Archiv: Mama ante portas

Sind Sie je auf die Idee gekommen, Ihre Mutter als sexyzu beschreiben? Vermutlich nicht (es sei denn, Sie heißen Ödipus oder sind zufällig der Sohn von Dolly Parton). Nun, die Vertreter der Generation, die heute noch in den Windeln liegen oder im Bonsai-Mercedes gegen Ihre Designer-Möbel donnern, werden das vermutlich tun. Ihre Mamas sind Teileiner neuen Frauen-Bewegung, für die der angelsächsische Sprachraum die hübsche Zeitgeist-Vokabel Yummy Mummies erfunden hat. Yummy Moms – grob übersetzt sexy Mütter – sind Frauen, die sich einfach weigern, Push-up-BH, Prada und Porsche gegen geräumige Latzhosen, praktische Kurzhaar-frisur und Minivan einzutauschen, sobald sie ein Baby auf die Welt gebracht haben. Diese Mütter machen sich auf, einKlischee über den Haufen zu werfen, das noch Ende des letzten Jahrtausends Konvention war: Mutterschaft bedeuteteirgendwie auch, muttihaft auszusehen, sich mit einem asexuellen Kleidungspanzer zu umgeben, nicht mehr auf dem Markt zu sein, nicht mehr mitspielen zu dürfen und vor allem: seine Identität aufzugeben. Eine Frau musste zwangsläufig in eine andere, gezähmte, gesellschaftliche Rolle schlüpfen, sobald sie Mutter war. 

Yummy Moms sind anders. Moderne Mamas wollen alles – Beziehung, Karriere, Kinder. Und dabei noch chic und cool aussehen. Sie sprengen die Regeln. 

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In den USA und in England ist das Phänomen so ausgeprägt, die Gesellschaft anscheinend so im Umbruch, dass sich Werbung und Marktforscher längst des Trends angenommen haben, der von Top-Models und Celebrities angeführt wird. So um die Jahrtausendwende wurde noch zynisch in Modekreisen gemutmaßt, nicht mehr YSL-Pumps, sondern ein Baby auf der Hüfte sei das ultimative Fashion-Accessoire. Top-Models wie Amber Valletta, Carolyn Murphy, Natalia Vodianova und Liya Kebede ließen sich erstmals mit ihren Kids von Annie Leibovitz ablichten – in Couture und unter dem Titel „Growing up with Glamour“. Die Role-Models trafen mit ihrem Selbstbewusstsein den Nerv der neuen Mütter-Generation. 

Heute ist Mama-Glam Realität. Auch in Hamburg-Eppendorf und auf der Münchner Maximilianstraße, selbst wenn es uns Deutschen bislang an einer griffigen Wortschöpfung für das Phänomen gebrach (siehe Titelgeschichte Seite 127 und Modestrecke Seite 112). 

Die Marketingagentur Euro RSCG Worldwide will in einergroß angelegten Studie sogar schon Untergruppen vonYummy Moms ausgemacht haben: So gibt es den TypusDomestic Diva (ihr Karrierejob ist es, Haus und Familie um-zustylen), Boomerang Mom (sie startet den Wiedereinstiegin die Karriere gleich vom Wochenbett aus), Mini-Me Mom (die Ego-Mutter, eine Mutation der klassischen Eislauf-Mutter) oder The Rage Brigade (sie lässt ihren Überforderungs-Frust am Husband aus). 

Ich selbst muss gestehen, dass ich das Phänomen mit gemischten Gefühlen sehe: Postfeministischer Backlash (Frauen zurück an den Herd. Und zwar in Manolos!) oder emanzipatorischer Fortschritt, ein neuer Selbstbewusstseinsschub für Frauen? Sinnsuche in konservativ-patriarchalischen Werten (ohne Mann und Kind ist eine Frau unvollständig) oder die Eroberung der Hälfte des Himmels nach eigenem, weiblichen Gestaltungswillen? 

Beruhigt hingegen hat mich ein Internetforum (yummymummyblog.com), in dem sich moderne Mütter beispielsweise über Analysen des Gender Instituts derEU austauschen, mit der – immer noch – ungleichen Bezahlung von Männern und Frauen in gleichen Karrierepositionen, mit gesellschaftlich und (familien-)politisch relevanten Inhalten. 

Es wäre doch ein Rückschritt, wenn die Yummy-Moms-Bewegung dort aufhören würde, wo die Shoppingtipps über passende Baby-Spucktücher zum Gucci-Outfit anfangen. 

Herzlich 

Uschka Pittroff 

Chefredakteurin 

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