Archiv: Keller geister

Diese Chefs de Cave repräsentieren ein Jahrhundert Champagner-Erfahrung. 

Als Kellermeister von Veuve Clicquot muss man sich warm anziehen. In den uralten Kreidekellern in Reims, wo sich die kostbaren Flaschen bis zur Decke stapeln, herrschen konstant frische elf Grad Celsius – sommers wie winters. Sechs Quadratkilometer – größer als manche Kleinstadt – ist das unterirdische Reich, das ein 25 Kilometer umfassendes Netz von Gängen durchzieht. In diesem Labyrinth finden sich nur diejenigen zurecht, die hier wirklich zu Hause sind. 

Roger Zèches, Jean Boureux, Charles Delhaye und Jacques Péters sind es. Das Kellerreich des Hauses Veuve Clicquot war und ist ihre zweite Heimat. Schließlich haben sie alle hier in diesen kühlen Gewölben den längsten Teil ihres Berufslebens zugebracht, jeweils als Chefkellermeister. Der ehren- und verantwortungsvolle Titel wird mehr vererbt als verliehen. Schon lange vor einem „Königswechsel“ wird der Nachfolger sorgsam ausgewählt und von seinem Vorgänger jahrelang vertrauensvoll für seine Aufgabe ausgebildet. Schließlich geht es um nichts Geringeres als die Qualitätssicherung des Champagners, und das über Jahrzehnte oder gar Lebensspannen hinweg. Wie das funktioniert, wissen diese vier Herren. Ihre Geheimrezepte sind nicht mit Gold aufzuwiegen und einzigartig in der Champagner-Region: Allein Veuve Clicquot kann heute vier Generationen von Chefkellermeistern vorweisen. 

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Roger Zèches, 101 

Im Keller von 1928 bis 1969 

In Berlin und Paris fliegen die Korken! Die Goldenen Zwanziger lassen den Champagner-Konsum steigen. Noch ist bei der Herstellung alles Handarbeit, und doch verkauft Veuve Clicquot bereits eineinhalb Millionen Flaschen pro Jahr. Als der frisch gebackene Ingenieur RogerZèches mit 24 Jahren beim ReimserTraditionshaus anfängt, erlebt er gleich die Herstellung eines Jahrhundert-Jahrgangs. Doch noch gebühren die Lorbeeren seinem Vater Alfred. Erst nach dessen Tod 1941 übernimmt Roger die Leitung bei Veuve Clicquot. Da ist er gerade von der Front zurückgekehrt und hat nur einen Wunsch: den Stil und den Ruf des Hauses zu wahren. Er vertieft sich in die Archive und gilt bis heute als wandelndes Lexikon. Unter seiner Regie entsteht einer der besten Jahrgänge des Jahrhunderts: 1955. 

Jean Boureux, 87 

Im Keller von 1937 bis 1979 

Skandale bewegen die Welt, als der Praktikant Jean Boureux bei Veuve Clicquot anfängt: Der Herzog von Windsor, im Jahr zuvor als König abgedankt, heiratet die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson, während Hitler-Deutschland aufrüstet. Derweil kümmert sich Boureux unbeirrt um die Fertigung der Fässer. Nach der Kriegsgefangenschaft durchläuft er alle Arbeitsschritte der Champagner-Herstellung und wird von Roger Zèches zum Nachfolger herangezogen. Als Boureux diese Position übernimmt, produziert er seinen eigenen „Skandal“: Er ersetzt die alten Holz- durch Edelstahlfässer, bei der Gärung den Eichen- durch einen Kronkorken und nimmt eine Verkorkungs- und Etikettierungsanlage in Betrieb. Unter ihm beginnt fürs Haus eine goldene Ära. 

Charles Delhaye, 84 

Im Keller von 1968 bis 1986 

In Europa gehen die Studenten auf die Barrikaden, die USA rüsten sich zum ersten bemannten Mondflug, als Charles Delhaye zum ersten Mal in den Keller von Veuve Clicquot hinabsteigt. Der Newcomer war vorher bei anderen Champagner-Häusern tätig und hat bei seinem neuen Arbeitgeber eine Herkules-Aufgabe zu erfüllen. Das Haus Veuve Clicquot befindet sich mitten im Aufschwung, die Nachfrage steigt unaufhörlich. Um sie zu befriedigen, braucht das Unternehmen dringend mehr Wein. Delhaye schafft erst einmal neuen Lagerplatz und organisiert den Keller um. Dann macht er sich auf die Reise durch die Winzerdörfer der Region. Er findet neue Lagen für die zusätzlichen Volumen – und nebenbei auch seinen Nachfolger Jacques Péters. 

Jacques Péters, 60 

Im Keller seit 1979 

Als Margaret Thatcher in England ihre eiserne Führung übernimmt und Mutter Theresa den Friedensnobelpreis erhält, wechselt Jacques Péters zu Veuve Clicquot. Für den Spross einer Winzerfamilie und langjährigen Vorsitzenden einer Winzergenossenschaft ist es eine Offenbarung: „Als ich bei Veuve Clicquot anfing, war es, als ob ich in eine neue Religionsgemeinschaft eintreten würde.“ Sein profundes Wissen über Wein und die Weinberge der Region hilft ihm bei seiner wichtigsten Aufgabe, der Sicherung der Qualitätsmaßstäbe aus dem Jahr 1772. Der Weinankauf wird sein Steckenpferd, die Rolle als Champagner-Botschafter sein Hobby. Unter Péters’ Regie entstehen manche gute Jahrgänge, wie 1995, 1997 und 2002, sowie einer der besten des Jahrhunderts: 1985. 

Barbara Markert 

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