Konsens oder Exzellenz? Renate Köcher über irrationales Verhalten der Deutschen

Archiv: Konsens oder Exzellenz? Renate Köcher über irrationales Verhalten der Deutschen

So unterschiedlich die Urteile zur Situation des Landes auch ausfallen, in einem Punkt besteht weit gehend Konsens: Deutschland bleibt seit Jahren unter seinen Möglichkeiten. Nahezu 80 Prozent der Bevölkerung sind davon überzeugt, und diese Einschätzung zieht sich seit Längerem auch wie ein Leitmotiv durch viele Kommentare ausländischer Beobachter. 

Die eindrucksvolle Bilanz, die ein Teil der deutschen Wirtschaft präsentieren kann, widerlegt diese These nicht. Sie zeigt vielmehr, welche Erfolge mit einer klaren Analyse und Strategie, mit flexibler Anpassung an sich ständig wandelnde Rahmenbedingungen und der konsequenten Nutzung von Chancen zu erzielen sind, gerade in Deutschland und von Deutschland aus. Warum ist es in anderen Bereichen so schwierig, die notwendigen Veränderungen zu erreichen? Insistierend halten wir an Strukturen fest, von denen wir genau wissen, dass sie in Zukunft nicht tragen werden. 

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Ein wesentlicher, wenn nicht der wichtigste Grund für dieses auf den ersten Blick irrationale Verhalten ist der Versuch, einen wie auch immer gearteten Interessenausgleich herbeizuführen. Sind Veränderungen notwendig, gibt es im Prinzip zwei Wege: erstens die Maßnahmen durchzuführen, auch wenn dies erhebliche Opfer und Umstellungen verlangt. Oder aber zweitens zu versuchen, die Opfer und Unannehmlichkeiten für alle Betroffenen zu minimieren, auch wenn dies Abstriche am Ergebnis verlangt oder den Prozess verlängert. 

Gefangen zwischen großen Reformaufgaben und Handlungszwängen einerseits und ihrer Abhängigkeit von breiter Zustimmung andererseits, bleibt der Politik kaum anderes übrig als eine Gratwanderung zwischen beiden Optionen. Doch in Deutschland dominiert institutionell wie mental eine einseitige Ausrichtung auf den zweiten Weg: die Berücksichtigung aller Interessen zulasten eines möglichst raschen und guten Ergebnisses. 

Ob Föderalismus, besondere deutsche Ausprägung der Mitbestimmung, die Vielzahl gut organisierter und ausgestatteter Interessenverbände oder die Regulierung des Arbeitsmarktes – alles dient dem Schutz von Partikularinteressen gerade auch in Veränderungsprozessen. Untersuchungen belegen beispielsweise, dass die große Mehrheit der Bevölkerung den Föderalismus nicht als Möglichkeit schätzt, Vielfalt und einen Wettbewerb der Konzepte zuzulassen, sondern als politische Zwischenebene, die regionale Interessen gegenüber der Zentralgewalt wahrt. Gleichzeitig beklagt sich eine Mehrheit über zu langwierige und mühsame politische Entscheidungsprozesse. 

Der Wunsch, bei allem einen Interessenausgleich herbeizuführen, entwickelt darüber hinaus in Deutschland besondere Durchschlagskraft, weil er sich in hohem Maße mit Gleichheitsidealen verbindet. So hat die Mehrheit den Länderfinanzausgleich, bei dem die wirtschaftlich erfolgreichen Bundesländer die schwächeren alimentieren, nie infrage gestellt. Das gilt interessanterweise auch für die nach wie vor immensen Unterstützungszahlungen für die neuen Länder. 

Zwar bezweifelt mittlerweile die große Mehrheit, dass diese Zahlungen den gewünschten Erfolg erzielen, den Osten sukzessive von dieser Unterstützung unabhängiger zu machen. Trotzdem sind sie weder in der öffentlichen noch in der privaten Kommunikation ein Thema – obwohl der Sachverständigenrat die deutsche Wachstumsschwäche zum erheblichen Teil auf die Lasten zurückführt, die aus dem Versuch entstehen, die wirtschaftlichen Folgen von Jahrzehnten sozialistischer Planwirtschaft zu kompensieren. Das Ziel, möglichst gleiche Lebensverhältnisse zu garantieren, hat jedoch in Deutschland einen hohen Stellenwert nicht nur in politischen Programmen, sondern auch in der breiten Bevölkerung. Die Mehrheit möchte am liebsten in einem Land leben, in dem Unterschiede zwischen Einkommen und sozialen Verhältnissen relativ begrenzt sind. 

Trotzdem entsteht über den Länderfinanzausgleich und die Frage, ob die derzeitige Art der Ostförderung zumindest in ihrer Struktur sinnvoll ist, keine breitere Diskussion. Die Bereitschaft, geltende Regelungen auf den Prüfstand zu stellen, ist vor allem dann gering, wenn die Sorge besteht, Kontroversen auszulösen, in denen divergierende Interessen aufeinander prallen könnten. 

Alle Arten von Tabuzonen, von Denk- und Diskussionsverboten erschweren jedoch die rationale Organisation von Veränderungsprozessen. Wenn der Kompromiss das höchste Ziel ist, bleibt herausragender Erfolg außer Reichweite. Exzellenz ist in der Regel nicht Ergebnis von Kompromissen. Die ausgeprägte Ausrichtung auf Konsenslösungen hat Deutschland zu einem besonders ruhigen, stabilen Land gemacht, aber teilweise das Streben nach Exzellenz abgeschwächt. Wir brauchen mehr sportiven Ehrgeiz, das bestmögliche Ergebnis zu erreichen und uns den entsprechenden Einsatz abzuverlangen. Das Streben nach Exzellenz ist so unterentwickelt wie die Bereitschaft, Leistung und Erfolg gesellschaftlich anzuerkennen. 

Das beginnt bereits bei Erziehung und Bildung. Während in vielen anderen Ländern Kindergärten in hohem Maße Wissen vermitteln, eine Art Vorschule sind, dominiert in Deutschland noch die Vorstellung, die frühe Vermittlung von Wissen bedeute eine Zumutung und Bedrohung für Kinder. Bildung wird nach wie vor in erster Linie als eine Sozialleistung gesehen, bei der ungehinderter Zugang auf allen Stufen wichtiger ist als Selektion nach Leistung. Ein Land wie Deutschland kann sich im schärferen Wettbewerb aber nur behaupten, wenn es besonders gut, gleichzeitig besonders schnell und flexibel und hoch innovativ ist. Konsenslösungen werden dies kaum garantieren können. 

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