Archiv: Métro, boulot, dodo

Stefan Baron über die Krise in Frankreich 

Über eine Million Franzosen demonstrierten auf der Straße, der staatliche Nachrichtensender France Info sendete den ganzen Tag nur Musik, ein Gutteil der Flüge fiel aus, die Hälfte der Züge fuhren nicht, die Post blieb liegen, zahllose Schulen, Banken, Behörden und Geschäfte waren geschlossen ebenso wie der Eiffelturm – Frankreich am vergangenen Dienstag im Ausnahmezustand. 

In Berlin beeilten sich die Politiker derweil, öffentlich so zu tun, als fänden die Ereignisse bei unserem wichtigsten Nachbarn in einem fernen Lande statt, als hätten wir damit wenig oder gar nichts zu tun. 

Anzeige

Doch das glauben sie selbst nicht. Der Gallische Hahn ist ein Wetterhahn für ganz (Kontinental-)Europa. Was dort passiert, setzt sich nicht selten früher oder später auch anderswo durch. 

Das muss nicht heißen, dass auch auf deutschen Straßen bald Millionen protestieren und Autos brennen, obwohl manche Gewerkschafter schon mit dieser Furcht hantieren. „Was in Frankreich bekämpft wird“, so DGB-Chef Michael Sommer mit Blick auf die in der großen Koalition verabredete Änderung des Kündigungsschutzes, „ist auch hier geplant.“ Bundesarbeitsminister Franz Müntefering stoppte vor lauter Schreck daraufhin erstmal gleich die Umsetzung des Vorhabens. 

Das ist – für sich genommen – noch nicht weiter schlimm. Viel bedrohlicher ist, dass die Regierenden jetzt womöglich der letzte Reform-Mut verlässt. Der war auchso schon schwach genug: Echte Reformen der Güter-, Dienstleistungs-, Finanz- und Arbeitsmärkte, die das Produktionspotenzial der deutschen Wirtschaft steigern, stehen ohnehin nicht auf der Agenda. Jetzt droht aus Mini Mini-Mini zu werden. 

Denn bei der aktuellen Krise in Frankreich geht es nur vordergründig um ein Gesetz, das Arbeitgebern erlauben soll, Jugendliche unter 26 Jahren in den ersten zwei Jahren ohne Probleme zu entlassen. An diesem Vorhaben kristallisiert sich eine tiefe Bewusstseinskrise. Wer die Protestmärsche am Dienstag in Paris aus der Nähe beobachtete, konnte feststellen: Hier geht es um das marktwirtschaftliche Modell: „Nein zur Globalisierung, nein zum Outsourcing“, „Nein zur Privatisierung und der Diktatur des Markts“. So oder ähnlich lauteten die häufigsten Parolen. 

Wollte die Jugend des Mai ’68 noch mehr Freiheit und Fantasie, zeigte sie sich von dem (petit-)bourgeoisen Materialismus ihrer Eltern abgestoßen und verhöhnte deren Leben mit der Parole „Métro, boulot, dodo“ (U-Bahn, Job, Heia), so protestiert sie heute „contre la précarité“, gegen die Unsicherheit. Was einst verspottet wurde, ist inzwischen zum Ziel der Sehnsucht geworden. Der Wunsch nach mehr Freiheit, die immer auch mehr Unsicherheit bedeutet, ist einer tiefen Angst gewichen. Der Angst vor Markt und Wettbewerb und Globalisierung. 

Die Droge Sozialstaat hat auch den Freiheitsgeist der Franzosen zersetzt: Die Jugend der Grande Nation sorgt sich heute darum, dass sie ihren ersten Job womöglich nicht ein Leben lang behalten kann. 75 Prozent der Berufsanfänger möchten am liebsten beim Staat arbeiten. Nur 36 Prozent aller Franzosen betrachten einer weltweiten Umfrage zufolge die Marktwirtschaft noch als das beste System, um ihren Wohlstand zu sichern. Von 20 untersuchten Ländern war Frankreich damit das einzige, in dem nur eine Minderheit sich zur Marktwirtschaft bekannte. 

Zahlen und Parolen zeigen: Die Krise unseres Nachbarn ist eine tiefe Legitimationskrise von Kapitalismus und Globalisierung. „Zum ersten Mal“, so der Soziologe Alain Touraine über die Proteste in seinem Land, „zielt die Ablehnung direkt auf wesentliche Charakteristika der freien Marktwirtschaft.“ Deutschland, so steht zubefürchten, wird sich dem nicht entziehen können. 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%