Kinder für Rente und Vaterland Renate Köcher über die öffentliche Debatte um Geburtenraten

Archiv: Kinder für Rente und Vaterland Renate Köcher über die öffentliche Debatte um Geburtenraten

Durch die aufgeregte Diskussion über die deutsche Geburtenrate wird wohl kaum ein ungeplantes Kind das Licht der Welt erblicken. Aber Anlass zur Verwunderung und – je nach Temperament – Heiterkeit oder Ärger bietet die Debatte mehr als genug. Sie ist symptomatisch für die Art und Weise, wie Probleme in der modernen Mediengesellschaft abgehandelt werden. 

Urplötzlich wird zum Thema, was eine bald 40-jährige Entstehungsgeschichte hat und seit Jahrzehnten vorhersehbar war. Nicht im letzten oder vorletzten Jahr ist die Geburtenrate abgesackt, sondern in den späten Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Immer wieder haben Bevölkerungswissenschaftler und einzelne Politiker auf diese Entwicklung und ihre Konsequenzen hingewiesen – ohne nennenswerte Resonanz. Erst jetzt, da sich die Situation der Rentenversicherung erheblich zuspitzt, wird Kinderlosigkeit als einer der Auslöser dieses Problems identifiziert. 

Anzeige

Die faktische Entwicklung von Problemen und die entsprechenden Aufmerksamkeitszyklen, Beachtung und Diskussion durch die Öffentlichkeit, laufen selten parallel. Analysen des Mainzer Instituts für Publizistik belegen, dass sich teilweise gravierende Probleme über lange Zeit aufbauen, ohne nennenswerte Beachtung zu finden, dass aber umgekehrt eine öffentliche Erregung über Probleme entsteht, die bereits weit gehend gelöst sind oder nie die Bedeutung hatten, die ihnen in der öffentlichen Debatte zugewiesen wurde. Wenn die Politik ihre Agenda an den gesellschaftlichen Aufregungszyklen ausrichtet, kommt sie meist zu spät oder landet auf dem Feld der symbolischen Politik. 

Neben der reichlichen Verspätung, mit der die niedrige Geburtenrate „entdeckt“ wurde, überrascht der frivole Umgang mit den Fakten. Der Aufregungszyklus setzte nämlich mit der Falschmeldung ein, Deutschland habe die niedrigste Geburtenrate der Welt, ausgenommen den Sonderfall Vatikanstaat. Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Allein in der EU haben zehn Staaten eine niedrigere Geburtenrate als Deutschland, unter anderem Italien und Polen. Deutschland ist kein Sonderfall. Alle weit entwickelten Länder verzeichnen durch die Erhöhung der Lebenserwartung und niedrige Geburtenraten eine starke Alterung ihrer Bevölkerung, nur teilweise mit zeitlichem Vorlauf oder um einige Jahre oder Jahrzehnte verzögert. Die beachtenswerten Sonderfälle sind nicht die Länder mit einer niedrigen Geburtenrate, sondern vergleichbare Länder, die zurzeit eine deutlich höhere Geburtenrate aufweisen wie etwa Frankreich. 

Neben der teilweise relativ schwachen Erdung an Fakten fällt in der Diskussion der letzten Wochen auf, dass sofort Fronten eröffnet und Feindbilder kreiert wurden. Statt beispielsweise konstruktiv zu fragen, was in einem Land wie Frankreich anders ist, wurden sofort die Generationen wie auch Eltern und Kinderlose gegeneinander in Stellung gebracht. Mancher Kinderlose war gewiss überrascht, wie rasch er vom geschätzten Steuer- und Beitragszahler zum geschmähten Schmarotzer der sozialen Sicherungssysteme mutierte. 

Die Bevölkerung verfolgte die Debatte mit wachsendem Unbehagen – nicht nur wegen der Frontstellungen, sondern vor allem wegen der instrumentellen und merkantilen Sicht auf Elternschaft und Kinder. Während manchem selbsternannten Kinderfreund offensichtlich gar nicht bewusst wurde, dass die Betonung der Bedeutung von Kindern für den Erhalt des derzeitigen Rentensystems zwar sachlich richtig ist, aber eher ein ökonomisches Interesse als Kinderfreundlichkeit signalisiert, erregte gerade dies Anstoß. 73 Prozent der Bevölkerung kritisieren den Verlauf der Debatte, da sie schlaglichtartig erhellt habe, dass es nur um Kinder als Wirtschaftsfaktor und Garant von Rentenzahlungen gehe; mit Kinderfreundlichkeit, so das Fazit der überwältigenden Mehrheit, habe diese Diskussion nur wenig zu tun. Besonders Frauen reagierten mit gemischten Gefühlen. 

Die Vorstellung, eine solche Diskussion könne einen Motivationsschub auslösen – Zeugen für Rente, Fiskus und Vaterland –, ist wohl eher unrealistisch. Eher wird der partielle Rückzug des Staates dazu beitragen, dass die Familie wieder an Bedeutung gewinnt. Bereits jetzt ist zu erkennen: Das wachsende Misstrauen gegenüber der Verlässlichkeit staatlicher Sicherheitsgarantien stärkt nicht nur die Bereitschaft zu Eigenverantwortung, sondern auch den Stellenwert der Familie. 

Eine fruchtbare gesellschaftliche Debatte über die Chancen, die Geburtenrate zu erhöhen, müsste zunächst einmal die Widersprüche aufarbeiten und verringern, die unsere gesellschaftlichen Rahmenbedingungen prägen. Nichts passt zusammen: Wir bilden Frauen heute genauso gut und kostspielig aus wie Männer, leisten uns aber nach wie vor eine unzulängliche Betreuungsinfrastruktur, die in Deutschland in auffallendem Kontrast zu allen Sonntagsreden steht, die die Bedeutung dieser Aufgabe hervorheben. 

Wir legen die gesetzliche Krankenversicherung so an, dass sie kurz- und mittelfristig umso gesünder ist, je mehr Versicherte zu den gutverdienenden Kinderlosen zählen. Wir ermuntern Frauen zur Konzentration auf die Familie und nehmen in Kauf, dass sich damit ihr Risiko drastisch erhöht, im Alter zum Sozialfall zu werden. Wir beklagen die niedrige Geburtenrate, ohne auch nur ansatzweise über die große Zahl an Schwangerschaftsabbrüchen zu diskutieren und zu fragen, ob alles getan wird, Abbrüche zu verhindern und Mut zum Kind zu machen. 

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Für fruchtbare und pragmatische Diskussionen gibt es genügend Stoff abseits der Aufregungszyklen, die meist wieder so rasch in sich zusammenfallen, wie sie entstanden sind. 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%