Archiv: Mädchen mit Agenda

Künstler verbesserndie Welt spürbarerals Missionare,sagt Hollywood-StarNatalie Portman– und lebt es vor. 

In „Goyas Geister“ leiden Sie in einer Doppelrolle unter den Folterern der spanischen Inquisition. Lieben Sie politische Stoffe? 

Ich suche jetzt hauptsächlich nach Projekten, in denen es um gesellschaftlich relevante Fragen geht. Ich möchte nicht dem in Hollywood üblichen sozialen Eskapismus erliegen, der am Ende zu absoluter Apathie führt. Wir stumpfen ab, wenn wir nicht mitunter von provokanten Ideen durchgeschüttelt werden. Passivität ist eine Zeiterscheinung, an die ich mich einfach nicht gewöhnen möchte. 

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Sind Sie so idealistisch, die Welt mit Filmen verändern zu wollen? 

Zumindest bin ich der Überzeugung, dass man die Welt durch verantwortungsvollen Umgang mit der Kunst zu einem besseren Ort machen kann. Wenn mir im Kino meine Arbeit gelingt, bringe ich die Zuschauer für zwei Stunden mit fremden Gefühlen und Gedanken in Berührung. Wir entführen die Menschen in eine fremde Realität, und sie folgen uns freiwillig, obwohl sie das Unbekannte im Grunde nicht besonders schätzen. 

Was meinen Sie damit? 

In Amerika hat die Mehrheit der Bevölkerung das Vertrauen in Politiker aller Parteien verloren, und es herrscht zudem ein Klima der Angst. Das resultiert in weniger Sozialkontakten und weniger Auslandsreisen. Dieser Rückzug ins Private hat aber paradoxerweise den Effekt, dass die Menschen mehr lesen, Filme sehen und Musik hören, weil sie die vermeintlich feindselige Welt verstehen wollen. Da liegt es an den Künstlern, nicht nur Unterhaltung, sondern auch Orientierungshilfe zu bieten. Es ist kein Zufall, dass sich immer mehr Entertainer am politischen Diskurs beteiligen. Ihnen hört man eher zu als den Politikern. 

Hat das nicht eher mit Starkult als mit Promi-Kompetenz in Sachfragen zu tun? 

Wenn sich Persönlichkeiten wie Bono, Paul Newman oder Angelina Jolie einem humanitären Anliegen verschreiben, applaudiere ich. Und es irritiert mich sehr, wenn sie von Zynikern als Gutmenschen abgetan werden. Seit wann ist es verkehrt, ein guter Mensch zu sein? Ich finde so viel Aktionismus inspirierend. Es beweist, dass man zugleich als Künstler glänzen und die Welt beeinflussen kann. 

Vor der Kamera sind Sie bis weit ins nächste Jahr ausgebucht. Bleibt Ihnen da Zeit für Außerfilmisches? 

Klar. Man muss nur gut organisiert sein. Eines meiner großen Vorbilder ist die jordanische Königin Rania. Obwohl sie sich in ihrer Position mehr freie Zeit gönnen könnte, nutzt sie ihre Erfahrung im Bankgewerbe unermüdlich, um Hilfsfonds für Bedürftige aufzulegen. Sie ermutigte mich in Gesprächen, selbst aktiv zu werden. Und so engagiere ich mich inzwischen sehr für das Hilfsprogramm FINCA International. 

Was macht diese Organisation? 

FINCA bekämpft die Armut in der Dritten Welt und hilft gezielt den Frauen, die dort oft mit einem Dollar am Tag auskommen müssen. Wir überzeugen die Banken in Ländern wie Uganda oder Guatemala, ihnen Kleinkredite zu gewähren. Der Schlüssel der Initiative liegt darin, dass die Frauen durch das Prinzip der Mikrofinanzierung aus eigener Kraft ihre Existenzen aufbauen können. 

Versuchen Sie, prominente Kollegen für Ihr Anliegen zu gewinnen? 

Ich wurde in Israel geboren und jüdisch erzogen. Doch dann lebte meine Familie in einer Gegend der USA, wo alle paar Tage Leute anklopften, um uns zum Christentum zu bekehren. Das nervte mich schon als Mädchen. Seit damals halte ich nichts davon, die Mitmenschen zu missionieren. Wenn anderen Leuten meine Aktivitäten gefallen, gehe ich natürlich mit offenen Armen auf sie zu. 

Haben Sie das Gefühl, einer unpolitischen Generation anzugehören? 

Ich glaube, dass die Distanziertheit meiner Generation eine Reaktion auf die Protestkultur unserer Eltern ist. Fast alle meine Freunde haben Erinnerungen an langhaarige und zuweilen bekiffte Eltern, die in den Sechzigern ständig auf den Barrikaden waren und mit allem gepennt haben, was sich bewegte. Davon wollten sich die Kinder absetzen. Und daher verhalten sich, wenn auch nicht dezidiert unpolitisch, so doch konservativer in ihren Ansichten und limitierter im Aktionsradius. 

Hätten Sie gern in den Sechzigern gelebt? 

Ntürlich wäre es spannend gewesen, die Emanzipierung der Amerikaner von der Regierung zu erleben. Doch ich hätte bestimmt keinen guten Revoluzzer abgegeben. Ich lege zu viel Wert auf Individualität und freies Denken, als dass ich mich in eine große Bewegung eingliedern würde. Meine Eltern respektiere ich übrigens enorm dafür, dass sie gerade keine Hippies waren. 

Würden Sie je mit Gewalt gegen politische Missstände angehen? 

Diese Frage stelle ich mir seit Monaten, denn sie stand im Zentrum des Films „V wie Vendetta“ und zieht sich auch durch „Goyas Geister“. An welchem Punkt wird der Freiheitskämpfer zum Terroristen? Warum akzeptieren wir gewisse Formen von Gewalt und sind in anderen Fällen entsetzt? Unter welchen Umständen würden wir selbst zu Tätern? Ich bin ziemlich sicher, dass ich nur gewalttätig würde, falls ich mich selbst oder meine Familie verteidigen müsste. 

Neigen Sie zu zivilem Ungehorsam? 

Es kommt auf die Umstände an. In New York gibt es seit einer Weile eine lächerliche Verordnung, die das Tanzen nur in wenigen Clubs mit spezieller Lizenz erlaubt. Aber so weit kommt es nicht, dass wir uns das Bewegen zu guter Musik verbieten lassen. Natürlich ist die Szene in den Untergrund abgewandert. Und nun tanzen wir eben in illegalen Clubs. So etwas halte ich für sehr vernünftigen Widerstand gegen die Staatsgewalt! 

Roland Huschke 

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