In den Zwanzigerjahren bauten die Sachsen in Zwickau den legendären Horch Achtzylinder, 1931 präsentierten sie auf der Automobilausstellung in Paris den Horch 670, ein über fünf Meter langes zwölfzylindriges Sportcabriolet. Aus Zwickau kamen auch die Großraumlimousine Audi SS Zwickau und der Silberpfeil, mit dessen 16-Zylinder-Version Bernd Rosemeyer 1937 die Rekordzeit von über 400 Stundenkilometer fuhr. Heute entstehen in Sachsen nicht nur in Großenhain Edelschlitten. Porsche baut in Leipzig den Cayenne, VW fertigt in Dresden den Phaeton, BMW produziert in Leipzig die 3er-Serie. 

Die Wiege der sächsischen Luxusindustrie bleibt jedoch Meißen. Seit 1710 residiert die Staatliche Porzellan-Manufaktur in der Stadt an der Elbe. Der Begriff Manufaktur ist wörtlich zu nehmen: Ihre Drehscheiben betreiben die Porzellanwerker wegen des besseren Gefühls für die Arbeit noch immer mit den bloßen Füßen. Jedes Motiv ist handgemalt. Selbst den Abbau des Kaolins, des Rohstoffes für das „weiße Gold“, besorgen drei Mitarbeiter mit Hacke und Schaufel im unternehmenseigenen Bergwerk. Nicht zuletzt das Beharren auf handwerkliche Fertigung half, die schweren Jahre nach der Wende zu überstehen. So stand die Manufaktur nicht unter dem Druck, sofort in neue Anlagen zu investieren. Die Personalkosten machen mit rund 75 Prozent einen mehr als doppelt so hohen Anteil aus wie in anderen Gewerbebetrieben. Entsprechend teuer sind die Stücke: Ein Tafelgedeck für zwölf Personen mit dem klassischen Zwiebelmuster kostet 4776 Euro. Luxus ist eben nicht billig – das gilt auch für die Nobelprodukte aus Sachsen. 

lothar.schnitzler@wiwo.de 

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