Archiv: Kunststücke

Haute-Couture-Kleider sindKunstwerke –so gutwie untragbar. Sie sind einTriumphdes Frivolen. Und das ist auch gut so! 

Text: Ingeborg Harms 

Fotos: Pascal Chevallier 

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Styling: Charla Carter 

Haare: Hugo 

Make-up: Delphine Erhardt 

Danke der Nachfrage: Die Haute Couture ist wohlauf und strotzt vor unternehmungslustiger Gesundheit. Wer ihrer Göttinnenparade jüngst in Paris zu Füßen saß, bekam eine unverwüstliche Energie zu spüren 

Haute Couture spricht unser ewiges Verlangen nach Exklusivität, Intimität und Schönheit an, nach sorgsam vorbereiteten Momenten, auf die sich hinfiebern lässt und die im Augenblick verglühen. Zu ihrer Natur gehören extreme Gegensätze: das sinnliche Ambiente diskreter Salons, die Allure makelloser Models, der Sturzbach funkelnder Ornamente einerseits und die Realität der Petites mains, der fleißigen Näherinnen im Schatten, andererseits. 

Und da sind vor allem die Frauen undefinierbaren Alters, die in den ersten Reihen der Defilees ihre Manolo Blahniks zeigen, um herauszufinden, welches vestimentäre Kunstwerk sie zu dem nächsten Fundraising Dinner, der Hochzeit im schottischen Highlandschloss, der Sommerparty am Cap d’Antibes tragen sollen. Dienstfertige Geister umschwärmen sie wie strahlende Prinzessinnen und achten darauf, wer außer ihnen dasselbe Modell bestellt hat, um zu vermeiden, dass eine Kreation, von der es bis zu vier Exemplare geben kann, in demselben Gesellschaftskreis landet. 

Der weltweite Kundenstamm ist überschaubar: Chanel spricht von gut 200, das britische Gesellschaftsmagazin „Tatler“ von 2000. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. 

Die Namen der Kundinnen sind in jedem Couturehaus ein Staatsgeheimnis. Aber so viel steht fest: Vor der Tür, wohnen sie meist nicht. „Die Franzosen haben kein Geld mehr“, so Cathérine Rivière, die Directrice des Salon Christian Dior. In der Chanel-Kartei hingegen ist das französische Großbürgertum offenbar weiter sehr präsent: „Das sind Damen, die man nie in Hochglanzmagazinen sieht und die doch jede Saison ein neues Stück bestellen“, so Véronique Perez, Pressechefin bei Chanel. Aber auch New York und London sind wichtige Märkte. Dort werden die Kollektionen in den Luxusetagen der Tophotels ein weiteres Mal nach Paris vorgestellt: „Die Haute Couture bewegt sich auf den Kunden zu“, sagt Perez, „die Premiers de l’atelier reisen bis zur Fertigstellung drei- bis viermal zu der Auftraggeberin, außerdem stehen wir durch Fotos und E-Mail in Kontakt. In Paris verwahren wir für jede Kundin ein Holzmannequin, einen so genannten Stockman, an dem wir uns orientieren.“ 

Noch etwas hat sich geändert: „Die Interessentinnen sind viel jünger geworden“, fährt Véronique Perez fort, „und verdienen selbst das Geld, das sie bei uns investieren.“ Eisern wehrt die Chanel-Sprecherin alle Namen und Preise betreffenden Fragen ab und gebraucht wiederholt das Wort „déontologie“, was nach Auskunft des Lexikons „Berufspflichtenlehre“ bedeutet und eine Ahnung davon vermittelt, wie eng der Fortbestand der Haute Couture mit ihrer Verschwiegenheit zusammenhängt. 

Neben Prinzessinnen aus der Golfregion und europäischem Adel setzt sich die Haute-Couture-Gesellschaft vor allem aus amerikanischen und russischen Milliardärinnen zusammen. Hollywood zahlt in Form von werbewirksamen Auftritten bei der Oscar-Verleihung, diesseits des Atlantiks werden Schauspielerinnen nach Cannes gern mit einer handgefertigten Designerrobe auf den Weg geschickt. Als Käuferin von Haute Couture namentlich bekannt ist etwa Suzanne Saperstein aus Kalifornien. Angeblich lässt die Dame jährlich eine Million Dollar in Paris. Fest steht: Für ihre Unterstützung der französischen Kultur wurde Saperstein mit dem Banner der Ehrenlegion belohnt. 

Ähnlich umworben ist das Scheckbuch der Ölkönigin und Houstoner Gesellschaftsdame Lynn Wyatt, die den Jetset alljährlich zu ihrer rauschenden Geburtstagsparty in die Villa Romana an die Côte d’Azur einlädt. Spitzenkundinnen sind auch die libanesische Milliardärin Mona Ayoub und die Französin Jacqueline de Ribes. Erstere hat in ihrem begehbaren Kleiderschrank mittlerweile angeblich 1500 Kreationen aus Paris hängen, letztere zur Aufbewahrung ihrer Vintage-Kleider eigens ein zweites Appartement angemietet. Die Konservierung einer Robe verlangt nach speziell temperierten Containern, gigantischen Humidors gleich. Nur dort sind Seide, Tüll und Federn taufrisch und frei von Staub aufzubewahren. Da kommen stattliche Werte zusammen. Bei Christian Lacroix ist zu hören, dass die Preisliste für eine Kreation der Haute Couture im vierstelligen Euro-Bereich beginnt.Cathérine Lardeur, Directrice bei Jean Paul Gaultier, ist etwas genauer: Rund 16 000 Euro kostet ein schlichter Abendpelz, eine Robe ohne große Extras ab rund 20 000 Euro. Véronique Perez hält nichts von Taxierungen: Es gebe keinen Durchschnittspreis für ein Couture-Kleid, bei demalles vom individuellen Wunsch der Käuferin abhänge und den bis zu 300 Arbeitsstunden, die dafür zu berechnen sind. Bei Hochzeitsroben können die Preise ins Astronomische gehen, zumal Chanel auch über eine Haute Joaillerie verfügt, ein eigene Juwelenlinie. „Bei einem Couture-Kleid geht es nicht um die Kosten“, sagt Perez, „selbst wenn es frivol klingen mag: Für die meisten Kundinnen ist der Preis nur ein Detail.“ 

Das gilt gewiss für jene morgenländische Givenchy-Kundin, die sich ein Kleid bestellte, das farblich dem Innendesign ihres Privatjets entsprach. Oder für eine andere, die sich von ihrem Weinkeller zu einem Maß-Smoking mit echt künstlichen, aufgenähten Spinnweben inspirieren ließ. Oder für eine dritte, die sich ein Outfit einfach mal auf Vorrat zulegte – für den Fall, dass sie einmal Kamelreiten ginge. 

Am Chanel-Runway sitzt Ivana Trump neben Oprah Winfrey unübersehbar in „shocking pink“ und erwehrt sich der Krämpfe, die farblich passende Stilettos ihr bescheren, durch elegante Beingymnastik. Einen Muskelkater dürfte auch Melania Knauss, Exmodel und künftige Mrs. Trump, bei ihrem Paris-Ausflug bekommen haben. In einer Tour de force rauschte sie durch sämtliche französischen Modehäuser, um ein dem Anlass gewachsenes Hochzeitskleid zu finden. Nach der Dior-Schau schwärmte Knauss, dass John Gallianos weiße Märchenrobe „schwer zu toppen“ sei, doch bei dem anschließenden Salon-Besuch in der Avenue Montaigne ließ sie sich nicht in die Karten blicken. „So ist es immer“, kommentiert Cathérine Rivière, „sie sind begeistert, dann gehen sie wieder. Ein Haute-Couture-Kleid kauft man nicht in zehn Minuten. Auf diesem Niveau gehen der Entscheidung zahlreiche Verhandlungen voraus.“ In den oberen Stockwerken von Christian Dior sind die tags zuvor über den Laufsteg geschickten Kreationen wie von Botticelli erträumte Venus-Altäre inszeniert, drei, vier Roben pro Raum. Die Künste des hauseigenen „Flou“-Ateliers reizt John Galliano durch Drappierungen aus, in deren Tiefen jene atemberaubende Korsage von klassischer Strenge steckt, der Model Alek Wek vor dem Defilee einen Übelkeitsanfall verdankte. Galliano bezeichnet die Scheinwerfern gleich heraus gearbeitete Büste und die konturierten Hüften seiner Signatursilhouette als „Cadillac“-Form. „Es ist nicht unser Ziel, extravagant zu sein“, wehrt Rivière elegant ab: „Aber ein Haute-Couture-Kleid sollte den Betrachter schon einen Schritt zurücktreten lassen. Einen solchen Eindruck erzeugen nur gewisse Übertreibungen wie das extreme Volumen. Das betrifft auch die Präsentation auf dem Laufsteg: unsere Models sind zwei Meter groß und haben einen Taillenumfang von 54 Zentimetern.“ 

Haute Couture ist also sehr unpraktisch. Ein Heer spezialisierter Handarbeiter tut sein Bestes, die Kleider so straßenuntauglich wie möglich zu machen. Die Bauchtanzregionen der Harem-Jumpsuits aus Transparenzspitze und perlenübersäten Mermaidroben des Libanesen Zuhair Murad die in arabischen Fürstenhäusern reißenden Absatz finden, können nicht mehr ausgezogen werden, sondern müssen heruntergerissen werden. Ihr Sinn ist die Verausgabung, das Verbrennen unserer kollektiven Kräfte und Vermögen, die eine flüchtige, rührend beseelte Erscheinung synthetisiert. Eine ätherische Erscheinung, für die es auf Erden kein Parkett gibt und die wir gerade, weil ihre Schritte ins Nichtshinaus gehen, mit frivoler Inbrunst lieben. 

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