Archiv: Mao & Tao

In seinem extra-vaganten Haus inThailand schafft der Börsenguru Marc Faber das Unmögliche: Er vereint Buddhismus und Kommunismus unter einem Dach. 

Ein rotes Haus am Fluss? Ein Ausländer mit Pferdeschwanz? Der Taxifahrer am Flughafen von Chiang Mai weiß sofort Bescheid. Zwar leben in Thailands zweitgrößter Stadt gut 5000 „Expats“, doch niemand wohnt in einem so extravaganten Gebäude und niemand ist so oft am Flughafen wie Marc Faber, weltweit bekannter Börsenguru und Autor des Bestsellers „Zukunftsmarkt Asien“ sowie des Börsenbriefs „Gloom Boom & Doom Report“, den weltweit rund 1000 Banken, Unternehmen und Anleger abonniert haben. 

Von Letzterem weiß der Taxifahrer nichts. Er sieht nur, dass dieser „farang“ (Ausländer) eine thailändische Frau, zwei große Hunde und vier Motorräder hat. Der brave Thai hat noch nie im Leben etwas von Stock Exchange oder Dow Jones gehört. Und sowieso würde kein Mensch am Ende der schmalen, von Bananenstauden und einfachen Hütten gesäumten Soi 4 Lamphun Road ein Finanzgenie erwarten. Der Wagen hält vor einem riesigen ochsenblutfarbenen Haus. Zwei übermannshohe Diener-Statuen buckeln vor einem gigantischen Holzportal, das einstmals einer Kirche im Süden Indiens als Eingang gedient hat. Der Hausherr empfängt seine Besucher in Socken, verwaschenen Jeans und T-Shirt – seinem Lieblingsoutfit. 

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„Den Einheimischen ist das hier alles ein wenig suspekt“, sagt Marc Faber in seinem unverkennbar schweizerisch gefärbten Deutsch, „mein Haus, die Autos, mein ganzer Lebensstil – das ist zu viel für einfache Thais.“ Nicht nur für Thais. Das Arbeitszimmer wirkt wie eine Kathedrale; es ist ein monumentaler Raum, der fast das gesamte Erdgeschoss einnimmt. Der Grundriss misst 22 mal 9 Meter, größer ging es nicht – „wegen der Bäume“, erklärt der Hausherr. Er wollte sie nicht fällen, also hat er eine Ecke um einen mächtigen Banyan-Baum gebaut. In der Mitte der Halle steht ein Tisch von überwältigenden Maßen, groß wie ein Swimmingpool, an dem problemlos zwei Dutzend Gäste sitzen können. Entworfen hat ihn seine Frau Supatra, eine ehemalige Flugbegleiterin bei Cathay Pacific, die der Börsenexperte vor einem Vierteljahrhundert in Hongkong kennengelernt und geheiratet hat. Sie hat drei schwere, sechs Meter lange Gummibaum-Platten auf einen Unterbau aus verschiedenfarbigen Glassockeln montieren lassen und Lampen in die Sockel integriert. Am Abend leuchtet der Tisch wie ein eben gelandetes Raumschiff. Eine Kolonnade von Mao-Büsten aus weißem Stuck thront selbst bei wichtigen Besprechungen oder Dinner-Partys in der Tischmitte. 

„Darum ging es mir bei diesem Haus: Ich wollte endlich einmal wirklich Platz haben“, sagt Marc Faber. Deshalb, und weil er vor lauter Besuchern nicht mehr zum Arbeiten kam, hat er Hongkong vor rund sechs Jahren verlassen. Aus dem- selben Grund ist er nicht nach Bangkok oder in eine andere asiatische Metropole, sondern nach Chiang Mai gezogen, eine vergleichsweise ruhige Provinzstadt. Dort hat er sich sein ganz eigenes Reich geschaffen, getrennt vom eigentlichen Wohnhaus, einer thailändischen Holzkonstruktion auf Stelzen, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht und in dem seine Frau und er leben. Genau genommen: Seine Frau lebt dort, er selbst eher sporadisch. Bestenfalls eine Woche im Monat ist der unermüdliche Börsenbeobachter zu Hause, die restliche Zeit jettet er um den Erdball, von Konferenz zu Konferenz, von München nach Miami, von São Paulo nach Singapur, von Tokio nach Toronto. 

Der in Zürich geborene Finanzfachmann ist als Redner begehrt, weil er mehr als einmal sein Gespür für die Launen der Börse unter Beweis stellte. Seinen legendären Ruf begründete er durch ein paar treffsichere Tipps zur Entwicklung der Aktienmärkte: Er sagte die Japan-Baisse vor über zehn Jahren und den Börsencrash 1987 voraus, er prognostizierte die Asienkrise und das Platzen der Dotcom-Blase im März 2000. Kein Wunder, dass der promovierte Ökonom bei Insidern den Spitznamen Dr. Doom weg hat – jener, der die Katastrophen ankündigt. Seine Fangemeinde, vor allem unter Skeptikern und Pessimisten, ist groß. Er habe halt Dinge gesehen, die anderen entgingen, sagt Faber, „und hin und wieder hatte ich ein paar Ideen, die sich für meine Kunden als einträglich erwiesen“. 

Natürlich hat er selbst auch ein wenig davon profitiert und nicht jeden seiner genialen Einfälle postwendend weitergegeben. So hat er die Idee, Mao-Memorabilia zu sammeln, für sich behalten. Als er Anfang der Siebzigerjahre nach Hongkong kam, lebte Mao Tse-tung noch; es gab Poster, Büsten und Badges in Hülle und Fülle für wenig Geld zu kaufen. „Ich dachte mir, dass dieser ganze Schrott, sobald Mao stirbt, nicht mehr hergestellt und vermutlich sogar zerstört werden wird, und dass sich diese Dinge in Sammelobjekte verwandeln könnten.“ Dr. Doom behielt recht. Seine Sammlung mit über 3000 Plakaten, 33 000 Buttons und unzähligen der kleinen roten Bücher mit Zitaten aus Maos Reden, ist heute ein Vermögen wert. Poster, die er einst für 20 US-Cent erstanden hatte, wechseln heute für Hunderte von Dollar den Besitzer. Allein die Mao-„Buttons“ und „Plates“ um die Gartentür – auch dies ein imposantes und extrem gewichtiges Holzportal – sind so viel wert wie ein Kleinwagen. Nicht dass er vorhätte, sie zu verkaufen: „Meine Tochter wird später entscheiden müssen, was mit dem Kram geschehen soll.“ 

Die Tochter Nantamanda ist 23 und studiert in Zürich Psychologie. Noch fährt sie brav mit den Eltern in Ferien nach St. Moritz, in den Iran oder auf die Galapagos-Inseln – überall dorthin, wo Marc Faber etwas Spannendes zu entdecken wähnt. Im Nachhinein schmunzelt er noch vor Vergnügen, wenn seine Frau von ihrem letzten Urlaub in Uganda erzählt: „Marc wollte unbedingt die Gorillas in freier Wildbahn sehen.“ Dabei fürchtet sich die schöne Supatra vor Tieren. Trotzdem kümmert sie sich klaglos um die beiden großen Hunde ihres Mannes. Sie hat sich auch daran gewöhnt, dass ihr Mann ständig auf Reisen ist und an den wenigen Tagen, die er zu Hause in Chiang Mai verbringt, bis tief in die Nacht arbeitet. Sein Tagesrhythmus ist auf die New Yorker Uhrzeit eingestellt, er lebt mit ständigem Jetlag, selten geht er vor fünf Uhr morgens ins Bett. 

„Wenn Leute für einen Bericht wie den meinen gutes Geld zahlen, dann muss er exzellent sein, sonst kaufen sie ihn nicht. Einst habe ich meinen ‚Gloom Boom & Doom Report’ am Wochenende geschrieben, jetzt brauche ich fast eine Woche dafür.“ Den amerikanischen Börsenschluss erlebt er meist am Computer, morgens um vier, Chiang-Mai-Zeit. Früher war dies der Startschuss für ausgiebige Streifzüge durch das Nachtleben. Jetzt bleibt er zu Hause. „Ich habe ein Abkommen mit meiner Frau“, erzählt er munter, „in Chiang Mai gehe ich nicht ohne sie aus, und wenn ich unterwegs bin, mache ich, was ich will.“ 

Fabers Arbeitstisch ist eine Eigenkreation aus einer massiven Holzplatte und zwei chinarot lackierten Schubladengestellen. Die Bücherwände ringsum sind fünf Meter hoch und voller wertvoller Erstausgaben, unter anderen von Ökonomen wie Adam Smith, David Ricardo, John Stuart Mill und dem Enzyklopädisten Denis Diderot. Dazwischen auch Edward Gibbons mehrbändiger historischer Klassiker „Decline and Fall of the Roman Empire“, eine 1786 gedruckte Ausgabe von Johann Caspar Lavater über die Physiognomik oder ein antikes Traktat über die Geschichte der Prostitution. 

Im hinteren Teil des Hauses schwebt die Decke in luftigen 25 Meter Höhe. Steile Stiegen führen auf Halbetagen, und der Besucher ist dem Architekten dankbar, dass er auf Geländern bestanden hat. Der Hausherr wollte sie nicht. Schwindelgefühle sind ihm offenbar fremd. Er steht auf der Treppe vor einer dreieinhalb Meter hohen steinernen Buddha-Statue aus einem Tempel in Burma und beobachtet die warme Luft, die, angereichert vom Qualm unzähliger Marlboros, aus den Tiefen des Arbeitsbereichs empor steigt und durch eigens unter dem Dach angebrachte Schächte entschwindet. „Ein geniales Lüftungssystem“, freut sich der Hausherr. Die vorhandene Klimaanlage wird kaum benutzt. „Sie schadet den alten Büchern“, sagt Marc Faber. 

Das Haus, dass er selbst entwarf und mit Unterstützung eines Architekten bauen ließ, ist in vieler Hinsicht unkon-ventionell. Faber wollte kein typisches Thai-Haus, sondern „eines, das sowohl zu Mao als auch zu mir passt“ – daherdie Dominanz der Farbe Rot, die chinesischen Stilelemente, die vielen Buddhastatuen und die Antiquitäten. „Ich neige zur historischen Schule“, lautet die Erklärung. Auch seinekuriose Affinität zum Kommunismus – „es geht ja hier nicht nur um Mao, sondern um alle Idealisten, die die Welt verbessern wollten“ – hat geschichtliche Gründe: „Immerhin waren Lenin, Engels, Ho Chi Minh, Trotzki und Mao historisch wichtige Persönlichkeiten. Mao Tse-tung hat sein Land geeinigt. Er war zwar ein Schlächter wie Stalin, aber in der chine-sischen Geschichte wird er einen wichtigen Platz einnehmen.“ Man muss solche Figuren stets im historischen Kontext sehen. Im Hause Faber hängen sie jedenfalls Seite an Seite, auch Fidel Castro, Che Guevara und Karl Marx sind mit von der Partie. 

Noch unkonventioneller als die merkwürdige „Ahnengalerie“ der Weltverbesserer ist die Architektur selbst. Ein abendländischer Architekt hätte sich bei dem Auftrag, ein Haus um bereits vorhandene, überdimensionale Türen und Fenster, noch dazu nach den Entwürfen eines Doktors der Ökonomie, bauen zu müssen, wahrscheinlich die Haaregerauft. Nicht so die Thailänder. „Sie kamen mit zwei koffergroßen Werkzeugkasten und machten sich ohne viel Aufwand an die Arbeit“, erinnert sich der Bauherr. Ein Kranwurde bei dem Vorhaben nur ein einziges Mal gebraucht, um die massigen, 20 Meter hohen Teakbaumstämme, die dem Holzgebälk als Stütze dienen, über die Außenwände ins Haus zu hieven. 

Das ist es, was der glückliche Hausherr an Asien am meisten schätzt: Die Freiheit, tun und lassen zu können, was er möchte, wie er möchte, wann er möchte – ohne dass gleich jemand auf der Bildfläche erscheint, um auf bestimmte Regelwerke hinzuweisen. „Ich werde sicher nicht mehr nach Europa zurückziehen“, prophezeit der Wahl-Thailänder, „ich fahre gerne besuchsweise hin, aber ich möchte nicht in einem Schweizer Altersheim sterben – dann doch lieber in einem thailändischen Massagesalon“. 

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