Archiv: Le luxe, c'est nous

Das Comité Colbert gilt als Geheimwaffe der französischen Luxusindustrie. Die Generaldelegierte Elisabeth Ponsolle des Portes über Genie und Strategie einer Power-Branche. 

Die Mitglieder des Comité Colbert sind allesamt Luxusfirmen. Haben Sie eine offizielle Definition für Luxus? 

Das Comité Colbert will nicht Halter einer Luxusdefinition sein. Wir sind der Meinung, dass Luxus etwas sehr Individuelles ist, das sich weiterentwickelt. Mit einer rigiden Luxusdefinition würden wir die Evolution nur behindern. 

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Was ist heute Luxus, was früher keiner war? 

Zum Beispiel ein iPod oder ein hochwertiger Plasmabildschirm oder ein Auto mit erlesenen Extras. High Tech ist heute Luxus. Diese Branche würden wir gerne aufnehmen. Leider entspricht keine der französischen Marken unseren Vorstellungen. Der französische Luxus hat andere Schwerpunkte. Er wird identifiziert mit gutem Essen, einem schön gedeckten Tisch, einer elegant gekleideten Frau, eben dem „art de vivre“. 

Reicht deshalb Ihre Mitgliederliste von der Sattlerei bis zum Chocolatier? 

Das ist so gewollt. Als Jean-Jacques Guerlain 1954 das Comité mit 18 anderen Unternehmen gründete, war sein Ziel, das Image des französischen „art de vivre“ im Ausland bekannt zu machen. Dass er seinerzeit auch ein Hotel und einen Floristen aufnahm, zeigt die Weitsicht der Gründer: Für sie machte sich Luxus nicht nur an Waren, sondern auch an Dienstleistungen, fest. Heute wissen wir, wie Recht sie damit hatten. 

Was sehen Sie als größte Errungenschaft des Comité Colbert? 

Ganz wichtig ist unsere stete Präsenz im Ausland – und zwar als Verbund verschiedener Luxusunternehmen. Das Erschließen neuer Exportmärkte war von Beginn an eines unserer Hauptziele. Anfangs zielten wir auf die europäischen Märkte, ab 1970 dann auf die USA. Kurz danach kamen Japan, Hongkong, Südkorea, Thailand. 2005 stand im Zeichen von China. Ab diesem Jahr wollen wir Russland und Indien in Angriff nehmen. 

Gibt es mehr historische Verdienste? 

Wir nahmen die ökonomische Entwicklung der Luxusindustrie um viele Jahre vorweg. Anfangs war das Comité Colbert eine kleine Gruppe von Familienunternehmen ohne große Bedeutung, aber mit hohen Gewinnmargen. Diese Gemeinsamkeit erkannten Investoren, die im Verbund unserer Mitgliedsfirmen einen Sinn sahen. Das Comité gebar im Grunde die Idee der Luxuskonzerne. 

Inspirierte es Bernard Arnault bei der Gründung von LVMH? 

Bernard Arnault, ein langjähriges Mitglied, hatte das Genie, die Strategie des Comité Colbert in die Tat umzusetzen. Er schuf damit ein großes Vermögen. Doch er ist nicht der Einzige. Auch Ausländer, wie Johann Rupert von der Richemont-Gruppe, realisierten unsere Idee. Doch am meisten profitierten klar Franzosen. Der Beweis: Viele italienische Luxushäuser wie Bottega Veneta, Gucci oder Sergio Rossi sind heute in der Hand französischen Kapitals. 

Wie wird man Mitglied? 

Sehr wichtig ist uns, dass die Firma internationale Ambitionen hat, also am Export interessiert ist. Wichtig sind uns auch die Kreativität und die Ethik des Unternehmens – und natürlich die Exzellenz und die Poesie der Produkte. Haben die Waren eine Seele, kann man mit ihnen träumen? Wenn das alles erfüllt ist, muss ein Kandidat 75 Prozent aller Stimmen auf sich vereinen. Die gleiche Quote gilt auch, um im Comité bleiben zu dürfen. 

Kann auch Ausschluss drohen? 

Ja. Wir hatten vor rund 20 Jahren den Fall, dass ein bekannter Pariser Partyservice für einen Mitgliedskollegen aus dem Comité Colbert ein großes Fest in der Oper ausrichtete. Es waren 1500 Gäste geladen, am nächsten Tag waren 1000 davon krank, weil Salmonellen im Cocktail waren. Der Partyservice wurde gleich am nächsten Tag aus dem Comité ausgeschlossen. 

Und andere Ausschlussgründe? 

Nun, etwa wenn eine Marke heruntergewirtschaftet wird. Das ist ein ziemlich subjektives Kriterium und wahrscheinlich nur in Frankreich möglich. Jedenfalls wird alljährlich abgestimmt. Wer dann die Quote nicht erreicht, für den heißt es: „Adieu!“ Ohne diese Wahl würden wir uns langweilen. 

Was passiert, wenn ein Unternehmen von Ausländern gekauft wird? 

Nichts. Das Unternehmen kann bei uns bleiben, wenn die neue Führung es wünscht. Für uns zählt nur, dass die Kultur der Marke französisch bleibt. Nehmen wir das Modehaus Lanvin, das heute in taiwanesischem Besitz ist, oder das Haus Dupont, das seit langer Zeit zu einem Hongkonger Konzern gehört. Oder aktuell das Haus Taittinger: Dessen Hotels de Crillon in Paris und Martinez in Cannes sind ungeachtet der neuen amerikanischen Führung noch immer bei uns dabei. 

Wie viele Kandidaten bewerben sich? 

Rund 20 Firmen fragen an. Doch pro Jahr nehmen wir höchstens nur ein oder zwei neue Mitglieder auf. 

Wirbt der Club selbst Mitglieder an? 

Ja. Wir hätten sehr gerne eine Luxus-automarke dabei, aber alle, die uns gefallen, sind leider entweder englischen oder deutschen Ursprungs. Auch schauen wir immer wieder nach neuen, kleinen Firmen. Weder die Größe noch das Alter der Firma zählt. Doch gerade junge Unternehmer sind so sehr mit dem Aufbau ihrer eigenen Firmen beschäftigt, dass ihnen anfangs keine Zeit bleibt für das Engagement bei uns. 

Welche Verpflichtungen bringt die Mitgliedschaft mit sich? 

Arbeit. Wir haben neun Arbeitskommissionen. Jedes Unternehmen beruft pro Kommission einen Mitarbeiter, der dann alle zwei oder drei Monate an Meetings teilnimmt und Ergebnisse vorlegen muss. Nehmen wir das Beispiel unserer Kommission, die sich vordringlich um den Schutz des geistigen Eigentums kümmert. Zum Thema Fälschungen organisiert sie Ausflüge zum Flohmarkt im Pariser Vorort Saint-Denis, einem Hauptumschlagsplatz für Fälschungen. Doch ebenso gut veranstaltet sie auch Treffen mit der Welthandelsorganisation oder dem Bürgermeister von Peking. 

Wer plant die internationalen Events? 

Das gehört zu den Aufgaben der fest angestellten Mitarbeiter im Comité. Im vergangenen Jahr hatten wir eine große Veranstaltungsreihe in China mit einer Ausstellung in Shanghai, Treffen von unseren Mitgliedern mit chinesischen Politikern, Pressereisen für chinesische Journalisten nach Paris, einem Galadiner im Hotel Le Meurice. Das Gleiche wollen wir jetzt auch in Russland machen. 

Hat das Comité Colbert reagiert, als die Amerikaner französische Waren wegen des Neins zum Irakkrieg boykottierten? 

Nein, das war nicht nötig. Unsere Produkte waren ohnehin nicht vom Boykott betroffen. Niemand würde eine Flasche Spitzenwein für 300 US-Dollar in den Rinnstein kippen. Unsere Produkte richten sich an eine gebildete, gut informierte Klientel, die damals beim Boykott gar nicht mitgemacht hat. 

Glauben Sie, dass Luxus Zukunft hat? 

Selbstverständlich. Mehr als das. Die Nachfrage wird steigen. Je mehr global-konforme Produkte (fast alle mit dem Etikett „made in China“) auf dem Markt kommen, desto mehr wird der Konsument hochwertige Waren mit Lokalkolorit verlangen, also Luxusartikel. Dazu kommt, dass der ethisch korrekte Handel eine immer größere Rolle spielt. Ein Beispiel: Handgearbeitetes Holzspielzeug aus den Vogesen wird auf lange Sicht stärker gefragt sein als Plastikspielzeug aus China. Der Kunde will Individualität, und gerade deshalb wird das personalisierte und damit luxuriöse Produkt immer eine Zukunft haben. 

Die meisten ihrer Mitglieder sind weltberühmt. Wird Ihre Marketinghilfe heute noch gebraucht? 

Gewiss doch! Wir sind gewissermaßen das Bateau Lavoir des Luxus. Das Bateau Lavoir, das war jenes Künstlerheim in Montmart-re, wo Anfang des letzten Jahrhunderts Picasso, Braque und viele andere berühmte Maler wohnten. Bekannt wurde es, weil es ein Ort des intensiven, kreativen Austauschs, der epochemachenden künstlerischen Diskussionen und in dieser Eigenschaft eine der Keimzellen der modernen Kunst war. 

Sie sehen eine ähnliche Katalysator-funktion fürs Comité Colbert? 

Genau. Wir sind ein Club, in dem sich der Vorstandsvorsitzende eines Konzerns am Jungmanager einer kleinen Luxusfirma reiben kann, wo man sich austauscht über Probleme, gemeinsam brainstormt und sich bereichert zum Wohl der Marken. Alle unsere Mitglieder haben neben ihren individuellen auch das gemeinsame Interesse an der Fortentwicklung der Luxusindustrie. Diese Einheit ist unsere größte Stärke und das wertvollste Gut des Comité Colbert. 

Barbara Markert 

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