Männer mit Geschichte

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Unternehmen+Märkte I Jobumfrage Wenn Autohersteller Qualitätsprobleme haben, hilft ihnen die Redi-Group . Ein Unternehmen, das auf Mitarbeiter über 50 Jahre setzt. 

An seinen ersten Auftrag erinnert sich Dieter Reitmeyer noch genau: Im Mercedes-Werk in Düsseldorf sortierte er im Blaumann für den Autozulieferer Valeo defekte Dichtungen für Klimageräte aus. Unterwegs war er seinerzeit in einem weißen Toyota-Kastenwagen. Hinten im Fond hatte er einen Anzug deponiert; den brauchte er für die Verhandlungen um neue Aufträge. „Ich fing als Ein-Mann-Unternehmen an“, sagt Reitmeyer. Die Nachfrage nach seinen Diensten war so groß, dass er bereits kurze Zeit später einen Trupp Frührentner engagierte, der ihm bei den Prüf- und Sortierarbeiten in den Autofabriken half. 

Das war 1996. Heute beschäftigt Reitmeyer in seiner Redi-Group über 1300 Mitarbeiter weltweit – und gilt als gefragter Ansprechpartner der Automobilindustrie. Wenn irgendwo bei einem Zulieferer oder einem Hersteller ein Qualitätsproblem auftaucht, schickt der 50-Jährige seine Leute innerhalb von 90 Minuten in jedes Werk in Deutschland. Neben solchen Feuerwehreinsätzen bietet Redi seinen rund 2500 Kunden den Einsatz von Zeitarbeitskräften, um etwa Produktionsspitzen abzudecken, sowie Ingenieurdienstleistungen für ihr Qualitätsmanagement an. 

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Das Geschäft brummt: Im laufenden Geschäftsjahr, das im März endet, wuchs der Umsatz der Gruppe um rund zehn Prozent auf rund 130 Millionen Euro. 120 neue Mitarbeiter stellte Redi 2005 ein, davon 85 in Deutschland – und schaffte es damit in der WirtschaftsWoche-Rangliste der größten Arbeitsplatzbeschaffer auf Rang 77. 

Was das Unternehmen mit Sitz in Langenfeld bei Düsseldorf aber vor allem auszeichnet: Wie schon zu seinen Anfangszeiten verpflichtet Reitmeyer gezielt Beschäftigte über 50 Jahre: „Ältere Mitarbeiter haben noch ganz andere Werte. Sie sind loyal, ehrlich und hoch motiviert.“ Von den 85 Neu-Eingestellten aus dem vergangenen Jahr ist knapp die Hälfte älter als 50 Jahre. Von den insgesamt 130 Redi-Ingenieuren sind sogar 80 Prozent jenseits der 50. 

Reitmeyer praktiziert damit seit Jahren das, was Bundesarbeitsminister Franz Müntefering derzeit mit seiner „Initiative 50 plus“ anzustoßen versucht. Der Hintergrund: 60 Prozent aller Unternehmen in Deutschland beschäftigen keine Menschen jenseits des 50. Lebensjahres mehr. Die will der SPD-Politiker dazu bewegen, sich von ihrem Jugendwahn zu verabschieden. „Diese Unternehmen wissen ja gar nicht, was ihnen da für ein enormer Erfahrungsschatz verloren geht“, sagt Reitmeyer. Er engagiert gerade solche Leute, die diese Betriebe wegrationalisiert haben, und gibt den arbeitslosen Älteren eine neue Chance. Dabei stellt er klar: „Ich bin kein Samariter, sondern das sind für unser Geschäft einfach die Besten.“ 

Einer von ihnen ist Hans Hündgen. Der Ingenieur arbeitete in den vergangenen Jahren als selbstständiger Zertifizierungsexperte. Doch als ihm 2004 fast zeitgleich 14 Kunden wegbrachen, verschickte er bundesweit seine Bewerbung – im Alter von 58 Jahren ein fast hoffnungsloses Unterfangen: „Drei Viertel aller Absagen waren » altersbedingt“, berichtet der Brühler. Auch das Arbeitsamt, „eine totale Enttäuschung“, habe nichts für ihn tun können. 

Bis er dann 2005 im Internet auf eine Anzeige der Redi-Group stieß: „Für die war mein Alter kein Thema.“ Freitags stellte er sich vor, montags saß er bereits im Flieger nach Tschechien, um dort in einem Autowerk ein Qualitätsproblem zu lösen. Jetzt verstärkt Hündgen das Engineering bei Redi; dabei kommt ihm auch seine Erfahrung als ehemaliger Vertriebsleiter von Toyota in Frechen zugute. Sein Vertrag läuft bis zum Ende des Jahres, doch er hat schon die Zusage für ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. 

Mitarbeiter wie Hündgen kommen auch bei den Kunden, darunter Autohersteller wie BMW, DaimlerChrysler, VW und Zulieferer wie Bosch, Karmann und Valeo, gut an: „Unsere Auftraggeber wollen Leute mit Erfahrung“, sagt Michael Schwarz, Projektleiter bei Redi-Engineering. Wenn ein Kunde Redi das erste Mal ruft, hat er oft ein massives Qualitätsproblem. Meist fehlen ihm dann sowohl das Know-how als auch die nötigen Mitarbeiter. Der Vorteil der Älteren: In ihrer Berufslaufbahn haben sie schon viele Probleme gesehen und erkennen in der Regel schneller die Fehlerquelle. 

Oft schicken die Autokonzerne die Redi-Mitarbeiter in die Fabriken ihrer Zulieferer, wenn dort Probleme auftreten. „Der Lieferant ist meistens nicht begeistert, wenn wir kommen“, sagt Schwarz, „in einer solchen Situation genießen erfahrene Leute eine höhere Akzeptanz.“ 

Weiteres Plus der älteren Arbeitskräfte: Sie sind flexibler als die Jüngeren. Redi schickt seine Mitarbeiter nicht nur quer durch die Bundesrepublik auf Einsatz, sondern auch in Fabriken nach Osteuropa, Spanien oder in die USA. Zwar hat das rheinische Unternehmen auch Niederlassungen vor Ort, aber wenn es richtig eng wird, dann fordern die Autohersteller auch im Ausland deutsche Fachkräfte. Im vergangenen Jahr etwa entsandte Redi im Auftrag eines Zulieferers innerhalb von einem Tag 140 deutsche Meister rund um den Globus, um einen Fehler bei bereits verkauften Autos zu beheben. 

In der Branche genießt das Unternehmen einen guten Ruf. „Die Redi-Mitarbeiter sind hochqualifiziert, wir sind sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit“, sagt Werner Schmaderer, Leiter des Qualitätsmanagements im BMW-Werk Regensburg. Der Manager, der für das reibungslose Zusammenspiel mit über 600 Zulieferern verantwortlich ist, holt Redi ins Werk, wenn beispielsweise mehrere Produkte parallel anlaufen. Dann kann er die notwendige Mehrarbeit mit externen Helfern auffangen. Umgekehrt empfiehlt Schmaderer einem Lieferanten die Zusammenarbeit mit den Redi-Ingenieuren, um beispielsweise Prozessprobleme in den Griff zu bekommen. 

Immer wieder versuchen aber auch die Kunden, Redi-Beschäftigte abzuwerben – meist ohne Erfolg. Die Mitarbeiter fühlen sich wohl in dem Familienbetrieb, in dem neben Reitmeyer auch seine Frau sowie Tochter und Schwiegersohn arbeiten. „Gerade die älteren Mitarbeiter ab Mitte 40 haben bei Redi ein Zuhause gefunden und schätzen den respektvollen Umgang und das Gefühl des Miteinanders“, sagt Reitmeyer. 

Wie die Ingenieure Hündgen und Schwarz, die beide arbeitslos waren, haben viele Redi-Mitarbeiter „eine Geschichte“ (Reitmeyer) – auch der Chef. Bevor der gebürtige Münsterländer die Redi-Group gründete, hatte er einen Fehlversuch. Der gelernte Bürokaufmann, der an der Fernuniversität Hagen BWL und VWL studierte, machte sich Anfang der Neunzigerjahre schon einmal mit einem Galvanikbetrieb selbstständig – und scheiterte. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, unten zu sein“, sagt Reitmeyer. 

Das hat ihn geprägt. Und so will der Mann im feinen blauen Anzug und beigen Kaschmirmantel auch mehr sein als ein normaler Arbeitgeber. Er besucht seine Mitarbeiter in ihren Wohnungen, um zu sehen, ob der Kühlschrank voll ist und die Kinder ordentlich gekleidet sind. Zusammen mit seiner Frau Dagmar hat der Redi-Inhaber die Stiftung Arbeitnehmer in Not gegründet, die Menschen in persönlichen und wirtschaftlichen Notfällen unterstützt. Dahinter steckt die Überzeugung: „Wer gut geführt wird, bringt mehr Leistung.“ 

Zurzeit wirbt der umtriebige Unternehmer in den Wirtschaftsministerien diverser Bundesländer wie Sachsen und Nordrhein-Westfalen für seine Idee, ältere arbeitslose Ingenieure fortzubilden. In Deutschland gibt es rund 65 000 Ingenieure ohne Job – und genügend Unternehmen, die händeringend solche Fachkräfte suchen. Reitmeyer bietet an, pro Jahr bis zu 1000 Ältere in seinem Ausbildungszentrum in Bremen weiterzuqualifizieren. „Die ersten Gespräche verliefen positiv“, sagt Reitmeyer. 

Und warum macht er das? „Weil es ein gutes Gefühl ist, Menschen wieder eine Perspektive zu geben.“ 

annette.ruess@wiwo.de 

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