Archiv: Liegen oder Stehen

Wolf Wondratschek entdeckt White Collar Boxing 

Lege dir jeden Tag für deine Sorgen eine halbe Stunde zurück, riet ein chinesischer Weisheitslehrer seinen Zeitgenossen und der Nachwelt, und in dieser Zeit mache ein Schläfchen. 

Klingt gut! Ein Nickerchen! Wie das um Gottes willen aber schaffen bei der Art von Sorgen, deren Qualität in einer Welt organisierter Gleichzeitigkeit und virtueller Mobilität Besorgnis erregend ist? Wen hält nicht allein schon der Gedanke wach, dass es welche gibt (und es gibt sie!), die, während du schläfst, hellwach weiter an ihrer Karriere basteln, und das nicht ausgeschlafen, sondern austrainiert? 

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Nein, nicht ein Schläfchen machen wir, sondern das genaue Gegenteil. Wir packen die Sporttasche, verstauen die nagelneuen Boxhandschuhe, die gebügelten Bandagen, das Everlast-T-Shirt (das von der Segelregatta vor den Bahamas heben wir uns für den Tennisplatz oder das Joggen auf) und pilgern, nein, nicht einfach in eines der üblichen Fitnessstudios, sondern neuerdings in so genannte Fight-Clubs – der bekannteste in London nennt sich unmissverständlich sogar The Real Fight Club, und das, was dort stattfindet, nennt sich White Collar Boxing, womit nicht die Hautfarbe der Kombattanten, sondern das Blütenweiß ihrer maßgeschneiderten Hemdkragen oder Manschetten gemeint ist – und geben uns Saures. Und wie! Manager, Ärzte, Rechtsanwälte, Banker, die altgedienten Profis der Wirtschaft wie die neuen, riskieren Kopf und Kragen, je nach Geldbeutel sekundiert von einem Trainer oder eben auf eigene Faust. Aber warum? 

Es ist offenbar was dran an der Behauptung, dass eine Welt, „in der der Unterschied zwischen Siegern und Verlierern wieder mit antiker Härte und vorchristlicher Unbarmherzigkeit an den Tag tritt“, dem Menschen, der sie bewohnt, auf Dauer nicht gut bekommt. Was dazu führt, dass wir siegen lernen wollen. Wer sich entschlossen hat, gut sichtbar (und im Vorwärtsgang) die Fäuste zu benutzen, der boxt nicht nur, sondern lässt einer Vielzahl von Wünschen freien Lauf. 

Allmorgendlich genussvoll ein paar Runden im eigenen Pool schwimmen, wie soll das als Training ausreichen angesichts rapide steigender Aggressionskapazitäten, mit denen wir ausgestattet sein müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben? Und wie nach Gebrauch dieser Kapazitäten sich wieder beruhigen, die glühenden Nerven abkühlen, sich abreagieren? Wie vom Kopf heimfinden in den Körper? Masturbation? Eine Nummer in einem Stundenhotel oder Bordell? Oder Yoga? Warum zur Entspannung ein Buch lesen, einen Roman etwa, wenn andere das auch nicht tun? 

Das Gedächtnis der Menschheit beginnt mit dem Zweikampf, dem Duell eines philosophischen Disputs – oder dem Wettstreit zweier Athleten. Standen die sich in einem in den attischen Sand gezeichneten Kreis gegenüber, galt die Formel: du oder ich! Am Ende liegt einer – und einer triumphiert. Das ist es, was es auszuhandeln gilt, bis heute. Boxen ist, so der Philosoph Peter Sloterdijk, „die fortwährende Ermittlung des Unterschieds zwischen Liegen und Stehen“. 

Also auf in den Kampf! Also stemmen sie Hanteln, springen Seil und fordern ihrem Körper jene Belastungen ab, die ihnen ein 18-Stunden-Arbeitstag (und ein auch nicht gerade wollenes Privatleben) nicht abverlangt. So schwitzen sie Sturzbäche aus an Schweiß und hören damit nicht eher auf, bis sie sich müde und deshalb friedlich genug fühlen für ein Lächeln. 

Auch der anfangs Skeptische spürt, kaum dass er den Angreifer erkennt und zur Selbstverteidigung die Fäuste benutzt, wieder das Blut durch die Adern fließen, den Kopf frei werden, sein Herz schlagen. Und genießt nach dem Gong zum Ende der letzten Runde (falls er sie stehend übersteht) die Wonnen der Entspannung, auch darüber, dass sich das Kompliziertgewordene vereinfachen lässt. 

Die wiedergewonnene Ruhe als Glücksgefühl, Abschied von überhöhten Geschwindigkeiten, vor allem denen der Gedanken. Mit den Konfusionen ist erst einmal Schluss. Wer die Boxhandschuhe abstreift, hat einen Selbstversuch hinter sich – und seine Sehnsucht gestillt nach einem überschaubaren Konflikt (was für ein Geschenk im Tohuwabohu eines Privat- und Berufslebens) und sich hoffentlich ein wenig verändert dabei. In der nach Regeln geführten sportlichen Auseinandersetzung Mann gegen Mann ist die Medizin versteckt, die auch Edelegoisten hilft. Die es nach Erfolg dürstet, trinken aus der Quelle der Selbstbefreiung. 

Es wird also geboxt. Ich kann dazu nur gratulieren: Es gibt kein besseres, kein umfassenderes Training, sich fit zu halten. Es hat lange genug gedauert, den Faustkampf vom Verdacht zu befreien, er sei ungesund, brutal, menschenunwürdig. Es ist deshalb klug, das Boxen der Kontrolle der Vorurteile zu entziehen, und sich nicht länger moralisch zu entrüsten. Dieser Sport ist das Beste, was ein Mensch für die Flexibilität seiner Muskeln, sein Reaktionsvermögen und die Koordination seiner Bewegungen tun kann. Und lehrreich ist er auch insofern, als Fehler umgehend bestraft werden. Wir befinden uns als Lernende der Boxkunst ja nicht in der Zone höchster Gefahr. Es sind ja im Training nicht zwei Gegner, die sich bekämpfen, sondern zwei, die sich in einer Art Unterhaltung miteinander befinden, die spielen, dabei allerdings auf dem Recht bestehen, der Schnellere, Geschicktere, Beweglichere sein zu wollen. Einen gepolsterten 15-Unzen-Boxhandschuh an den Kopf zu bekommen, ist eine Geste, die versöhnt. 

Die Herrschaften des englischen Adels, wenigstens die Exzentriker unter ihnen, haben immer schon geboxt, denn dieser Sport galt ihnen, völlig zu Recht, als die schnellfüßigste Verkörperung menschlicher Intelligenz, und der zweite Mann im Ring war so höflich, nie in Reichweite eines Schlags aufzutauchen. Alles war eine Frage der Distanz – und Eleganz. So haben wir die Kämpfe Muhammad Alis ja auch immer als theatralische Übungen und seine Kunst als Tanz beklatscht. 

Es boxten auch die Dichter, Lord Byron zum Beispiel oder Ezra Pound. Romanciers wie Jack London, Georges Simenon oder Ernest Hemingway droschen auf ihre Sandsäcke ein. Das tat sogar Wladimir Nabokov, der sich ansonsten auch noch als Fußballtorwart und Tenniscrack austobte (und damit sich und seine Familie durchbrachte, damals in seiner Berliner Zeit). Der Trompeter Miles Davis war reich, berühmt und kaputt. Er wollte vom Kokain runter und trainierte sich wie ein Boxer zurück ins Leben. Um ihre Gesundheit (oder auch nur ihren Status angesichts der aus Amerika anrückenden Konkurrenz einer jüngeren Schriftstellergeneration) besorgt, engagierte sich Gertrude Stein einen Boxer als Trainer. Seit ich das las, frage ich mich: Haben wir nicht hier endlich die Erklärung, wie ihr ein Satz wie „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ einfallen konnte, ein Satz, der allein schon die Unsterblichkeit garantiert hätte? Ich nehme mal an, sie ist nach drei gezielten Treffern k.o. gegangen, was dann den Einfall mit der Rose zur Folge hatte. 

Andererseits war Boxen, als Beruf, immer der Sport der Ausgestoßenen, der Underdogs. Ihr Mut und ihr Blut machten die Boxer für Künstler, für ein intelligentes Publikum insgesamt faszinierend: Nicht in die Knie gehen, nie sich geschlagen geben, sondern zurückschlagen, sich wehren, am Ende der Stärkere sein. Wie im Boxring so auf Erden! Im mörderischen Existenzkampf um Märkte, Profite und Quoten gehören diese Parolen zum Gebet jedes von Überarbeitung heimgesuchten Überlebenskünstler unserer Tage. 

Neulich las ich die Anzeige einer Autofirma, die dazu aufforderte, eine neue Limousine zu testen: Steigen Sie ein und drehen Sie ein paar Runden! Denn: „Wer will einen Menschen beurteilen, ohne mit ihm zu sprechen?“ Mit ihm sprechen? Nein, nutzen Sie lieber die Strategie, etwas über einen Menschen (und mehr noch über sich selbst) zu erfahren und fordern Sie ihn zu ein paar Runden im Ring heraus. 

Ihre Blicke werden sich treffen, nah und nackt. Sie werden seinen Atem hören, nicht Sätze. Sie werden ihm im Clinch näher sein als Ihnen lieb ist. Und auch das werden Sie zu spüren bekommen: wie hinderlich Hass ist, wenn Sie kämpfen, wie schmerzhaft ein Schlag ins Leere, wie nutzlos Überheblichkeiten der üblichen Art und wie es am Ende vielleicht nur noch darum geht, jener Mann zu werden, den das Kind, das Sie waren, in den Geschichten, die es liebte, bewundert hatte, den Ihrem eigenen Nachwuchs gegenüber darzustellen Sie nie müde genug sind. Bringen Sie es hinter sich! Genießen Sie Ihre ersehnte Verwandlung! Sündigen Sie ihrem besseren Selbst zuliebe: Schlagen Sie zu – und erleben Sie, wie Sie bald mehr mit sich zu kämpfen haben als mit Ihrem Gegenüber, was Sie, bescheiden geworden, veranlassen könnte nachzudenken! 

Wie kämpfen mit verbrauchten Ressourcen an Ausdauer, Konzentration, Zielsicherheit? Aufgeben? Zeit für ein Nickerchen? Sie wären jetzt wie geschaffen für Schlaf, müde wie Sie sind, müde wie ein Hund, zu müde jedenfalls für Selbstdarstellungen. Die Idiotie der Anmaßung hat, zumal in kurzen Hosen, ein Ende. Ich garantiere Ihnen Erkenntnisse, die ein blaues Auge, Nasenbluten und andere Kleinigkeiten wert sind. 

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