messejahr 2005 „Pfusch ist ausgeschlossen“

Archiv: messejahr 2005 „Pfusch ist ausgeschlossen“

Frankfurts Messechef Michael von Zitzewitz über Privatisierung,Subventionen und Deutschlands Position als weltweit führendes Messeland. 

Herr von Zitzewitz, kann eine Messegesellschaft heutzutage als Privatunternehmen überleben? 

Durchaus. Es gibt etliche private Messeveranstalter, die gute Geschäfte machen. Der weltweit größte, Reed, ist dafür ein gutes Beispiel. Speziell in den USA gibt es viele private Messeveranstalter – meist börsennotiert – und ebenso in Frankreich. 

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Wenn Messen privatwirtschaftlich funktionieren können, warum hängen die Bürgermeister und Landesväter in Deutschland so an ihren Messegesellschaften? 

Messen sind ein wirksames Instrument für die regionale Wirtschaftsförderung. Sie bringen eine Menge Geschäft für Hotels, Restaurants oder das Taxigewerbe und sichern damit Arbeitsplätze. Dazu kommt der Imagegewinn für die Kommune. Aber ich bin nicht sicher, ob heutzutage noch jeder Bürgermeister und Landesvater so bedingungslos an seinen Messen festhält. Die kommunalen Kassen werden immer knapper, die internationalen Risiken des Messegeschäftes immer größer. In fast allen großen Messestädten wird deshalb mehr oder weniger offen über Privatisierung diskutiert. 

Die notorischen Minusmacher sind aber nur eine Minderheit. Die meisten großen Messegesellschaften in Deutschland schreiben eine schwarze Null. 

Das mag stimmen, aber Hand aufs Herz: Reicht das? Für einen privaten Investor sicher nicht, der will eine ordentliche Rendite. Und für die Kommunalpolitik reicht eine schwarze Null auf lange Sicht wahrscheinlich auch nicht. Der Messemarkt wird schwieriger, der finanzielle Druck auf Unternehmen und Kommunen größer. Das zwingt über kurz oder lang zum Handeln. 

Warum bringt man die Messegesellschaften nicht an die Börse? So wie in den USA. 

Es fehlen die Voraussetzungen. Die eine ist eine kapitalmarktfähige Rentabilität. Davon ist die Messebranche noch weit entfernt. Die andere ist eine branchenweite Lösung, sonst kommt es zu Wettbewerbsverzerrungen. Darüber hinaus muss man sich fragen, was man an die Börse bringen will. Das gesamte Unternehmen? Nur die Hallen und das Gelände? Oder nur die Durchführungsgesellschaften, also die Messeveranstalter? Im reinen Veranstaltungsgeschäft kann man gute Gewinne machen. An den Immobilien zu verdienen, ist schwieriger. In Frankfurt haben wir das Messegeschäft daher in verschiedene Gesellschaften aufgeteilt. Unsere Veranstaltungsgesellschaft mietet Flächen von der Besitzgesellschaft. Wir schaffen so mehr Transparenz und können gezielter optimieren. a 

Bringt das zwangsläufig mehr Transparenz? Bei den Mieten gibt es doch einen gewissen Spielraum, sodass die Kosten hin und her geschoben werden können. 

So ist es nicht. Erstens werden Kosten und Ergebnisse klar zugeordnet. Zweitens messen wir unsere internen Preise am Markt. Wir mussten nachweisen, dass nicht nur die Veranstaltungs-, sondern auch die Besitz-gesellschaft sich selbst tragen kann. Sonst hätten wir aus steuerrechtlichen Gründen die Trennung gar nicht vornehmen dürfen. Bei der Höhe der internen Mieten orientieren wir uns an Gastveranstaltungen und an Preisen, die wir von anderen Messeplätzen kennen. Das Ergebnis der Besitzgesellschaft ist also durch die Auslastung mit Eigen- und Gastveranstaltungen bestimmt. Pfusch, also „Kostenschieberei“, ist ausgeschlossen. 

Würde dieses Modell auch bei Messegesellschaften funktionieren, bei denen die Kapitaldecke dünner ist und die weniger verdienen als Frankfurt? 

Das kann ich nicht beurteilen. Fakt ist, dass der Immobilienteil meist zu wenig Rendite bringt, um ihn an den Kapitalmarkt zu bringen – jedenfalls solange keine andere Nutzung als Messen zugelassen ist. Es gibt aber einige private Geländebetreiber, die damit scheinbar ganz gut leben können wie zum Beispiel die Paris Expo. 

Da ist doch die Frage, welchen Preis der private Betreiber für die Messeflächen in die öffentlichen Kassen gezahlt hat. 

Das stimmt, aber der Preis, den ein Erwerber für ein Messegelände zahlt, kann kein normaler Marktpreis sein. Einfach schon deshalb, weil die kommunale Politik die Nutzung des Geländes im Bebauungsplan festlegt und damit den Preis mitbestimmt. Wir haben zum Beispiel für unsere damalige Erweiterung in das benachbarte Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs einen Preis bezahlt, der dem Nutzungszweck als Messegelände entsprach. Das war alles andere als geschenkt, aber natürlich niedriger als für ein Gelände, auf dem etwa Bürohochhäuser entstehen sollen. 

Warum kann man mit Messehallen nur wenig oder gar kein Geld verdienen? 

Es gibt zu viele Flächen in Deutschland und in Europa. Und es wird munter dazu gebaut. In Stuttgart werden es 50 000 Quadratmeter mehr sein, in Mailand über 125 000 Quadratmeter. Allein seit dem Jahr 2000 hat die Hallenfläche in Deutschland um zehn Prozent zugenommen. Im gleichen Zeitraum hat die vermietete Fläche um etwa 15 Prozent abgenommen. Das heißt, die Auslastung ist um etwa ein Viertel gesunken. Möglich ist das nur, weil Messegelände allein aus kommunalen Überlegungen, aber nicht unter Marktgesichtspunkten gebaut werden. Das Ergebnis ist ein Überangebot, ein Verfall der Flächenmieten und ein verzerrter Wettbewerb. In Asien oder den USA sind die Standmieten mehr als doppelt so hoch. 

Sind die Aussteller überhaupt bereit, hier zu Lande so viel zu zahlen? 

Wenn der Markt ein Produkt braucht, dann lassen sich damit auch auskömmliche Preise erzielen. Andernfalls würde das ja bedeuten, dass Messen ihren Preis nicht wert wären. Ich behaupte aber, dass Messen als direkte Kommunikation zwischen den Marktteilnehmern das interessanteste Marketinginstrument überhaupt sind. Jeder Aussteller wird ihnen bestätigen, dass er auch höhere Preise für einen Messeauftritt zahlen würde, wenn er sich dadurch genügend Aufträge oder interessante Kontakte verspricht. In den USA oder China funktioniert das offenkundig. Dort gibt es bis jetzt ja auch kein Überangebot an Flächen wie in Europa. 

Werden wir in zehn Jahren noch die gleiche Eigentümerstruktur haben? Oder mehr private Anbieter? 

Die Erfahrung zeigt, dass alle kapitalintensiven Industrien zunächst staatliche Anschubhilfen oder öffentliche Eigentümerschaft brauchten, später aber aus Wirtschaftlichkeits- und Effizienzgründen privatisiert wurden. Das war bei der Telekommunikation und der Stromversorgung genauso wie bei der Gasversorgung oder demnächst den Eisenbahnen. Der Staat zieht sich heute – vor allem wegen der schwierigen Situation der öffentlichen Kassen – aus immer mehr Bereichen zurück. Ich denke, auch im Messewesen wird sich langfristig etwas ändern. 

Deutschland ist seit vielen Jahren das führende Messeland. Wird das so bleiben? 

Wir können einiges dafür tun. Der Messeplatz Deutschland hat eine vorteilhafte Lage und Infrastruktur. Er steht für hohe Kompetenz und Qualität. Diese Stärken müssen wir weiterentwickeln. Aber wir können die wachsende Konkurrenz speziell aus Asien nicht ignorieren. Es sind neue Märkte entstanden. Viele Einkäufer großer Handelsketten sitzen in China. Also müssen die Messen dort hin. Ob damit eine dauerhafte Verlagerung von Messeschwerpunkten verbunden ist, wird sich zeigen. Darin liegen andererseits aber auch enorme Chancen. Deutsche Messegesellschaften haben den chinesischen Markt früh entdeckt und sind dort sehr gut aufgestellt. Wir profitieren erheblich davon. 

In Europa investieren Italiener und Spanier massiv. Bedroht das den deutschen Vorsprung? 

Nicht automatisch. Unsere europäischen Nachbarn sind weniger international orientiert. So kommen zu unseren Messen in Frankfurt mehr als 70 Prozent der Aussteller aus dem Ausland. In Italien und den meisten anderen europäischen Ländern sind es nur 20 bis 30 Prozent. Man will dort offenkundig unliebsame Konkurrenz vor der Türe halten. Ob das klug ist, steht auf einem anderen Blatt. Der Weltmarkt ist jedenfalls noch immer in Deutschland zu Hause. Und das ist auch gut so. 

Lothar Schnitzler 

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