Krise und Neubeginn Friedrich Merz über das Systemversagen bei VW

Archiv: Krise und Neubeginn Friedrich Merz über das Systemversagen bei VW

Das vordergründig so harmonische Miteinander bei VW hat viele Jahre für die Beteiligten viele Früchte getragen. Vorstand und Aufsichtsrat hatten bei allen noch so verrückten Vorhaben in den Nischen der Autowelt weit gehend freie Hand, die hauptamtlichen Arbeitnehmervertreter wechselten erst innerlich, dann auch vom Status her immer mehr auf die Seite der Manager. Und über all das segensreiche Wirken des Aufsichtsrates, des Vorstandes und des Betriebsrates hält unerschütterlich das VW-Gesetz seine schützende Hand: Jeder privatwirtschaftliche Eigentümer des Unternehmens wird auf Abstand gehalten mit maximal 20 Prozent der Stimmrechte auf der Hauptversammlung, auch wenn er mehr als 20 Prozent der Aktien besitzen sollte. 

So konnten über Jahre und Jahrzehnte alle Beteiligten fröhlich in den Tag hinein leben – während die Konkurrenten etwa aus Frankreich und Japan auf den globalen Märkten davonziehen. Vor allem das Beispiel Toyota zeigt, wie erfolgreich Automobilunternehmen heute auf Weltmärkten sein können. 

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Die Ausgangsvoraussetzungen waren für die Japaner nicht besser als für die Deutschen. Sowohl bei der Zahl der abgesetzten Fahrzeuge als auch bei der Zahl der Beschäftigten hat Toyota den Wolfsburger Konzern mittlerweile mehrfach überrundet. Der Unternehmenswert von Toyota liegt heute bei rund dem Zehnfachen von VW. Die Wolfsburger könnten heute der Weltmarktführer sein bei den großen Stückzahlen der Mittelklasse, aber andere teilen sich die Plätze auf dem Siegertreppchen und blicken amüsiert auf das Treiben ihres früheren Vorbilds herab. Diese Deklassierung des einstigen deutschen Vorzeigeunternehmens und Klassenprimus aus Wirtschaftswunderzeiten ist nicht den Versäumnissen einiger Führungskräfte zuzuschreiben. 

VW ist Opfer seines eigenen Systems , in dem die Kontrolle des Managements durch den Aufsichtsrat ebenso versagen muss wie eine wirkungsvolle Vertretung der Arbeitnehmerinteressen. Nicht zuletzt die Aushöhlung der Eigentümerrechte durch Stimmrechtsbeschränkungen und übermäßigen staatlichen Einfluss zeigen heute ihre langfristigen Wirkungen. Das Unternehmen hat strukturelle Probleme und steht so stellvertretend für viele Schwächen des deutschen Industriestandortes. 

Die Bilder von Piëch, Hartz und Volkert mögen bald in die Archive des Unternehmens wechseln und neue Köpfe die Bühne des Unternehmens betreten. Wenn sich aber nicht schon bald am System VW selbst etwas ändert, dann wird das Unternehmen als Ganzes aus den Problemen nicht herausfinden und insgesamt zum Teil der Wirtschaftsgeschichte unseres Landes werden. Einzelne Führungskräfte im Unternehmen sehen diese Gefahr sehr realistisch und warnen zu Recht vor den Folgen. In der vordergründig „Korruptionsaffäre“ genannten Krise um VW liegt deshalb die große Chance, nicht nur einzelne Köpfe auszutauschen, sondern die Ursachen des Problems anzupacken. 

Vor allem müssen die Verantwortlichkeiten im Unternehmen wieder klar getrennt werden. Ganz offensichtlich ist die Zahl der Interessenkonflikte zu hoch, denen sich nicht nur einzelne Betriebsratsmitglieder mit illegalen eigenen Firmen ausgesetzt sehen; zu fragen ist auch, welche Interessenkonflikte auf Seiten des Managements und des Aufsichtsrates im Verhältnis zu anderen Firmen im weit verzweigten Familienbesitz der Unternehmen VW, Audi und Porsche bestehen. 

In der Oberklasse machen sich die verschiedenen Marken im Konzern gegenseitig Konkurrenz, und die Modellpolitik versteht man jedenfalls als interessierter Laie nicht mehr. Ganz offenkundig stimmt das Verhältnis zwischen verkauften Fahrzeugen, beschäftigten Mitarbeitern und erzielter Eigenkapitalrendite an keiner Stelle. 

Über die Besonderheiten dieses Unternehmens hinaus steht auch das System der deutschen Mitbestimmung auf dem Prüfstand. Wenn die IG Metall allen Ernstes die Besetzung des Personalvorstandes von VW für sich reklamiert und sich dabei auf das deutsche Mitbestimmungsrecht und die Jahrzehnte geübte Praxis bei VW zugleich beruft, dann zeigt dies zweierlei: Zum einen, dass in Wolfsburg Machtpositionen aufgebaut wurden, gegen die im Interesse des Unternehmens als Ganzes nicht mehr entschieden werden kann. Zum anderen aber auch, dass diese Sehnsucht nach Konsens in unserer Gesellschaft – neben allen unbestreitbaren Vorteilen – immer wieder und viel zu häufig zu faulen Kompromissen und zur Kumpanei verführt. 

Auch hier gilt: Die Verantwortungsbereiche der Eigentümer, der angestellten Manager und der Arbeitnehmervertreter müssen wieder klar getrennt werden. Die deutsche Mitbestimmung hat ihre Zeit gehabt, aber sie muss nun angepasst werden an die neuen Herausforderungen in globalen Märkten. Deshalb müssen die Aufsichtsräte verkleinert werden, der Einfluss der externen Gewerkschaftsfunktionäre musszu Gunsten echter Mitverantwortung der Arbeitnehmer zurückgedrängt und die Besetzung des Vorstandes sollte ganz aus der paritätischen Mitbestimmung herausgenommen werden. Die Bestellung und Abberufung von Vorstandsmitgliedern ist allein Sache der Eigentümer und liegt allein in deren Verantwortung. 

Wenn jedoch die paritätische Mitbestimmung unverändert immer noch so gut ist, wie ihre Befürworter in beiden Lagern behaupten, spräche nichts dagegen, in Deutschland zumindest das konkurrierende System des einheitlichen Boards nach angelsächsischem Vorbild gleichberechtigt zuzulassen. 

Käme in diese Debatte jetzt Bewegung,dann hätte die Krise bei VW am Ende auch ihr Gutes. 

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