Liebe auf den zweiten Blick

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Von wegen Heuschrecke: Mittelständler entdecken Finanzinvestoren alsPartner für die Unternehmensnachfolge. 

Joachim Czech sollte sich glücklich schätzen. Er hat fünf Söhne – und damit eigentlich kein Problem, den Betrieb auch in der nächsten Generation als Familienunternehmen weiterzuführen. Doch der 72-jährige Czech hat sein Unternehmen, die Czewo Full Filling Service mit Hauptsitz in Neutraubling bei Regensburg, trotzdem verkauft. An einen Finanzinvestor: Mitte des vergangenen Jahres übernahm Argantis, ein von den Banken IKB und Sal. Oppenheim gesponserter Mittelstandsfonds, den Dienstleister mit Schwerpunkt in der Kosmetikindustrie komplett. 

Für Czech, der sein ganzes Leben dem eigenen Unternehmens gewidmet hatte, war die Verkaufsentscheidung nicht einfach. Doch rückblickend hält er sie für richtig: „Denn wie teilt man ein Unternehmen gerecht unter fünf Kindern auf?“ Mit dem Geld, das er für den Verkauf einstrich, ist das einfacher. „So kann ich meine Kinder nun bei ihren Aktivitäten unterstützen“, sagt der Senior. Auch Käufer Fritz Graf von der Schulenburg, Geschäftsführer von Argantis, ist mit dem Erwerb zufrieden: „Czewo hat sich weit besser entwi-ckelt, als wir es erwarten konnten.“ Dazu dürfte beigetragen haben, dass Czech mit seiner Erfahrung nicht von einem Tag auf den anderen aus dem Unternehmen ausschied. Er ist weiter Beiratsvorsitzender von Czewo und arbeitet als Berater des Unternehmens. 

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Das Beispiel zeigt, wie sich Mittelstand und Finanzinvestoren in Deutschland allmählich näherkommen. Schreckten viele Unternehmer bislang davor zurück, ihr Lebenswerk in die Hände eines Finanzinvestors zu geben, sind sie dazu nun immer häufiger bereit. Auch, weil Investoren an solche Beteiligungen heute anders herangehen. Statt mit standardisierten Übernahmemodellen kommen sie mit flexiblen Konzepten direkt auf die Unternehmer zu. Übernahmen Finanzinvestoren vor drei Jahren in Deutschland erst zehn Unternehmen aus Familienhand, waren es 2005 bereits 32. 

Aus den Fehlern der ersten Jahre, als Geschäfte meist an kulturellen Differenzen scheiterten, haben die Investoren gelernt. „Sie können als angelsächsischer Fonds mit Sitz in London und britischen Investmentmanagern nicht auf der Schwäbischen Alb auftauchen“, sagt Detlev Mackewitz, Private-Equity-Experte und Gründer von Avida-Advisors in München. Gesellschaften wie die Düsseldorfer IKB, die britische Beteiligungsgesellschaft 3i oder die ebenfalls in Düsseldorf beheimatete WestKB sind inzwischen bei mehr als 50 deutschen Mittelständlern engagiert. Einige » Fonds haben sich als Experten für Familienunternehmen etabliert. So stammen bei Quadriga Capital aus Frankfurt oder bei der Bad Homburger Equita, der Beteiligungsgesellschaft der Harald-Quandt-Gruppe, 50 Prozent der Unternehmen aus Familienhand. „In den vergangenen Jahren haben Finanzinvestoren im deutschen Mittelstand zum Teil so gute Arbeit geleistet, dass der Einstieg als Gütesiegel fürs Unternehmen gewertet wird“, sagt der Münchner Berater Mackewitz. 

So etwa bei dem Unternehmen Fritz aus Besigheim bei Stuttgart. Bei dem Hersteller von Glaseinkapselungen war der Gründer ohne Nachfolgeregelung verstorben. Im Jahr 2000 kaufte die Frankfurter Beteiligungsgesellschaft Quadriga Capital das Unternehmen von den Erben. Für Fritz lief es gut: Quadriga gab Geld für die Auslandsexpansion, und der Automobilzulieferer konnte so seinen Umsatz auf mehr als 180 Millionen Euro verdreifachen. 

Solche Beispiele sind mit für die veränderte Einstellung von Mittelständlern gegenüber Finanzinvestoren verantwortlich, glaubt Hans Moock, Geschäftsführer bei Equita: „Es gibt heute eine größere Bereitschaft, sich überhaupt mit uns an einen Tisch zu setzen und uns kennenzulernen. Wir sind salonfähig geworden.“ Um ein attraktives Angebot bieten zu können, bestehen einige Mittelstands-Investoren schon lange nicht mehr auf der Mehrheit am Unternehmen. Sie steigen bei Bedarf auch als Minderheitseigner ein. Stephan Krümmer, Deutschlandchef von 3i, weiß allerdings auch aus den Gesprächen mit Familienunternehmen: „Wir müssen beweisen, dass wir Kompetenz aus der Branche mitbringen.“ 3i engagiert für jeden Fall externe Branchenkenner, die dem Unternehmen über die Zeit des Investments als Beirat zur Seite stehen. 

Equitas neuer Fonds greift einen anderen Vorbehalt der Mittelständler auf: dass sich Finanzinvestoren nur als Partner auf Zeit sehen. Der neue Equita Fonds 3 ist als sogenannter Evergreen angelegt: Er muss nicht nach zehn Jahren sämtliche Beteiligungen verkauft haben, um das Geld an die Investoren zurückzuzahlen. Moock: „Deshalb können wir Unternehmen auch länger halten.“ 

Die meisten Familienunternehmen fürchten die typischen Auktionen, zu denen die ganze Branche Zugang hat. Oftmals holen sich Unternehmer deshalb spezialisierte Berater, die nur vier bis fünf handverlesene Käufer an den Start gehen lassen. „Familienunternehmer wollen nicht allzu viele Interessenten in die Bücher schauen zu lassen – und erst recht keine Wettbewerber“, sagt Gerhard Heinrich, Co-Gründer der Frankfurter M&A-Beratung Heinrich & Cie. Er und seine Partner machen rund 80 Prozent ihres Geschäfts mit der Beratung von kleineren und mittleren Familienunternehmern. Seiner Erfahrung nach haben sich „Finanzinvestoren im Verkaufsprozess als berechen-bare und rationale Verhandlungspartner bewiesen“. Dazu kommt: „Unternehmen, die Mittelständler dauerhaft übernehmen, wollen Synergien heben, und das heißt in der Regel Arbeitsplätze und Standorte abbauen“, sagt Heinrich. Das schmeckt keinem echten Familienunternehmer, der sein Lebenswerk sichern möchte. 

brigitte.haacke@wiwo.de | Frankfurt, stefanie burgmaier | Frankfurt 

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