Archiv: Kreative Zerstörer

Stefan Baron zum 80. Geburtstag der WirtschaftsWoche 

Geschichte kann eine Last sein – oder Ansporn. Wir bei der WirtschaftsWoche beziehen aus unserer großen Tradition immer wieder neue Kraft zur Veränderung – um zu bleiben, was wir sind. 

In einer Woche feiern wir unseren 80. Geburtstag. Am 1. Oktober 1926 erschien in Berlin die erste Ausgabe von „Der deutsche Volkswirt“, aus dem 1949 „Der Volkswirt“ und 1970 schließlich die WirtschaftsWoche wurde. Gelegenheit, einen Augenblick innezuhalten, uns unserer Geschichte zu erinnern und unserer Identität aufs Neue zu vergewissern. 

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Gustav Stolper, der Gründer und erste Chefredakteur des „Deutschen Volkswirt“ wollte „eine Kombination aus ‚Economist‘ und ‚Nation‘“, wie er seinem Freund, dem österreichischen Ökonomen Joseph A. Schumpeter schrieb. Der, damals Professor in Bonn und auf dem Weg, neben Hayek und Keynes einer der drei einflussreichsten Ökonomen des Jahrhunderts zu werden, hatte von Stolper gefordert, die neue Zeitschrift müsse „eine große Sache sein oder gar nicht“. 

Sie wurde eine große Sache. Schumpeter selbst hat dazu entscheidend beigetragen. Er lieferte, auch als er schon nach Harvard gewechselt war, fleißig Beiträge und warb herausragende andere Autoren an. Mit Brief vom 30. August 1926 etwa lud er Wesley Clair Mitchell, den berühmten Ökonomen von der Columbia-Universität, zur Mitarbeit ein und pries die neue Wirtschafts-Wochenzeitschrift an: „It will be well done, by the first economic journalist of Germany... absolutely independant, strictly respectable, of the best level attainable here and is sure to be widely read.“ 

Bis Letzteres zutraf, sollte es noch Jahrzehnte dauern, aber großen Einfluss hatte die Zeitschrift auf Anhieb. Gustav Stolper wurde neben Theodor Wolff, so das „Handbuch der Publizistik“, einer der beiden Journalisten, die „das politische Leben und die öffentliche Diskussion“ im Deutschland der Zwanzigerjahre „entscheidend beeinflusst, oft sogar bestimmt“ haben. 

Leider ohne Erfolg. 1933 kamen die Nazis an die Macht, Stolper verkaufte seine Zeitschrift und wanderte in die USA aus. Nach Deutschland kehrte er nur noch einmal zurück, 1947, als Mitglied einer kleinen amerikanischen Expertengruppe, die für Präsident Harry Truman Vorschläge zum Wiederaufbau machen sollte. Stolpers Berichte wurden zu einer wichtigen Grundlage für den Marshallplan – den er jedoch nicht mehr erlebte. Er starb noch im selben Jahr. 

Auch die Fortführung des „Deutschen Volkswirt“ durch Franz Reuter, seinen Nachfolger an der Spitze der Redaktion, der nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 ins KZ Sachsenhausen gesteckt worden war, erlebte Stolper nicht mehr. Ebenso wenig die Wahl von Theodor Heuss, eines Mitarbeiters der ersten Stunde, zum ersten Bundespräsidenten der neuen Bundesrepublik. Die Zeitschrift hatte 1943 ihr Erscheinen einstellen müssen und kam erst 1949, jetzt als „Volkswirt“, wieder heraus – ohne den Zusatz deutsch, aber mit demselben Anspruch wie ihre Vorgängerin. 

Inzwischen ist aus dem Fachjournal für eine kleine Elite ein modernes Magazin für eine breitere Zielgruppe geworden. Aber die Tradition bleibt ungebrochen: Hohe Qualität, intellektuelle Unbestechlichkeit, eine liberale, weltoffene Einstellung sind auch uns bei der WirtschaftsWoche Verpflichtung. 

Und Schumpeters „kreative Zerstörer“ sind unsere Helden. In einem Land, in dem Unternehmer vielen immer noch (oder schon wieder) als Ausbeuter gelten, wirtschaftliche Entwicklung als Aufgabe des Staates und dessen Intervention in das ökonomische Geschehen als selbstverständlich betrachtet wird, sehen wir in privaten Unternehmern, einer freien Wirtschaft und offenen Märkten die besten Garanten für Wachstum und Wohlstand. Ad multos annos! 

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