Archiv: MannderWoche

Mit seinem Antrag auf eine längere Laufzeit für das Kraftwerk Biblis A löst RWE-Vorstandschef Harry Roels einen neuen Streit um Kernenergie aus und ebnet den Weg für den Ausstieg aus dem Ausstieg, den Rot-Grün im Jahr 2000 beschlossen hat. Deshalb ist Roels unser... 

Vom Lenker eines Unternehmens, das zu 31 Prozent nordrhein-westfälischen Kommunen gehört und in den vergangenen Jahrzehnten traditionell eher der SPD näher stand, hätte man es am wenigsten erwartet: öffentliche Aufmüpfigkeit gegen das Prestigeprojekt von Rot-Grün, den „schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie“. Harry Roels, 58, ist Niederländer und Pragmatiker. Seit Anfang 2003 leitet der frühere Shell-Vorstand den Essener Energiekonzern RWE. Dabei kümmert er sich herzlich wenig um politische Fallstricke und Rücksichten. Dafür hat er die privaten und institutionellen RWE-Aktionäre im Blick. Politisch geschickt ist sein Antrag auf eine längere Laufzeit für das Kernkraftwerk Biblis A dennoch. Statt 2008 soll Deutschlands ältester Reaktor erst 2011 abgeschaltet werden. Roels Schritt zwingt der großen Koalition in Berlin eine Diskussion auf, die zwar die grüne Oppositionspartei mit Schrecken, die Energiewirtschaft aber mit Zustimmung verfolgt. Selbst Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) soll einer Verlängerung nicht gänzlich abgeneigt sein, heißt es in Berlin, auch wenn er öffentlich heftig gegen Roels Antrag wettert. Denn Erdgas wird immer teurer. Das CO2-freie Kohlekraftwerk wird es noch lange nicht geben, die Technik ist nicht ausgereift. Soll der Strompreis nicht in astronomische Höhen schießen, müssen die Atommeiler nach Ansicht von Experten am Netz bleiben. Roels’ Beispiel wird Schule machen: So denkt der Energiekonzern EnBW darüber nach, die Laufzeit des Kernkraftwerks Neckarwestheim 1 verlängern zu lassen. Vattenfall und E.On können mit Roels’ Vorpreschen nun Mut schöpfen und ebenfalls beantragen, dass ihre Kernkraftwerke länger als zunächst geplant am Netz bleiben dürfen. Das würde Gabriel unter Zugzwang setzen. Niemand in der Branche hat es bisher so deutlich gesagt wie der Niederländer Roels: „Wir kämpfen für Biblis, weil wir es unseren Aktionären schuldig sind.“ Und: „Der Ausstieg gefährdet die Versorgungssicherheit in Deutschland.“ 

andreas.wildhagen@wiwo.de 

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