LuxusdesNein-Sagens 150 Jahre Louis Vuitton

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Warum Patrick Louis ein würdiger Erbe seines Ururgroßvaters Louis Vuitton ist 

Nein, sagt Patrick Louis Vuitton, er denke gar nicht daran, fürs Foto die Pfeife aus dem Mund zu nehmen. Ob er denn vielleicht sein rechtes Bein vom linken herunternehmen könne, fragt der Fotograf. Patrick Louis Vuitton schlägt seelenruhig das linke Bein über das rechte. Ein Vuitton lässt sich nun einmal nichts sagen. Ausnahmen macht er nur bei Mitgliedern der eigenen Familie. Zuletzt war dies vor 34 Jahren der Fall. Da schrieb Großmama, Madame Gaston Vuitton, einen Brief an ihren Sohn, dass der Enkel nicht länger seine Zeit mit anderen Dingen verschwenden und endlich in die Firma eintreten möge. Patrick Louis wusste: „Widersprechen ist sinnlos.“ 

Dass er eigentlich Tierarzt werden wollte, sagt er in einem Nebensatz und zwar so leise, als grenze es an Fahnenflucht, je einen anderen Berufswunsch gehabt zu haben als vier Generationen Vuittons, Hersteller von Luxus-Reisegepäck, vor ihm. Mittlerweile hat er sich in sein Schicksal gefügt. Er ist seit 34 Jahren für das exklusive Geschäft der Reisegepäckspezialanfertigungen zuständig. Morgens zwischen fünf und halb zehn Uhr sitzt er, nur mit einem Kimono bekleidet, in seiner Pariser Wohnung in der Rue du Pont Neuf und zeichnet, was später in einer der zwölf Manufakturen in Frankreich oder Spanien produziert wird. Rund 350 Sonderanfertigungen, die man in keinem der 318 LV-Geschäfte weltweit findet, entstehen auf diese Weise pro Jahr. Zum Beispiel Koffer für die Brillensammlung eines japanischen Kunden, Reisetäschchen für den Schoßhund einer russischen Millionärsgattin oder eine Windeltasche für das Neugeborene einer Hollywoodschauspielerin. „Eine Aufgabe, bei der ich Beruf und Hobby verbinden kann“, sagt Vuitton, der am Wochenende mit dem Aquarellblock im Wald seines Landhauses, 130 Kilometer nordöstlich von Paris, unterwegs ist und Tiere zeichnet. 

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Der Familiensitz in Asnières, 1859 von Firmengründer Louis Vuitton 30 Kilometer nördlich von Paris gegründet, wird von dessen Urenkel heute hauptsächlich für offzielle Empfänge genutzt. Er besteht aus zwei repräsentativen, ineinander übergehenden Räumen im Erdgeschoss sowie einem Museum und Büroräumen im ersten Stock. Die Kristall-Lüster, der aufwendige florale Stuck sowie die bleiverglasten Fenster mit farbenprächtigem Blumendekor wurden auf Wunsch von Louis´ Sohn Georges 1902 von dem berühmten Innenarchitekten Louis Majorelle angefertigt. 

Auf die Frage, was denn sein liebstes Vuitton-Stück sei, zieht er ein leicht zerkratztes Kreditkartenetui aus bordeauxrotem Leder aus der Hosentasche. „Design: Patrick Louis Vuitton, Herstellung: Patrick Louis Vuitton. Das habe ich seit 30 Jahren immer dabei.“ 

Patrick Louis Vuitton ist ein hart arbeitender Mann, für den Luxus bedeutet, Zeit zu haben und für seine Freunde zu kochen („Ich akzeptiere keine Frau in der Küche“). Mit elf Gästen hat er kürzlich den französischen Nationalfeiertag bei sich gefeiert. Es gab Hammel-Couscous,, und wie er detailliert die einzelnen Zutaten schildert, die er in den arabischen Geschäften an der Place Voltaire in Asnières gekauft hat, weist er sich als Kenner aus. 

Im Entrée schauen einen die Porträts dreier grimmig blickender Herren an. Es sind die drei LV-Urgesteine Louis, George und Gaston, die ihrem Nachfahren nicht nur optisch und was die handwerkliche Begabung betrifft, viel vererbt haben, sondern auch ein gesundes Selbstbewusstsein. Das bekommen auch die Kunden zu spüren. „Ob Präsident der Republik, König, arabischer Scheich oder Otto Normalverbraucher – ich behandele alle gleich“, sagt Patrick Louis Vuitton beim Mittagessen im zartgrünen Belle-Epoque-Esszimmer seines Elternhauses und widmet sich mit Genuss der Gänseleberpastete. „Jeder von ihnen ist zuallererst ein Vuitton-Kunde, der etwas von mir haben möchte.“ 

Eine Einstellung, die nicht immer mit der Marketing- und der Kommunikationsabteilung konform geht. „Ich gerate manchmal in Konflikt mit denen, weil die mir sagen: ,Oh, das ist doch der Herr Soundso, da müssen wir uns besonders bemühen und ihn schneller zufriedenstellen als andere.‘ Aber ich sage: Nein, nicht mit mir.“ Ein starker Wille zeigte sich bereits beim Firmengründer, der gegen den Wunsch des Vaters, eines armen Müllers, mit 14 Jahren das Jura-Städtchen Anchay verließ und die 400 Kilometer nach Paris zu Fuß zurückzulegte, um dort sein Glück zu machen. 

Patrick Louis Vuitton, dessen Familie die Firma Ende der Achtzigerjahre verkaufen musste, weil sie heillos untereinander zerstritten war, liebt es, gegen den Strich zu denken. „Wozu braucht man Marketing?“ ist eine Frage, die er gern laut stellt, wohl wissend, dass gerade jener Abteilung im Konzern eine besondere Bedeutung beigemessen wird. Qualitätsfanatiker Vuittons Meinung, der stets mit den Prototypen der neuesten LV-Koffern durch die Welt reist, um ihre Belastbarkeit zu testen, glaubt: Wenn das Produkt gut genug ist, verkauft es sich von selbst. „Unsere Produkte sind unabhängig von Krisen, weil wir zuverlässige, dauerhafte Werte schaffen. Gerade in Krisenzeiten ist es das, was die Leute wollen.“ 

Dass am Steuer des Konzerns keiner aus der Familie mehr sitzt, mag für einen traditionsbewussten Mann nicht so leicht hinzunehmen zu sein. Man merkt ihm die Freude an, dass einer seiner beiden Söhne, der 27-jährige Benoît, vor einem Jahr in die Firma eingestiegen ist. In New York ist er zuständig für das Uhren- und Schmuckgeschäft. Und dass Patrick Louis Vuitton zum Interview seine 19-jährige Nichte Astrid mitgebracht hat, die gerade ein Praktikum in der Produktion macht und ebenso in den Konzern kommt, soll so viel heißen wie: Noch ist das letzte Kapitel der Vuitton-Familiengeschichte nicht geschrieben. 

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