„Maximale Beunruhigung“

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Wahlkampf » Klaus-Peter Schöppner, Chef des Meinungs-forschungsinstituts TNS Emnid, über Stimmung und Strategien. 

Wie wirkt sich die Vorstellung des Kompetenzteams von Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel auf den Wahlkampf aus? 

Der Schwerpunkt liegt jetzt auf den zentralen Themen dieser Wahl, was gut ist für die Union. Darüber hinaus wird das so genannte Kompetenzteam als eher regierungsfähig angesehen als die SPD-Riege. Auch einzeln schneiden die Mitglieder des Teams gut ab. Den Finanzfachmann Paul Kirchhof zum Beispiel halten rund 75 Prozent der Befragten, die ihn kennen, für sehr kompetent. Allerdings muss die Union noch an der Bekanntheit einzelner Teammitglieder arbeiten. 

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Die Umfragewerte für die Union blieben aber auch nach der so genannten Ost-Schelte des CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber relativ konstant. Es gab nicht den vielfach erwarteten Einbruch. Wie erklären Sie das? 

Alles, was da in den vergangenen Wochen über einen knappen Ausgang für die Union behauptet wurde, ist eher ein kommunikativer Trugschluss. Es gibt bei den Stimmanteilen wenig Bewegung, obwohl sich die Themen immer schneller drehen. Das liegt daran, dass alles, was da teilweise als so wichtig angesehen wird – wie die Verwechslung von brutto und netto oder Stoibers Ost-Schelte – die Wähler wenigtangiert. 

Ist das nicht überraschend? 

Es ist jedenfalls etwas Neues. Das Beunruhigungsgefühl in der Bevölkerung ist maximal ausgeprägt, so groß wie noch nie zuvor bei irgendeiner Wahl. Es geht jetzt mehr um die Frage: Wer bietet mir mehr Sicherheit? Verbale Ausrutscher und Ähnliches spielen eine Rolle in Zeiten, in denen die Stimmung in der Bevölkerung halbwegs ausgeglichen ist. Das ist aber diesmal nicht der Fall. 

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus für den weiteren Verlauf des Wahlkampfs? 

Die Frage ist: Kann die SPD es noch schaffen, den Wählern ein Thema zu geben oder besser gesagt einen Grund, wieso die SPD beziehungsweise Rot-Grün weiterregieren sollte? Was derzeit vorherrscht, ist die Suche nach Sicherheit im Wandel und als zweites die Ansicht, dass die SPD im Prinzip abgewirtschaftet hat. Es ist nicht so, als wenn die CDU derzeit euphorisch gesehen würde, aber bei Zukunftsgestaltung, Sicherung der Sozialsysteme, Finanz- und Wirtschaftspolitik – überall ist sie nach Meinung der Wähler besser aufgestellt. 

Und wo bleibt da Schröders Kanzlerbonus? 

Das ist ja fast noch das Schlimmste an Schröders Wahlkampf. Der Kanzler kann sich nicht hinstellen und sagen: Große Koalition mache ich nicht, eine Links-Links-Koalition mache ich auch nicht, ich mache nur Rot-Grün. Wir wissen doch, dass Rot-Grün derzeit nur auf 37 Prozent kommt. Nach allem demoskopischen Ermessen gibt es keine Konstellation, die dem Kanzler, auf den der SPD-Wahlkampf ja stark zugeschnitten ist, den Machterhalt sichern könnte. Und das ist eigentlich der Fake dieses Wahlkampfes, den die Wähler noch gar nicht richtig mitgekriegt haben. 

stephan.schmidt@wiwo.de 

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