Archiv: Kühles Kalkül

Stefan Baron über den Iran und den Ölpreis 

Nichts ist spannender als Wirtschaft. Hervorragenden Anschauungsunterricht dafür liefert der aktuelle Atomstreit mit dem Iran: Hierbei handelt es sich weniger – wie weithin angenommen – um einen Fall von religiösem Fanatismus als um kühles Machtkalkül auf der Basis wirtschaftlicher Fakten. 

Die Regierenden in Teheran wollen, wie alle Regierenden in der Welt, möglichst lange an der Macht bleiben. Dafür müssen sie das Volk bei Laune halten. Präsident Mahmud Ahmadinedschad nutzt das nationale Nuklearprogramm daher dazu, den Ölpreis und damit die Öleinnahmen seines Landes hoch zu treiben und das Volk ruhig zu stellen. 

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Die steigenden Ölpreise spülten Teheran allein im vergangenen Jahr 50 Milliarden US-Dollar in die Staatskasse, obwohl die Förderung des Landes noch heute niedriger ist als zu Zeiten des Schahs. Die Regierung erhöhte mit den Einnahmen Löhne und Renten und subventioniertdie Preise wichtiger Produkte. Ein Liter Benzin kostet im Iran ganze zehn Cent (US). Kein Wunder, dass von Demonstrationen gegen das Regime derzeit nichts mehr zu hören ist. 

Das Spiel mit der nuklearen Bedrohung ist denn auch viel zu wichtig für Teheran, als dass es sich auf eine baldige Einigung mit dem Westen einlassen könnte: Die Folgen wären ein Absinken des Ölpreises, weniger Geld in der Staatskasse, weniger Geschenke fürs Volk und ein Wiederaufflammen der Unruhen im Lande. 

Ähnlich gelagert sind die Interessen anderer großer Ölproduzenten. Hugo Chávez in Venezuela oder Wladimir Putin in Russland zeigen der Welt immer wieder – nicht ganz so brutal wie der Iran, aber doch deutlich genug – ihre Folterinstrumente. 

Von den rund 85 Millionen Barrel Erdöl, die in der Welt täglich konsumiert werden, stammen nur etwa 2,5 Millionen aus dem Iran. Dennoch reicht das Drohpotenzial des Landes aus, den Ölpreis demnächst womöglich sogar über 100 US-Dollar pro Barrel hoch zu treiben, zumal es auch die Ölexporte des benachbarten Irak sowie der Scheichtümer am Golf durch die Meerenge von Hormuz leicht blockieren könnte. 

Angebot und Nachfrage auf den Weltölmärkten liegen derzeit so eng beieinander wie selten zuvor. Reservekapazitäten stehen so gut wie keine zur Verfügung. In den vergangenen 20 Jahren schmolzen sie von 15 Prozent der Produktion auf ein einziges Prozent zusammen. Grund dafür: die steigende Nachfrage vor allem vonseiten der Boomstaaten China und Indien sowie der Rückgang der Investitionen in die Ölförderung. 

Daran wird sich in überschaubarer Zukunft nichts ändern. Selbst wenn die größten Ölexporteure heute geschlossen damit anfingen, massiv in eine höhere Förderung zu investieren, würde es Jahre dauern, bis wirklich zusätzliches Öl fließt. Die Saudis immerhin wollen bis 2009 ihre Produktion von heute 9,6 auf 12,5 Millionen Barrel pro Tag steigern und dafür viele Milliarden aufwenden. 

Doch das wird nicht reichen. Nach Schätzungen der Investmentbank Goldman Sachs wären in den nächsten zehn Jahren Investitionen von 3,5 Billionen US-Dollar nötig, nur damit das Ölangebot mit der steigenden Nachfrage Schritt halten kann. Die großen Reserveländer – neben Saudi-Arabien, Iran, Irak, Venezuela und Russland – werden dieses Geld nicht investieren. 

Warum sollten sie auch? Dass die Welt, allen voran der Westen und hier wiederum die USA, unter dem hohen Ölpreis stöhnt, kann sie kalt lassen. Ihr Interesse ist es, so wenig Öl wie möglich zu fördern, den Preis möglichst hoch zu treiben und so ihre Macht mit Geschenken an das Volk möglichst lange abzusichern. 

Sie müssen nur darauf achten, dass die Weltwirtschaft nicht kollabiert. Denn dann wäre auch ihr Spiel aus. Nichts ist eben spannender als Wirtschaft. 

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