Mein China–Tagebuch

Archiv: Mein China–Tagebuch

Giorgio Armani schreibt exklusiv, wie er das Reich der Mitte modisch erobert 

Mittwoch, 14. April 

China ist einer dieser magischen Plätze, die für uns Leute aus dem Westen eine mythische Faszination besitzen. Wir lernen das Land über Bücher, Fotos und Filme kennen. Erst wenn wir das Glück haben, wirklich einmal dorthin zu kommen, merken wir, wie begrenzt unsere Fantasie doch ist. 

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Heute bin ich in Peking angekommen, der ersten Stadt, der ich 1998 meine Vision der Mode brachte und wo ich eine Niederlassung von Giorgio Armani eröffnete. Damals habe ich einen Denkfehler begangen; ich wollte meine Vorstellung von Ästhetik der des Orients anpassen. Also habe ich eine rote Tür einbauen lassen. Ich merkte jedoch bald, dass die Chinesen den Mailänder Armani wollten. Dieses Mal also kein ortsübliches Styling! 

Mir sticht sofort ins Auge, wie sehr der Westen dabei ist, dieser großen Nation nun praktisch die Tür einzurennen. China ist immer noch ein kommunistisches Land, öffnet sich aber langsam. Das darf man nicht ausnutzen. Man muss ein Gleichgewicht zwischen zwei Extremen finden, auf der einen Seite mit einem hochwertigen Produkt Geld verdienen, auf der anderen Seite aber denjenigen, die ohnehin schon so wenig verdienen, auch nicht zu viel abnehmen. 

Ich habe mir in meinem Zeitplan ein paar Stunden freigemacht und mir die Stadt angesehen. In der Verbotenen Stadt habe ich mich wie ein Tourist gefühlt, wunderbar! Niemand kannte mich – ich habe einfach mit einer Gruppe chinesischer Touristinnen zusammengesessen; wir haben uns in Zeichensprache verständigt. Wahrscheinlich haben sie sich über diesen merkwürdigen Italiener im Nadelstreifenjackett gewundert. Abends gab Botschafter Gabriele Menegatti für mich eine Cocktailparty in der italienischen Botschaft. Wir zeigten die Fotoausstellung „Gesichter des Sports“ aus dem Buch, das ich zusammengestellt habe, um Geld für die Organisation „Special Olympics“ zu sammeln. Zu den Gästen gehörte eine faszinierende Frau namens Madame Song, eine Stilikone und außerdem die erste bedeutende Frau, die von der Kommunistischen Partei die Erlaubnis erhalten hat, einen Ausländer zu heiraten. 

Donnerstag, 15. April 

Shanghai – Es scheint mein Schicksal zu sein, dass ich die meiste Zeit in Hotels, hinter der Bühne oder auf Pressekonferenzen verbringen muss: Die Arbeit kommt immer zuerst. 

Mein Team witzelt, dass ich etwas zu beweisen habe, weil ich Im Juli 70 werde (und außerdem das 30-jährige Bestehen von Armani feiere). Da haben sie Recht. Mit meinem täglichen Programm – Frühsport, gesundes Essen, mäßiger Alkoholgenuss und früh Schlafengehen – bin ich ihnen immer einen Schritt weit voraus. Heute war keine Ausnahme – ich habe wirklich hart gearbeitet. In zwei Tagen ist eine große Modenschau ; dafür wurde über dem Huangpu-Fluss ein speziell angefertigtes schwarzes Zelt errichtet. Nach der Landung bin ich sofort zu einer Inspektion zu unserem neuen Laden bei Armani/Three on the Bund gegangen. Ich habe sofort bemerkt, dass an der Beleuchtung etwas verändert werden muss. Ich weiß, dass ich alle damit verrückt mache, aber ich bin nun einmal ein Perfektionist. Danach sahen wir uns den Veranstaltungsort für die Modenschau-Party an und waren drei Stunden mit Casting und Fitting beschäftigt. 

Ich hatte Sorge wegen der Models – es ist immer ein Glücksspiel, vor Ort gute Mädchen zu bekommen. Erleichterung – die Mädchen hier sind unglaublich! Wir haben uns 140 angesehen – viele aus Peking und Hongkong, ein paar aus Japan. Sie sehen aus, als wären die Kleider eigens für sie gemacht worden: groß, elegant, schlank. Ich finde die chinesischen Frauen sehr schön – allein beim Ansehen habe ich schon den Wunsch, sie anzukleiden. 

Freitag, 16. April 

Heute habe ich das Kunstmuseum in Shanghai besucht, eine wahre Inspiration. Würde dort gerne meine vom Guggenheim-Museum verwaltete Armani-Retrospektive ausstellen. Zwischen dem Anpassen der Kleider habe ich immer wieder die Chance, mir etwas von der Stadt anzusehen. Im Gegensatz zu Peking macht Shanghai eine grundlegende Veränderung durch – fast so, als hätte es die Stadt darauf angelegt, einem einen Schock zu versetzen. Die Modernisierung ist erstaunlich! Gebäude, die eher wie Raketen aussehen und nicht wie Orte, in denen tatsächlich Menschen wohnen. Zu meiner Freude sehe ich noch viele alte Gebäude in historischem Stil. Es ist der Gegensatz, der aus Shanghai eine so pulsierende und lebendige Stadt macht. 

Heute Mittag weitere Interviews. Ich muss sagen, dass ich die Chinesen sehr leicht im Umgang finde. Sie haben etwas so Warmes und Freundliches an sich – man könnte sie fast als Neapolitaner beschreiben. Sie lächeln viel und sind offenherzig. Ich mag sie unheimlich gern. 

Samstag, 17. April 

Der Tag der Modenschau. Morgens war ich beim stellvertretenden Bürgermeister eingeladen. Alle schienen es unheimlich interessant zu finden, dass ich am Tag zuvor auf einem Straßenmarkt eine nachgemachte Emporio-Armani-Uhr gekauft hatte! Noch mehr technische Proben. Um 19 Uhr können wir endlich der Welt zeigen, was Armani bedeutet. Während wir die Leute zu ihren Plätzen führen, scheint sich die Presse am meisten für meine Freunde zu interessieren. Helen Taylor ist natürlich die perfekte englische Lady, aber die größte Überraschung ist, dass die Hollywood-Schauspielerin Mira Sorvino perfekt Mandarin spricht. (Sie hat Sinologie studiert.) Vom Team vor Ort sitzen viele chinesische Berühmtheiten in der ersten Reihe, unter anderem Michelle Yeoh und Zhang Zhen aus dem Film „Tiger und Drache“. Ich bin erleichtert und erfreut, dass alles so reibungslos abläuft. Die Party nach der Show macht Spaß, aber ich verschwinde nach Mitternacht. Die jungen Leute tanzen bis drei Uhr in der Frühe – so sollte es auch sein in einer Stadt mit einer so dekadenten Vergangenheit. 

Sonntag, 18. April 

Von Shanghai nach Hongkong. Ich wollte vor 18 Monaten zur Eröffnung meines Geschäftes kommen, hatte mich aber wegen der Ereignisse in Bali dagegen entschieden. Manchmal dringt die Realität auch in die Blase unserer Modewelt ein. 

Ich besuche das Chater House, das größte Armani-Geschäft außerhalb von Mailand. Natürlich finde ich wieder hunderte von Dingen, die ich ändern möchte. Weiter zum Abendessen im China Club. Nochmals zum Thema Realität: Ich hatte ein schönes Abendessen und hatte mich gefreut, Milla Jovovich und chinesische Stars (einige davon Opernsänger) zu treffen. Aber vor dem Luxusrestaurant sah ich einige Filipinos auf dem Zementboden beim Picknicken sitzen. Drinnen nur Leute, die in Privatjets durch die Gegend fliegen und mich für eine Woche auf ihr Boot einladen wollen. Ich bin noch immer ziemlich unwissend, ich hatte noch keine Zeit, jemand anderen als die reichen Leute zu treffen, die ich in Restaurants und auf Partys sehe, aber es scheint enorme Gegensätze zu geben. 

Montag, 19. April 

Morgen ist die Modenschau, und ehrlich gesagt, bin ich froh, wenn ich wieder nach Hause kann. Diese gesellschaftlichen Anlässe sind so ermüdend – anstrengender, als fünf Kollektionen zusammenzustellen! China aber ist herrlich, wie eine schöne Frau, die mir langsam ihre Geheimnisse enthüllt. 

Dienstag, 20. April 

Die Modenschau in der Zentrale der Hong Kong and Shanghai Banking Corporation ist gut gelaufen. Ich war hinter der Bühne und habe jede Einzelheit kontrolliert – die Haare, das Make-up, die Musik, die Beleuchtung und jedes einzelne Outfit. Die Zuschauer waren ziemlich überrascht von der Kollektion. Dieses Mal gibt es mehr Kleider in einem entschieden femininen Stil und weniger „Greige“-Töne. In dieser Stadt des Wandels wollte ich zeigen, dass Mode etwas mit Veränderungen und Überraschungen zu tun hat. Als Designer muss man sich immer weiterentwickeln. 

Heute Abend hat mich ein Journalist nach dem Geheimnis meines langen Lebens gefragt. Er hat gemeint, als Designer und nicht so sehr als Mensch, aber in meinem Fall besteht jedoch eine starke Verbindung zwischen den beiden. Ich habe ihm gesagt: Adrenalin, Selbstkritik und der überwältigende Wunsch, der Welt zu zeigen, was ich kann. Ich hoffe, ich konnte dies wenigstens in den letzten paar Tagen in China. 

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