Archiv: Ladykiller

Der junge Schneider Andrew Gn bringt neues Leben in die Couture. Die Damen der Gesellschaft hat er schon gewonnen. 

Andrew wer? Gn. Nein, das ist kein Druckfehler. Beim Sprechen bekommen die beiden Konsonanten Klang: Ghin. Herr G(hi)n, 39, sieht aus wie ein Dschin. Klein, rund und kahlköpfig könnte er den Flaschengeist spielen, der in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht verkorkten Gefäßen entsteigt und seinen Befreiern drei Wünsche gewährt. 

Und irgendwie macht Andrew das ja auch. Er erfüllt sogar nahezu alle Wünsche seiner Klientel. Marie Chantal von Griechenland, Nadja Swarovski, Jessica de Rothschild, Céline Dion, Charlotte Rampling – die Liste seiner Fans ist lang. Er hüllt sie in wunderbar feminine Kleider aus luxuriösen Stoffen, die exklusiv für ihn gemacht werden. Detailversessen lässt er die Modelle mit handgenähten Fransen oder bestickten Knöpfen versehen. Asiatische Einflüsse – Gn ist in Singapur geboren und hat chinesische Vorfahren – mischt er gekonnt mit westlichen Traditionen. Berühmt sind seine kleinen, perfekt sitzenden Mäntel, die jeder Frau schmeicheln. Alles, was er schneidert, hat Allüre, die Damen der Gesellschaft liegen ihm zu Füßen. Seine Mode ist ein Ladykiller. 

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Givenchy, Ungaro, Versace, Balmain, Nina Ricci, Yves Saint Laurent sind keineHaute-Couture-Adressen mehr – sie liefern nur noch Prêt-à-porter. Bleiben Chanel, Dior, Valentino, Oscar de la Renta und Carolina Herrera. Und der „Weihnachtsmann der Mode“, wie sich Andrew Gn selbst bezeichnet. 

Er hat für anspruchsvolle Ladys immer etwas Besonderes zu bieten. Die Spitzenrobe in shocking Pink für den Polterabend am Vorabend der Prinzenhochzeit, das Minikleid aus Seide für den Fünfuhrtee in der Botschaft, den Cashmeremantel, der keusch den Babybauch verhüllt, das edle Kostüm für den Renntag in Ascot, die Caprihosen für den Sundowner auf der Yacht im Hafen von Saint-Tropez. 

All das und mehr gibt es bei dem Wahlpariser mit dem kleinen, feinen Couture-Studio in der rue du Temple. „Ich bin nicht darauf versessen, nur 25-Jährige anzuziehen“, sagt Gn, der bei Gianfranco Ferré und Emanuel Ungaro gearbeitet und die berühmte Designerschule St. Martins in London absolviert hat. „Meine Kundinnen sind zwischen 18 und 90 Jahre alt.“ 

Unbeschwert nimmt Gn an jeder Hüfte Maß. „Wenn der Schnitt gut ist, spielt das Gewicht keine Rolle. Bestes Beispiel dafür war Helena Rubinstein. Die üppige Lady trug zu ihrer Zeit Dior, Schiaparelli, Balenciaga und sah immer toll darin aus.“ 

Gn hat keine Berührungsängste. Wenn Catherine Prevost, die bekannte Londoner Juwelierin, zum Kaffeeklatsch lädt, kommen ihre Freundinnen – und Andrew Gn. Dann gibt es Obsttörtchen und Schokoladentorte. Zur Dekoration. Die Damen sind tadellos in Form und wollen es auch bleiben. Sie trinken Kaffee und tratschen. Und sie probieren Andrews neue Kleider. 

„Viele Designer pflegen keinen privaten Kontakt zu ihren Kunden“, sagt Gn, für ihn jedoch sei es „ein Privileg“. Nichts finde er schöner, als seine Kreationen an leibhaftigen Ladys zu bewundern. Kein Wunder. Bei der etwas anderen Tupperparty macht er schon mal 50 000 Euro Umsatz. 

So konnte Andrew seiner Mama jetzt endlich auch ihre Kreditkarte zurückgeben, die er lange Zeit arg strapaziert hatte. „Meine Kleider werden in 115 Läden in aller Welt verkauft. Das beschert mir ein Geschäft von fünf Millionen US-Dollar. Ich bin jetzt ein Junge“, so der Sohn aus gutem Hause, „der arbeitet.“ 

Angelika Ricard-Wolf 

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