Archiv: Lackmus-Test

Stefan Baron über neuen Patriotismus 

Die Deutschen hören gerne das Gras wachsen: Zeigte der Weltjugendtag in Köln eine Renaissance der Religion an? Künden die vielen schwarz-rot-goldenen Fahnen bei der Fußball-WM jetzt von einem neuen Patriotismus im Lande? 

Schau’n mer mal! Wahrer Patriotismus erweist sich (wie echte Religiosität) im Alltag: Das Deutschlandlied zu singen verlangt keine große Anstrengung, Fähnchenschwenken kostet nichts. Was aber ist, wenn es darum geht, entweder ein unliebsames Job-Angebot vom Arbeitsamt anzunehmen oder sich lieber von der Nation der Steuer- und Sozialabgabenzahler weiter durchfüttern zu lassen? Was ist, wenn die Frage lautet, den Staat um Subventionen und Protektion vor ausländischer Konkurrenz anzurufen oder den unbequemen Weg zu wählen und sein Unternehmen wettbewerbsfähig zu machen? 

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Patriotismus ist zu allen Zeiten vor allem anderen Bürgersinn gewesen: Patriotisch zu sein heißt in erster Linie, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, der Gemeinschaft möglichst nicht zur Last zu fallen, das Beste aus sich herauszuholen und so seinen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. 

Der Lackmus-Test für Patriotismus im Zeitalter der Globalisierung ist die Einstellung zum Thema Einwanderung. Patriot kann im 21. Jahrhundert nur noch sein, wer für eine aktive, gezielte Immigrationspolitik eintritt. Die vaterlandslosen Gesellen dagegen sind diejenigen, die Ausländer draußen halten wollen. 

Ziel einer solchen neo-patriotischen Immigrationspolitik muss es sein, für eine möglichst große Vielfalt an Talenten, gut ausgebildeten Arbeitskräften und kreativen Menschen hier zu Lande zu sorgen. Sie sind der beste Garant für permanente Innovation, der Schlüssel zu Wachstum und Wohlstand, Macht und Ansehen. „Vielfalt“, so der renommierte US-Ökonom Richard Florida („The Rise of the Crea-tive Class“), „ist nicht nur erfreulich, sie ist notwendig.“ Die drei großen T des Erfolgs für Florida: „Technologie, Talent und Toleranz.“ 

Unsere Zukunft ist weniger die Wissens- als die Innovationsgesellschaft. Wissen wird zur globalen Commodity, gute Ingenieure und Naturwissenschaftler gibt es auch anderswo, dazu reichlicher und billiger. Gefragt ist künftig auch weniger Six Sigma als Design. Und das geht weit über gefällige Formen hinaus; es bedeutet, die Konsumwünsche der Verbraucher rund um den Globus zu entdecken und zu erfüllen, noch ehe diese sie selbst artikulieren können (siehe Seite 44). All das stellt sozialpsychologische, anthropologische und ethnologische Anforderungen, die allein eine diverse Gesellschaft erfüllen kann. 

Leider hängen die Deutschen immer noch dem alten Ideal einer homogenen Gesellschaft an. Diese ist im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr zukunftsfähig. Die Wahl, vor der wir stehen, heißt: Entweder wir importieren die nötigen Talente, die wir brauchen, um Innovationen zur Routine zu machen und organisch wachsen zu können, oder unsere Unternehmen exportieren die Arbeitsplätze ins Ausland. 

Traditionelle Einwanderungsländer wie die USA wissen das: „Wir sind so erfolgreich, weil die richtigen Leute aus der ganzen Welt zu uns gekommen sind“, so Microsoft-Gründer Bill Gates. Zusammen mit anderen Unternehmensführern und über 500 US-Ökonomen fordert Gates jetzt denn auch, die nach dem 11. September verschärften Einwanderungsbedingungen für qualifizierte Arbeitskräfte deutlich zu lockern. Ihre Empfehlung: Den besten ausländischen Studenten mit dem Abschluss-Diplom gleich auch eine Green Card auszuhändigen. 

Ein guter Vorschlag – auch für Deutschland. Er würde nicht nur mehr und bessere Studenten aus aller Welt an unsere Hochschulen bringen (siehe Seite 32), sondern zugleich auch mehr für die Zukunft dieses Landes tun als alle Reformen, die sich die große Koalition vorgenommen hat. 

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