Archiv: Merkels Lösung

Angela Merkel » Mit einem überraschenden Konzept will die Bundeskanzlerin den Streit um einen möglichen Staatseinstieg beim Luft- und Raumfahrtriesen EADS schlichten. 

Elegante politische Lösungen, die noch dazu allen Beteiligten Vorteile bringen, sind rar in Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel gelang offenbar eine: Bei der besonders sensiblen Frage, wie Deutschland seine Interessen bei EADS wahrt, sollte der derzeitige Sachwalter DaimlerChrysler wie geplant von 2007 an die Beteiligung von 22,5 Prozent auf 15 Prozent reduzieren. In dem Fall wollen der Autokonzern und die Bundesregierung alte rechtliche Geschäftseinheiten nutzen, die seit der Gründung der EADS im Juli 2000 kein operatives Geschäft mehr betreiben, aber nicht aufgelöst wurden. 

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DaimlerChrysler hält heute seine Anteile an der EADS nicht direkt, sondern über Tochterunternehmen (siehe Grafik). Dazu gehören die Dasa AG, eine Tochter der DaimlerChrysler Luft- und Raumfahrt Holding (DCLRH), an der wiederum neben dem Autoriesen auch die Stadt Hamburg, die Familie Dornier und die Messerschmitt-Stiftung Anteile halten. Merkels Plan: Die Dasa gibt eine Wandelanleihe aus, die bis zu 49 Prozent ihres Unternehmenswerts entsprechen könnte. Diese könnten an ein privat geführtes Konsortium verkauft werden, zu dem auch Länderbanken und die bundeseigene Förderbank KfW gehören. Das so eingenommene Geld schüttet die Dasa sofort an ihre bisherigen Aktionäre aus. Der Vorteil der Konstruktion: Die Dasa muss auf die Anleihe keine Zinsen zahlen und kann sie am Ende der Laufzeit sowohl in Geld als auch in Aktien zurückzahlen. Dieser Weg, den Merkels wirtschaftspolitischer Berater Jens Weidmann in Verhandlungen mit DaimlerChrysler-Vorstand Rüdiger Grube und dem EADS-Verwaltungsratschef Manfred Bischof, ausgeknobelt hat, löst auf einen Schlag die Probleme aller Beteiligten. Der Autokonzern bekäme sofort Geld in die Kasse, mehr als bei einem Teilverkauf seiner EADS-Anteile an der Börse. „Ein langfristig orientierter politischer Investor würde die wahre Substanz des Unternehmens wohl höher ansetzten als den durch die wiederholten Verzögerungen des Airbus A 380 stark gefallenen aktuellen Börsenwert“, sagt ein Unternehmenskenner. 

Der politische Charme besteht darin, dass DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche während der Laufzeit der Anleihe alle Stimmrechte behält. Das sichert den vor allem für das Rüstungsgeschäft so wichtigen Anschein einer privatwirtschaftlichen Führung, signalisiert aber gleichzeitig Frankreich „politisch-symbolisch“ das Interesse Deutschlands am Gleichgewicht im EADS-Konzern, heißt es in der Bundesregierung. Trotzdem könnte Merkel, meinen ihre Berater, die Lösung als „noch ordnungspolitisch vertretbar“ darstellen. Und schließlich wirke eine solch komplexe Konstruktion im Falle einer feindlichen Übernahme-Absicht abschreckend. Die Kanzlerin will sich in den nächsten Tagen mit den beiden Co-Vorstandsvorsitzenden von EADS, Thomas Enders und Louis Gallois, in Berlin treffen, um die Lösung zu besprechen. Dabei wollen die beiden Chefs ihrerseits die neue Führungsstruktur erläutern. Dabei soll, heißt es bei EADS, mit einer neuen Aufgabenverteilung der deutsche Einfluss auch auf der zweiten Ebene der EADS-Tochter Airbus gesichert werden. 

michael.inacker@wiwo.de | Berlinruediger.kiani-kress@wiwo.de de 

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