Archiv: Luxusvon der Straße

Eine kroatische Chefdesignerin soll das traditionsreiche Pariser Modehaus Céline wieder auf Erfolgskurs bringen. 

Das Urteil der Pariser Modewelt kann unbarmherzig, ja verletzend sein – für Neulinge, deren Karrierestart auf dem Spiel steht, noch mehr als für routinierte Insider. Für die 32-jährige, bis dato weithin unbekannte Kroatin Ivana Omazic hing in Paris denn auch enorm viel davon ab, wie die Reaktionen auf ihre erste Frühjahrs-/Sommerkollektion für das renommierte Modehaus Céline ausfallen würde. Doch für die junge Designerin ging die Zitterpartie gut aus: Kaum war das Oktober-Défilé unter dem Festzelt in den Tuilerien beendet, rissen sich die fast 600 Anwesenden um die junge Frau. 

Kein Wunder: Omazic hatte Mut bewiesen. Gleich zu Beginn gab es ein fröhliches Sommerkleid in lebendigen Rot-Tönen, dazu einen farblich abgestimmten Bolero, Kniestrümpfe und Highheels zu bestaunen. Danach ging es klassischer weiter mit plissierten Faltenröcken, strengen Blusen, kurzen Lederjacken und schwarzen Cocktail-Kleidern – eben tragbare, strapazierfähige, langlebige Prêt-à-porter-Mode aus feinsten Materialen. 

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Bei der Kollektion habe sie „die moderne, aktive Frau von heute“ im Auge gehabt, die nach einem „eleganten, aber auch entspannten Stil“ Ausschau hält, sagt die schwarzhaarige, großgewachsene Designerin. Sie ist verhalten stolz darauf, es als Frau, vor allem als erste Osteuropäerin, an die Spitze eines Pariser Luxusmodehauses geschafft zu haben. 

Die neue Chefdesignerin trägt eine graue Strickjacke zur hellblauen Bluse, einen langen grauen Rock und hohe Stiefel. Fast wirkt sie eine Spur schüchtern, wenn sie von den überwiegend positiven Reaktionen auf die Schau berichtet. Doch wenn es um die Materialauswahl geht, weiß Omazic genau, was sie will: Sie legt unbedingt Wert auf ansprechende, qualitativ hochwertige und schmeichelnd weich fallende Stoffe. 

Dann und wann huscht ein schelmisches Lächeln über ihr Gesicht, etwa wenn sie erzählt, wie sich die Modekritiker nicht darüber einig werden können, ob ihr Stil nun mehr an die Fünfzigerjahre oder doch eher an andere Epochen erinnert. Was soll's? Sie will ihren eigenen Stil kreieren, in der Tradition des Hauses Céline – auch wenn ihr Vorgänger Roberto Menichetti modisch etwas zu viel experimentiert hatte und schließlich ins Schlingern geraten war. 

Im Grunde will Omazic einfach nur die Philosophie der heute 85-jährigen Firmengründerin Céline Vipiana fortführen. Die nämlich hatte einen praktischen und bequemen, aber gleichwohl eleganten Stil für berufstätige Frauen geschaffen, der gleichsam zu ihrem Markenzeichen wurde; Mode für „Frauen, die sich nicht viermal am Tag umziehen können“, wie die Designerin sagt. 

Mit im Programm steht auch zeitlos Elegantes, wie etwa die berühmten Kinderschuhe, die Céline Vipiana im Dezember 1945 in ihrem Kinderschuhladen in der Nähe des Pariser Place de la République zum ersten Mal anbot. Dazu zählt auch der wieder aufgelegte legendäre Cavalier-Stiefel von 1952 für die kleinen Kundinnen. 

Der bescheidene Schuhladen, der mit zunehmendem Erfolg immer neue Filialen eröffnete, wuchs mit der Zeit zu einem der führenden Pariser Modehäuser heran. Zug um Zug wurde die Kollektion erweitert, zunächst um Accessoires wie Tücher und Handschuhe, dann um Lederwaren und schließlich, Ende der Sechzigerjahre, um eine Prêt-à-porter-Kollektion für Frauen: Die kleinen Kundinnen der ersten Stunde waren nun erwachsen. 

Prominente wie Sharon Stone, Angelina Jolie, Madonna oder Kylie Minogue zeigen sich gern mit Célines klassischer Boogie-Bag in vielen Farben und Materialien – oder mit der Poulbot-Umhängetasche, benannt nach dem berühmten Karikaturisten und Zeichner, der die frechen Straßenbengel von Montmartre unzählige Male zu Papier brachte. Zu den Klassikern des Hauses gehören auch der Inca-Mokassin mit dem charakteristischen Metallstück, die Umhängetasche „Classique“ aus den Siebzigerjahren oder in neuerer Zeit die Holzpantinen à la Dr. Scholl in metallic-farbenem Leder in schrillen Tönen. 

Die Neunzigerjahre waren für Céline eine schwierige Zeit. „Da haben wir die Entwicklung etwas verschlafen“, kritisiert Jean-Marc Loubier, seit fünf Jahren Präsident und Geschäftsführer des Hauses, das seit 1996 zum weltgrößten Luxusgüter-Produzenten LVMH gehört und nun wieder rentabel ist. Doch mit dem Amerikaner Michael Kors, der 1997 zu Céline stieß, besann sich das Haus wieder auf einen eleganten, lässigen und dabei unaufdringlichen Stil. 

Nun soll die neue Chefdesignerin nach der ephemeren Menichetti-Episode wieder verstärkt an die klassisch-elegante Linie anknüpfen und dabei eigene neue Akzente setzen. Dass die Mode ihr Leben sein würde, wusste die Kroatin nach eigenem Bekenntnis schon als Fünfjährige. Damals hatte sie sie ihre Tante besucht, die in Großbritannien als Designerin arbeitete und unter anderem Ingrid Bergman ausstattete. Mit 18 verließ sie Zagreb und ging nach Mailand ans Europäische Institut für Design. Zunächst arbeitete sie für Romeo Gigli und dann acht Jahre lang für Prada. In zwei Jahren der Zusammenarbeit mit Jil Sander in Hamburg lernte sie auch etwas Deutsch. 

Bei Céline schaute sie sich zunächst einmal die Archive an und traf sich mit der heute 85-jährigen Firmengründerin, deren einstige Maxime „Die Straße inspiriert mich“ für Ivana Omazic nichts von ihrer Bedeutung verloren hat. 

Die Straße inspiriert, und sie fordert. Der Erwartungsdruck, dem sich die neue Chefdesignerin ausgesetzt sieht, ist jedenfalls hoch, wie Firmenchef Loubier durchblicken lässt: „Mit ihrer Energie, Bereitschaft und ihrer präzisen Kreativität wollen wir das von uns gesetzte Ziel erreichen, Céline als eine leistungsstarke und kreative Marke in der Welt der Mode und des Luxus zu etablieren.“ 

Gerhard Bläske 

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