Archiv: Kluge Menschen

Unternehmen+Märkte I Spezial Cebit Graue Zellen statt schnelle Chips: Für Spezialfragen sind Experten-Portale oft besser geeignet als Suchmaschinen. 

Wer in Amerika vertraulichen Rat in einer diffizilen Steuerfrage sucht, findet ihn ausgerechnet im World Wide Web bei Ingenio.com, einem Internetunternehmen aus San Francisco. Ingenio reagiert auf jede Anfrage – mit einem Telefonanruf. Ratsuchende finden auf der Ingenio-Web-Site eine Liste mit mehreren Dutzend Steuerberatern, daneben ein Feld zum Anklicken: „Ruf’ mich an!“ 

Das Telefon klingelt zunächst aber nicht bei dem Internetsurfer, sondern bei einem der Berater wie etwa Bill Barchilon, Steuer- und Immobilienexperte aus Mesa im US-Bundesstaat Arizona. Die Computerstimme von Ingenio fragt Barchilon, ob er einen Web-Besucher annehmen möchte. Stimmt er zu, läutet das Telefon des Ratsuchenden – weniger als eine Minute nach dem Klick auf der Ingenio-Seite. 

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Mit schnellen Fragen erfasst Barchilon, was den Steuerzahler bedrückt. Zehn Minuten später legt der Anrufer auf. Länger dauern die Gespräche selten. Bis zu 40 Leute rufen in Stoßzeiten an; kurz vor demEnde des amerikanischen Steuerjahrs sogar so viele, dass er sein Telefon abstellen muss. „Ich habe immerhin noch ein Steuerbüro zu leiten“, sagt Barchilon. 

Die Menschenhand rührt sich im Internet immer häufiger. Das Netz enthält mehr Informationen als je zuvor, und die Suchsysteme von Google oder Yahoo kanalisieren die Daten mit immer ausgefeilteren Methoden. Dennoch erdrückt die Infomasse nicht selten die Nutzer; viele Resultate befriedigen die Suchenden nicht. Jetzt wollen kleinere Web-Dienste einen Ausweg eröffnen: Ans Ende der Leitung setzen sie nicht einen schnellen Computer, sondern einen klugen Menschen. 

Google investiert in schnelle Chips, Ingenio in graue Zellen. Der Dienst versammelt unter Live!Advice Experten in Steuer-, Gesundheits- und Computerfragen. Dadurch finden Suchende bei Ingenio deutlich mehr Informationen als bei den klassischen Suchmaschinen: Experten wie Steuerberater Barchilon helfen nach wenigen Klicks dabei, Geld zu sparen. Die Anrufer danken mit Zuspruch. Auf der Ingenio-Web-Seite leuchten neben Barchilons Pseudonym „Tax Bill“ fünf Sterne – die höchste Bewertung. Ansonsten müssen Ratsuchende rund 2,50 Euro pro Minute zahlen. Ein Teil fließt ins Ingenio-Geschäft, der Rest in Barchilons Tasche. Ingenios Marketingchef Marc Barach betrachtet den Superriesen Google noch nicht einmal als Konkurrenz. „Die Leute suchen Antworten, nicht Dokumente“, sagt Barach. 

Mit menschlicher Suchhilfe experimentiert auch Google. Unter www.answers.google.com können Web-Besucher Fragen stellen, sofern sie sich bei Google registriert und ihre Kreditkartennummer angegeben haben. Sie zahlen 40 Eurocent für jede Frage, die Google annimmt, und müssen überdies Geld für die Antwort bieten, mindestens 1,60 Euro höchstens 166 Euro. Die » Frage verbleibt 24 Stunden auf der Seite. Während dieser Zeit können Googles Experten entscheiden, ob sie die Frage für das angebotene Geld beantworten wollen. Bleibt die Antwort aus, kann der Frager in den folgenden 30 Tagen sein Angebot erhöhen. Antwortet irgendwann ein Experte, kassiert er 75 Prozent. Laut Google arbeiten die Experten als Wissenschaftler oder Berater überall in den USA. Ihre Antworten sind öffentlich, ihre Namen geheim. 

Ein namenloser Biologe beantwortet die Frage, warum Bakterien in Vulkankratern überleben, mit Akribie, knapp 1200 Wörtern und sieben Links, und ist willens, das Angebot von nur acht Euro anzunehmen. Ein Experte mit dem Pseudonym Pinkfreud reagiert auf die Frage nach herzkranken Prominenten mit einer langen Liste samt Links zu mehr Hintergrund. Pinkfreud lässt niemanden aus, weder David Bowie noch Marianne Faithfull oder Helmut Schmidt. Die Neugierde der Fragerin ist groß, sie hat 125 Euro geboten. 

Der Suchdienst Wondir.com hingegen will es demokratisch. Frager werden Experten, und wer heute eine Antwort gibt, wird morgen bei Wondir getrost Rat und Hilfe suchen können. Wondir.com gehört der Revolution Health Group, einem Gesundheitsdienstleister in der Hauptstadt Washington, ist jedoch offen für jedermann und alle Fragen. Die Web-Seite zeigt einen Kasten, in den Besucher eine detaillierte Frage tippen können. Die Frage landet in einer großen Liste und wartet hier darauf, dass andere Besucher sie lesen und schließlich beantworten. „Ich vertraue auf die Weisheit der Menge“, sagt Matthew Koll, Wondir-Gründer und Informatiker. 

Täglich treffen bis zu 8000 Fragen ein. Rund 200 000 Leute haben sich bislang bei Wondir eingeschrieben. Sie tauschen E-Mail-Adressen aus und kommunizieren miteinander unabhängig von der großen Liste. Wondir lebt nicht allein vom Senf, den die Menschen zugeben. Eine Software analysiert die Frage, leitet sie nicht nur zur großen Liste, sondern auch zu einer thematischen Unterseite. Die Chance, hier Gleichgesinnte zu finden, ist groß. Antworten treffen oft innerhalb von zehn Minuten ein. Mit einer E-Mail informiert Wondir den Besucher, dass sich jemand mit seiner Frage beschäftigt hat. 

Die menschgestützten Such- und Infodienste unterscheiden sich vor allem darin, wen sie an die Tasten lassen. Ingenio wählt die Berater so wenig wie Wondir. Experten wie Bill Barchilon müssen allerdings Berufspraxis vorweisen. Sie betreten den Ingenio-Marktplatz mit ihren Preisen und ihren Sternen. Sollte ein Ratschlag einen Kunden nicht befriedigen, erstattet Ingenio die Gebühr umgehend. Die Mehrzahl der Kunden ist glücklich, 95 Prozent kehren zurück. Bei Google löschen Redakteure unbefriedigende Antworten und stellen die Fragen erneut in die Seite. Sollte ein Experte mehrfach enttäuschen, fliegt er aus dem Google-Answers-Service. 

Doch niemand betreibt die Expertenauswahl so rigoros wie der New Yorker Wissensdienst About.com. Von 100 Kandidaten schaffen nur 15 den Abschluss eines dreiwöchigen Online-Trainingsprogramms. Am Ende sind sie ein Guide, ein Web-Lotse. Für About.com arbeiten sie nebenberuflich, betreuen ein Themenfeld wie Autokauf, Baseball, Wohnungsgestaltung, Raumfahrt oder griechische Küche, schreiben Texte, recherchieren Links, programmieren Web-Seiten, korrespondieren mit About-Besuchern. Guide-Chef Mike Daecher hat sie auf den About-eigenen Stil gedrillt. About.com versteht sich nicht als Suchdienst, sondern als Portal, hinter dem sich ein Netz von 500 Experten spannt. Sie greifen auf ein Archiv von 1,2 Millionen Dokumenten zurück. „Unsere Stärke sind Kompetenz, inhaltliche Tiefe und Abwechslung. Nichts wird öfter als einmal veröffentlicht“, sagt Daecher. 

About.com ist einer der ältesten und profitabelsten Wissensdienste des Internets. Er wurde 1996 gegründet und wechselte 2005 den Besitzer. Die Besitzer der „New York Times“ zahlten dem Medienhaus Primedia 340 Millionen Euro und erzielten im vergangenen Jahr bereits 43 Millionen Euro Werbeeinnahmen. Die Seite gehört zu den zehn meistbesuchten Web-Portalen des Internets. Laut Nielsen NetRatings, einem Institut, das die Besucherzahl kommerzieller Web-Seiten misst, klicken sich jeden Monat 29 Millionen Amerikaner durch About.com. Mehr als 40 Millionen kommen aus Lateinamerika, Asien und Europa, viele auch aus Deutschland. 

Auf muttersprachliche Expertendienste im Stile von Wondir.com oder About.com müssen die Deutschen aber einstweilen vergeblich warten. Es gibt zwar rund 180 deutsche Suchdienste, jeder nach Spezialgebieten bestens sortiert. Doch menschliche Weisheit speist nur Wikipedia.de, eine von Freiwilligen zusammengetragene Enzyklopädie mit rund 334 000 Einträgen. Google Answers, About.com und Ingenio beabsichtigen mangels kritischer Masse nicht, ihre Dienste nach Deutschland zu bringen. 

Wenigstens Ingenio-Berater Barchilon spürt die Steuernot mancher Web-Besucher aus Übersee, vor allem Amerikaner, die im Ausland arbeiten: „Einige fragen mich sogar nach dem Steuersystem in Deutschland. Aber da muss ich passen.“ 

bernd hendricks 

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