Archiv: Mehr Mumm

Stefan Biskamp über Korruption 

Der Korruptionsskandal bei Siemens hat die Konzernspitze erreicht, Ex-Zentralvorstand Thomas Ganswindt sitzt in Untersuchungshaft; weitere Top-Manager stehen im Verdacht, die ominösen Schmiergeldkonten und dubiose Zahlungen von fast einer halben Milliarde Euro gebilligt oder zumindest von ihnen gewusst zu haben; schon korrigiert Siemens wegen voraussichtlich fälliger Steuernachzahlungen den Gewinn um Hunderte Millionen Euro nach unten. Zu befürchten ist, dass dem einstigen deutschen Paradeunternehmen noch ganz andere Verluste bevorstehen. Der Verlust an Glaubwürdigkeit ist immens, hohe Strafen drohen, wenn die US-Börsenaufsicht in die Ermittlungen einsteigt. Und das, während sich Siemens auf den Märkten der Welt gegen immer neue Konkurrenz behaupten muss und gar keine Zeit hat, sich mit sich selbst zu beschäftigen. 

Doch das wird die Konzernführung noch eine ganze Weile tun müssen. Noch rankt sich um die Affäre ein Geflecht aus Mythen und Legenden, das erst noch zerschlagen werden muss. 

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Ein Mythos ist Siemens als Opfer der Korruption. Falsch, Siemens ist der Täter. Schließlich, das ist ja der Zweck von Schmiergeldkonten, sollten mit den dort geparkten Millionen lukrative Geschäfte angebahnt werden. Ist Siemens nicht einmal das gelungen, so wäre dies, nach Talleyrands Bonmot, mehr als ein Verbrechen, es wäre ein Fehler gewesen. Die in die Affäre verwickelten Mitarbeiter hätten sich dann wie Diebe benommen, die nach dem Einbruch die Beute fallen lassen. 

Per Korruption wird Ware überteuert verkauft. Wer also sind die wahren Opfer? Es sind Unternehmen, die sich nicht am Korruptionskartell beteiligen. Und es sind die Kunden. Geht es um öffentliche Aufträge, sind das die Steuerzahler. Geht es um Korruption zwischen Privatunternehmen, zahlt der Konsument die Zeche. 

Zu einem anderen Mythos führt die Feststellung, dass nur einige wenige Mitarbeiter das Schmiergeldnetzwerk aufgebaut hätten – eine Gruppe, die „alle Sicherungen außer Kraft“ setzen wollte, wie Aufsichtsratschef Heinrich v. Pierer beklagt. Demzufolge ließe sich das Problem Korruption per Identifikation dieser wenigen Übeltäter isolieren. Das geht leider nicht. Selbstverständlich ist am Aufbau eines Schmiergeldsystems nur eine kleine Gruppe von Mitarbeitern beteiligt. Mehr braucht es dazu eben nicht. 

Was es dazu aber braucht, ist stillschweigendes Einverständnis ganz oben. Zumindest muss dort jemand im richtigen Moment weggesehen haben. Es braucht die ambitionierten Umsatz- und Gewinnvorgaben, die einen Vertrieb mit den Mitteln der Korruption verführerisch machen. Und es braucht das Top-Management, das sich mit den Details über die Gepflogenheiten vor Ort nicht Kopf und Gewissen schwer machen will. Das ist das Problem – und nicht die Zahl der beteiligten Mitarbeiter. 

Und noch ein Mythos rankt sich um die Korruptionsaffäre bei Siemens: dass sich ein globaler Anbieter aus vielen Märkten der Welt verabschieden müsste, würde er sich nicht auf Bestechung einlassen. Aber erstens ist gar nicht ausgemacht, ob am Ende der Gewinn einiger Aufträge die drohenden Strafen und den Imageverlust wettmachen. Zweitens: Wie wäre es, wenn ein Konzern mit der totalen Transparenz aus dem Korruptionskartell ausstiege? Wenn der Vorstandschef die Öffentlichkeit stets über all die Aufträge unterrichten würde, die sein Unternehmen nicht ergattern konnte – weil es kein Schmiergeld zahlte? Ein heißer Ritt, aber vielleicht würde sich die Transparenz langfristig auszahlen? Ein Vorstandschef, der das Experiment wagte, wäre jedenfalls ein echter Kerl. Der hätte Mumm in den Knochen. Ungefähr so viel Mumm, wie es brauchen sollte, Vorstandschef zu werden. 

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