Männerfür die Blumenkammer

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Beim chinesischen Mosuo-Stamm wechseln die Frauen ihre Partner nach Lust und Liebe... und nach alter Tradition. 

La Namu war 17 Jahre alt, als sie ihren ersten Mann aussuchte. Sie sah ihn beim Tanzen. Er war groß. Sie streichelte seine Handfläche. Der Mann kam aus der Nachbarprovinz, ein Reisender aus einer anderen Welt, zwölf Jahre älter als sie, doch er verstand ihre Geste sofort. Sie verbrachten die Nacht am Seeufer, hielten sich lange in den Armen und vor ihnen spiegelte sich der Mond im Wasser. 

Es gibt eine Legende über diesen See: Vor langer Zeit führten die Menschen hier ihre Schafe auf die Weide. Dann fand ein stummer Hirtenjunge in den Bergen einen Fisch, der zur Hälfte in der Erde steckte. Der Junge hatte Hunger und schnitt eine Scheibe aus dem Fleisch. Als er am nächsten Tag wiederkam, war das Stück nachgewachsen. Der Hirte stieg jeden Tag in die Berge, um etwas von dem Fisch zu essen. Dann hörte ein gieriger Beamter von seinem Fund. Er wollte den Fisch aus der Erde reißen, doch das Tier steckte fest. Da ließ er neun Rinder und neun Pferde an den Fisch spannen. Aber als die Erde das Tier freigab, schoss eine Flutwelle aus dem Boden und das Wasser sammelte sich zwischen den Bergen zu einem See. Der Beamte ertrank. Doch der See schenkte den Menschen im Tal fortan Wasser und Fische. Irgendwann nannten sie ihn „Mutter See“. 

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Namu lacht, wenn sie die alten Geschichten erzählt. Sie glaubt nicht daran. Aber in Momenten wie diesem, an denen sie mit ihrem Kanu durch das Uferschilf rudert, empfindet sie die tiefe Liebe der allermeisten Menschen hier für den idyllischen Bergsee. Rund um den Lugusee in den südöstlichen Himalaja-Ausläufern der chinesischen Provinz Yunnan lebt das Volk der Mosuo. Durch steile Felswände von der Außenwelt abgeschnitten, haben die Bergmenschen in Jahrtausenden eine matriarchalische Gesellschaft entwickelt, beherrscht von Frauen, die auf den Feldern arbeiten und in den Familien die Entscheidungen treffen. Der Lugusee, sagen die Mosuo, ist das Königreich der Frauen. 

Wenn ein Mosuo-Mädchen die Hand eines Mannes streichelt, darf er ihr folgen. Sie verbringen die Nacht miteinander, bei Sonnenaufgang muss der Mann wieder gehen. Die Mosuo nennen das die „Wanderehe“. In ihren Familien leben Großmütter mit Kindern und Enkeln zusammen. Nach Einbruch der Dunkelheit besuchen die Männer ihre Frauen und kehren früh am Morgen zu ihren Müttern und Großmüttern zurück. Wenn die Frauen sich von einem Liebhaber trennen wollen, hängen sie seine Tasche vor die Tür. Es gibt keine Hochzeiten, und manche Kinder kennen nicht einmal ihre Väter. 

Das Mosuo-Matriarchat ist keine verkehrte Welt. Es ist nicht so, dass die Frauen den ganzen Tag zur Arbeit gehen und über Fußball und Autos reden, während die Männer kochen, einkaufen und sich beim Friseur treffen. Die Mosuo sind ein Matriarchat, weil die Frauen in den Familien die Entscheidungen treffen. Das hat sie selbstbewusster als die meisten Chinesinnen gemacht. Und in der Öffentlichkeit haben sich so manche geschlechterspezifische Angewohnheiten nivelliert. Zwar sitzen am Lugusee die Männer immer noch schreiend und rülpsend an den Dorfstraßen. Der kleine Unterschied: Hier schreien und rülpsen auch die Frauen. 

Namu lenkt ihr Kanu über den See, der hier im Osten kaum tiefer ist als ein ausgestreckter Arm. Die Schweine haben Hunger. Jemand muss Seegras für die Tiere schneiden, denn die dicken Büschel aus dem Wasser nähren die Tiere am besten. Die Frauen am Lugusee übernehmen viele harte Arbeiten. Sie schlagen Brennholz, hüten die Tiere, rudern und fischen. Die junge Frau wirft einen spöttischen Blick auf ein paar Männer, die im Schatten einer Holzhütte am Ufer sitzen. „Die Mosuo-Männer sind faul und unterhalten sich am liebsten den ganzen Tag bei einer Flasche Schnaps“, sagt sie. 

Namu ist 21 Jahre alt, ihr Gesicht hat weiche, freundliche Züge, sie spricht selbstbewusst mit einer klaren hellen Stimme. Sie trägt eine rote tibetische Mütze mit Fellfutter, eine dunkle Jeans mit bunten Pailletten und breitem Gürtel, darüber ein langärmliges schwarzes Oberteil und eine schwarze Daunenjacke. Die westliche Kleidung wirkt in der rauen Berglandschaft etwas deplatziert. Doch das chinesische Satellitenfernsehen hat Modetrends und Stadtkultur auch in die chinesischen Berge gesendet. Viele jüngere Mosuo-Mädchen tragen ihre bunten Trachten heute nur noch bei Festen. 

Zu Hause hat die Mutter das Essen zubereitet. Die Familie isst im Schlafzimmer der Großmutter, dem traditionell wichtigsten Raum des Hauses. Sonnenstrahlen sickern durch die Dachritzen ins Zimmer und lassen den Qualm der Feuerstelle weißlich aufleuchten. An den Wänden hängen in sonderbarem Kontrast zu den buddhistischen Malereien auch Werbeplakate für westliche Sportwagen und chinesischen Eistee. Namus Vater, der heute zu Besuch ist, ihre Onkel und Brüder sitzen an der Feuerstelle. Gegenüber die Frauen. Die Alten reden über das Essen, das Wetter und die Nachbarn. Die Jungen über Musik, Kleidung und Handys. Namus Mutter La Onjingma findet, ihre Tochter solle sich endlich wie eine Erwachsene benehmen. Die Gespräche hier oben in den Bergen unterscheiden sich also nicht so sehr von denen anderswo auf der Welt beim Familienabendessen. 

Und doch ist hier so vieles anders. Es gibt viele Erklärungen dafür, wie sich die matriarchalische Gesellschaft entwickeln konnte. Manche Forscher glauben, die Mosuo hätten immer so gelebt. Andere vermuten, die Männer seien häufig mit Karawanen unterwegs gewesen; die Gesellschaft habe nur als Matriarchat bestehen können, weil es nicht genug Ehemänner gab oder weil die Männer nie genug Geld für Hochzeitsfeiern, Mitgiften und Aussteuer gehabt hätten. Und die Frauen sagen: „Wir bestimmen hier, weil unsere Männer so faul sind.“ Fast alle halten die Wanderehe für die bessere Form des Zusammenlebens. „Der Familienzusammenhalt ist viel größer“, sagt La Zier, die 89-jährige Großmutter. Da die Familien immer zusammenleben, muss der Hof nie unterden Kindern aufgeteilt werden. Es gibt keine Scheidungsstreitigkeiten, da Partner keinen gemeinsamen Besitz haben. Für die Alten kam nie eine andere Form des Zusammenlebens infrage. 

Vor dem Großmutterzimmer liegt ein kleiner Innenhof, von dem der Haustempel und die Schweineställe abgehen. Eine Holzstiege an der Seite führt zu einer Empore im ersten Stock. Die Bretterwände sind mit bunten Landschaftsbildern verziert. An jeder Seite gibt es drei Türen zu den Zimmern der jungen Frauen. Die Mosuo nennen sie „Blumenkammern“, weil die Mädchen hier ihre Verehrer empfangen. In ihrem Zimmer ganz am Ende des Ganges hat Namu über dem Nachttisch ein Poster aufgehängt: Ein Paar sitzt im Schummerlicht in einem Cabriolet. Er trägt ein weißes Hemd mit Fliege, sie ein rotes Abendkleid. Es ist ein Bild, wie aus einem westlichen Kuschelmusik-Video – Romantik nach Hollywood-Klischee. Und doch kommt dieses Foto hier am Lugusee fast schon einem politischen Statement gleich. Namu sagt: „Ich will nicht wie die Mosuo leben. Ich will mir einen Mann suchen, mit dem ich zusammenleben und mir eine gemeinsame Zukunft aufbauen kann.“ Doch die alte Kultur des Bergvolks hält viele junge Menschen fest wie eine Zwangsjacke. Namu ist die einzige Tochter in der Großfamilie. Hier liegt das Hauptproblem. „Wer soll ohne dich den Hof verwalten?“, fragt die Mutter. Namu braucht Freiheit, doch die Tradition braucht sie. 

Die Nacht kommt und bringt die Kälte mit. Am See wird es dunkel, nur der Ort Luoshui leuchtet hell vom anderen Ufer herüber. Vor nicht allzu langer Zeit weideten dort noch Schafe am Wasser, und die Menschen stapelten Brennholz in ihren Gärten. Doch der Wandel rückt auch am See unaufhaltsam näher. Er trägt Schirmmütze und Digitalkamera. Er kommt in Kleinbussen über die buckeligen Passstraßen herangeholpert. Der Wandel heißt Tourismus. 

Die traditionellen Bauernhäuser sind auf der touristisch erschlossenen Seeseite inzwischen verschwunden. Jetzt stehen an den Staubstraßen Souvenirläden, Restaurants und mehrstöckige Hotelbauten. 1992 fingen chinesische Reiseagenturen an, den See in ihr Programm aufzunehmen. Seitdem kommen jedes Jahr mehr Menschen, um das Gesellschafts-Schauspiel der Mosuo zu sehen. Chinesische Urlauber ziehen in kleinen Gruppen an den Häusern entlang und richten ihre Kameras auf jedes nur erdenkliche Motiv. 

Nach Sonnenuntergang werden in einem umzäunten Areal traditionelle Tänze vorgeführt und anschließend kann man sich mit den Tänzerinnen fotografieren lassen. Szenen wie in einem Ethno-Disneyland. Als die Geschichte der fremden Kultur in China bekannt wurde, kamen nicht nur die Rucksacktouristen, sondern auch viele chinesische Männer auf der Suche nach einem sexuellen Abenteuer. Am Seeufer eröffneten Karaoke- und Massagesalons, in denen Prostituierte aus den Armenprovinzen im Süden ihre Liebensdienste anboten, verkleidet in den traditionellen Mosuo-Trachten. Die Stadtverwaltung hat das Rotlichtviertel inzwischen an den Stadtrand verbannt. Sie konnten den Schauplatz nur verlagern, doch die Beamten wagten es nicht, ihn zu schließen, denn man möchte die Besucher auch nicht enttäuschen. 

„Der Sextourismus beruht auf einem Missverständnis“, sagt Ar Chei, der vor einigen Jahren hier in seiner Heimatstadt ein Museum für Mosuo-Kultur eröffnet hat: „Die chinesischen Touristen denken, dass wir freizügig sind, weil wir nicht heiraten. Sie erwarten die freie Liebe – doch die gibt es hier nicht.“ Als die ersten Touristen vor einigen Jahren am Seeufer spazieren gingen, waren viele Mosuo schockiert. Sie sahen Frauen in Miniröcken, Männer, die Shorts trugen, und Paare, die sich in der Öffentlichkeit an den Händen hielten und küssten. So etwas hatte es bei den Mosuo nie gegeben. Und so setzt sich nun auch bei dem Bergvolk allmählich die Vorstellung durch, das die Menschen jenseits der Berge in großer Freizügigkeit leben. 

Inzwischen haben sich die Menschen in Luoshui an die Touristen gewöhnt. Doch die Stadt ist eine andere geworden. Ar sagt, die Häuser hätten früher nicht so dicht am Wasser gestanden, und jede Familie hatte einen kleinen Garten mit Bäumen. Es gab einen Strand. Jetzt steht am Ortseingang ein großes Schild und kündigt die nächste Bauphase an: Bald sollen Springbrunnen am Ufer stehen und die Kabus an betonierten Anlegern festmachen. Längst fahren die Boote nur noch für die Touristen. Die Mosuo wissen noch nicht, wie ihre Zukunft irgendwo im weiten Universum zwischen Wanderehe, Wirtschaftswachstum, Tourismus und der Feuerstelle im Großmutterzimmer aussehen wird. 

An der Straße, die von Luoshui zurück zu Namus Haus führt, wohnt Xiao Shuming, die letzte „Königin der Mosuo“. 1943, gerade 16 Jahre alt, heiratete sie einen Feudalgouverneur bei den Mosuo. Und mit den Jahrzehnten wurde die Zugezogene selbst eine Mosuo-Frau. Sie hat in ihrem bunten Alterswohnsitz einen kleinen Audienzraum eingerichtet, geschmückt mit Plastikgirlanden und ausgestattet mit einer Karaokeanlage. Fotoalben liegen vor ihrem Thron. Sie raucht viel und bläst den Qualm dabei durch die Lücke, in der früher ihre Schneidezähne standen. Einst kam die Königin zwar selbst von außerhalb, doch heute weiß kaum jemand mehr über die Geschichte der Mosuo als sie, deren Verstand wach und scharf geblieben ist. „Die allermeisten Menschen hier bleiben ihrer Kultur im Grunde treu“, sagt Xiao. Gewiss, manche der jungen Menschen würden heute in die großen Städte gehen, um sich eine Arbeit zu suchen. Tatsächlich ist in einigen kleinen Dörfern kaum noch ein Jugendlicher anzutreffen, und dies, wo die Mosuo mit kaum 50 000 Mitgliedern sowieso nur eine kleine Volksgruppe bilden. „Doch alle, die den See verlassen“, sagt Xiao, „vermissen ihn so sehr, dass sie eines Tages zurückkommen.“ 

Namu mag als Beispiel dafür gelten. Abseits der gestrengen Ohren ihrer Großfamilie sagt sie zwar unumwunden, dass sie davon träumt, einen Mann von der anderen Seite der Berge zu bekommen. Sie will auch eine richtige Hochzeitsfeier, eine Mitgift, ein Leben in Gleichberechtigung. Gleichwohl hofft sie, dass ihr künftiger Mann dereinst mit ihr an den See der Frauen ziehen wird. „Es ist so schön hier“, sagt Namu, „man kann den Wind hören.“ Und während sie es sagt, weht eine sanfte Brise über die Felder hinab zum See. 

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