Archiv: Macht anziehen

„Ich stecke sie alle in Schwarz!“, triumphierte einst die revolutionäre Modeschöpferin Coco Chanel – und entwarf das unwiderstehliche kleine Schwarze. Heute ein Klassiker. 

Was daran so bemerkenswert ist? Die subversive Sprengkraft der Kreation. Denn, von Witwen und Betschwestern einmal abgesehen, war die Farbe Schwarz früher Männern vorbehalten. Es war die Farbe der Macht. Und so trug La Chanel zur Emanzipation der Frauen nicht nur bei, indem sie die Mode von atemraubenden Korsetts, Stolpersäumen und erdenschweren Stoffen samt Sedimenten linnener Unterkleidung befreite, sondern vor allem, indem sie Frauenpower in schwarzen Jersey kleidete. 

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Mode und Macht gehörten immer schon zusammen. Kleider machen Leute, heißt es. Bestimmte Kleidung kündet von Potenz. Dass Kleider eine politische Dimension haben, wusste auch der Romancier Honoré de Balzac: „Kleider beherrschen die Meinung, sie machen Meinung, sie regieren!“ Der strahlende Beweis: Sonnenkönig Ludwig XIV., der nicht nur Souverän über Staat und Gesinnung war, sondern mit seiner textilen Pracht den Hof und die Eliten auch in Geschmacksdingen fest an seine Person band. 

Kurios auch die Beispiele aus der Gegenwart, wie unsere Story „Mode & Macht“ auf Seite 30 zeigt: Wussten Sie, dass Jassir Arafat, einmal Staatspräsident geworden, fortan seine Kampfanzüge beim italienischen Edelschneider Brioni fertigen ließ? Dass Tony Blair gut und gerne viermal am Tag sein Outfit wechselt? Dass er darin aber noch von Kaiser Wilhelm II. übertroffen wurde? In seinem ausufernden Uniformenfimmel warf sich der Monarch ständig neu in Schale und verordnete auch seinen Offizieren so viele Fantasieuniformen, dass er sie nicht selten in Geldnot trieb. 

Warum ausgerechnet ein Franzose seit vier Jahrzehnten den latent frankophoben US-Präsidenten an die Wäsche darf, erfahren Sie auf Seite 48. Niemand verpasst den Mächtigen im Weißen Haus so perfekt sitzende Maßanzüge wie der Washingtoner Schneider Georges de Paris. Und deshalb kommt Monsieur auch dreimal pro Woche zur Anprobe bei George W. Bush. In unserem Beitrag plaudert der Franzose aus dem Nähkästchen, warum auch Kofi Annan, Dick Cheney und andere Große der Weltpolitik bei ihm schneidern lassen. 

„Meinetwegen kann jeder Kunde sein Auto in jeder Farbe haben. Solange es nur schwarz ist“, sagte der Tycoon Henry Ford einst schelmisch. Der Autopionier aus Detroit war eben ein scharfer Rechner. Und das Einheitsschwarz war für die Produktion am billigsten. 

Und doch irrte der Utilitarist. Autos sind nicht nur Nutzgegenstände, sondern weckten immer schon Spaß und Leidenschaft. Von der reinen Freude und dem Vergnügen am schönen Auto erzählt unsere Reportage über den Concorso d'Eleganza vor der Villa d'Este am Comer See, die wohl schönste Oldtimerparade der Welt. Mehr Chrom-Juwelen inszenierten wir mit der Sommermode internationaler Designer (ab Seite 90). 

Nur einer ist skeptisch, wenn es um Statussymbole wie Luxuskarossen und Maßanzüge geht – der Philosoph und Schriftsteller Alain de Botton. Seine Diagnose im Essay (Seite 106) ist radikal: Statussymbole sind Ausdruck eines Gefühls, das im Wortschatz des Wirtschaftslebens nicht vorkommt – der (meist unerfüllten) Sehnsucht nach Liebe. Behauptet de Botton: Der Mann im Rolls-Royce ist nicht primär jemand, „der reich ist“. Hier fährt vielmehr jemand, der geliebt werden möchte. 

Der Autor hätte reichlich Stoff für eine Diskussion mit Coco Chanel gehabt. Sie kam irgendwann zu dem Schluss: „Ein Mann kann anziehen, was er will. Er bleibt doch nur ein Accessoire der Frau.“ 

Herzlich 

Uschka Pittroff 

Chefredakteurin 

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