Archiv: Märchenprinz

Warum begeistert sich ein gestandener Mann so sehr für Märchenbücher? 

Es fasziniert mich, die kindliche Gedankenwelt zurückzuholen, und das Erstaunliche daran ist, dass die Bilder, die beim Lesen im Kopf entstehen, die gleichen sind wie damals. Nur muss ich die Bücher heute nicht mehr heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke weiterlesen. 

Anzeige

Geben Ihnen Märchen heute noch so viel wie damals im Schein der Taschenlampe? 

Ich begreife heute Märchen anders als im Kindesalter, bringe Geschichten mit aktuellen Geschehnissen in Zusammenhang: Wie reagieren die Menschen auf kommunikative Missverständnisse? Das findet sich in arabischen Märchen wie in der heutigen Politik. 

Gibt es eine Parallele zu Ihrem Leben? 

In „Die drei Sprachen“ der Brüder Grimm eignet sich ein Junge Talente an, die im Allgemeinen als nutzlos interpretiert werden, die ihm letztlich aber Freude und Auskommen ermöglichen. In meinem Fall war es die Tagträumerei, von der mein Vater nichts hielt – heute lebe ich davon. 

Könnten Sie Märchenbücher illustrieren? 

Wenn ich anfange zu zeichnen, kommt es durchaus vor, dass ein Collier in eine Fabelwelt übergeht. Diese vom Unterbewusstsein gesteuerten Zeichnungen verstecke ich allerdings. Vielleicht werde ich dereinst mal ein Märchenbuch über Schmuck und Edelsteine mit meinen Zeichnungen veröffentlichen. Mal sehen. 

Wo finden Sie die alten Bücher? 

Es ist sehr schwierig, an gut erhaltene Märchenbücher zu kommen. Was ich zunächst nicht wusste: Alte Märchenbücher sind ein großes Sammlergebiet wie alte Kochbücher. Ich überlasse es dem Zufall und suche bei Städtereisen Antiquariate auf, oder ich schlendere über Flohmärkte. Ein besonders schönes Stück fand ich neulich in der Antiquariatsabteilung des Düsseldorfer Stern-Verlags. Was mir daran gefällt ist, dass es als Einzelexemplar gedruckt wurde - vermutlich für die Frau oder die Geliebte. 

Verschenken Sie auch gern Märchenbücher? 

An Menschen, die damit Freude haben. So etwas spürt man. 

Wie darf man sich Ihre Sammlung vorstellen? 

Sie ist immer auf Wanderschaft – zwischen der Münchner Zweitwohnung, dem Geschäft und dem Düsseldorfer Domizil. Die Bücher begleiten mich unterwegs im Flugzeug, und auch innerhalb des Hauses sind die gestapelten Türmchen immer in Bewegung. Nur besonders alte und empfindliche Exemplare, die den Transport nicht gut überstehen, müssen geschont werden. Regale mochte ich eigentlich nie, aber das Stapeln tut den Büchern auf Dauer nicht gut – das Gewicht verletzt den Buchrücken. 

Welches Märchen gaben Sie Ihrem Sohn Alexander am liebsten mit auf den Weg? 

Der Wolf und die sieben jungen Geißlein. Damit wollte ich ihm beibringen, nicht nur auf das Äußere zu achten, sondern Dinge zu hinterfragen. Die Moral dieser Geschichte sollte seinem Schutz dienen und ihn vor Fallen bewahren. 

Gibt es eine Passage, die Sie besonders gern zitieren? 

„Spieglein, Spieglein“ aus Schneewittchen, weil es sich beliebig übertragen lässt. Eine Abstraktion: „Wer hat das schönste Schmuckstück im ganzen Land?“. Es schützt vor Eitelkeit und fördert Ehrgeiz, Demut und Achtung vor dem anderen. Es ist wichtig, sich immer wieder infrage zu stellen. Denn es geht immer noch ein Stückchen besser. 

Warum sind Männer die leidenschaft-licheren Sammler? 

Sind sie gar nicht. Meiner Meinung nach sind es die Frauen, die leidenschaftlicher sammeln. Sie entscheiden sich intuitiv und nicht primär nach Aspekten der Wertsteigerung. 

Welchen Anspruch haben Sie? 

Der Anspruch ist die Schönheit. Das Buch muss mir ins Auge springen und mir das Gefühl geben, es anfassen, darin blättern zu wollen. Für mich sind Illustrationen wichtig. Das können die unterschiedlichen Interpretationen zu ein und demselben Märchen sein. Kurz: Es muss neugierig machen. Sehr schön sind auch Randbemerkungen von Vorbesitzern. 

Welche fällt Ihnen spontan ein? 

„Die Kunst, Glück und aushelfende Geister zu haben“, gefiel mir. Ich verstehe die Marginalie so, dass Glück nicht zugeflogen kommt, sondern dass man sich nachdenklich damit auseinandersetzen muss. Und aushelfende Geister beziehen sich nicht nur auf des Königs Zimmerdiener aus dem Märchen, sondern auch auf Philosophen und Märchenerzähler. 

Wann ist Hornemanns Märchenstunde? 

Ich greife zu den Büchern, wenn ich das Gefühl habe, dass alles gleichgültig wird. Das sind Phasen, in denen ich mich ausgepowert fühle und nicht mehr in der Lage bin, ein tiefer gehendes Buch zu lesen. Ich brauche die Märchen, um meine Stimmung zu verbessern. Schon nach einer Stunde fängt dann die Auseinandersetzung mit vielen Themen wieder statt. Meine Gedankenwelt regeneriert sich aus den Märchen. 

Und fließt sodann ins nächste Schmuckstück ein? 

Märchenbücher sind ja die reine Fantasie, Mystik und Magie: Ein Ast beginnt zu sprechen, eine Blume öffnet sich und etwas kommt heraus. Eine direkte Übersetzung findet nicht statt, aber nach dem Lesen von „Sindbad der Seefahrer“ entwarf ich einen Ring, in dessen Gelbgoldsträngen sich ein kleiner Fisch versteckt (kleines Bild). 

Und die Moral von der Geschichte? 

Ich gebe bewusst keine Moral vor. Jeder lebt in seiner eigenen Gedankenwelt, und jeder hat sehr persönliche Assoziationen zu einem Schmuckstück. Das soll er auch. 

Kathrin Bierling 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%