Millionen & Matratzen

Archiv: Millionen & Matratzen

Die Hiltons waren immer blitzschnell, im Geldverdienen wie im Geld- ausgeben. 

päter erzählte man sich, dass der Mann, der im heißen Sommer 1919 in Cisco, Texas, aus einem Zug stieg, groß war und auf dem hageren Leib einen riesigen Kopf mit abstehenden Ohren trug. Man konnte ihn nicht übersehen und nicht überhören, weil seine Stimme laut und seine wenigen Worte immer entschieden waren. Der Mann wollte Geschäfte machen, mit Geldhandel kannte er sich aus. Er wollte in Cisco eine Bank kaufen. Vielleicht auch noch eine. Und wenn es ein paar Banken werden sollten, dann sah er schon den Firmennamen über dem Portal: Hilton Bank. 

So war das 1919 im Westen der USA. In Texas boomte die Ölindustrie. Wie James Dean im Filmklassiker „Giganten“ kauften sich Nobodys ein kleines Stück Land, bohrten ein Loch hinein, und wenn das schwarze Gold herausschoss, waren sie Millionäre. Und sie blieben Neureiche; ihr Geld hatte keine Geschichte, keine Kultur und war, wenn man so will, schlecht angezogen. Das gefiel dem Newcomer in Cisco. Hier fühlte er sich unter seinesgleichen. Das Lärmen und Dröhnen der neuen Reichen war seine Musik. „Die Männer schützten ihr Leben und ihre Habe noch immer mit dem Revolver in der Hand. Es war eine muntere Gegend ! Großartige Männer, lange, großartige Geschichten, Riesengelächter. Fieberhafte Arbeit. Hitzige Kämpfe. Ich beschloss zu bleiben“, schrieb der Mann, später bekannt als Hotelkönig Conrad Hilton, in seinen Memoiren über die Anfänge in Texas. 

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Das Mobley Hotel war ein schmuckloser zweistöckiger Kasten im Zentrum der Stadt, wo die Farbe abblätterte und die Betten knarrten. In Städten wie Cisco machte sich niemand etwas aus Hotels: Ein Zimmer, eine Strohmatratze, Augen zu und wieder aufwachen. Die meisten, die hier schliefen, waren müde Ölarbeiter. Die Halle war voll, randvoll von Menschen, die sich an dem langen Rezeptionstisch drängelten. Hilton, groß und unübersehbar, schob sich nach vorne. „Nichts mehr“ rief in diesem Moment der Rezeptionist, „alle Zimmer belegt, die nächste Schicht wieder in acht Stunden!“ Hilton staunte und fragte einen vom Hotel: „Sie vermieten in Acht-Stunden-Schichten?“ – „Ja.“ – „Und alle Schichten sind voll?“ – „Übervoll.“ – „Sie machen also gute Geschäfte?“ – „Ach, das Hotel kettet mich wie einen Sträfling, draußen auf den Ölfeldern könnte ich Millionen machen.“ – „Sind Sie der Besitzer?“ – „Ja.“ – „Wollen Sie verkaufen?“ – „Geben Sie mir 50 000 Dollar, und der Kasten gehört Ihnen.“ 

Als Conrad Hilton in diesem Augenblick die Bank vergaß und sein erstes Hotel kaufte, wurde er ein Teil des Quellcodes der amerikanischen Neureichen. Nie wieder kamen alle Bedingungen für schnelles Geld so passgenau zusammen, wie beim Gründerfieber im Westen. Die Konjunktur war naiv und hatte es eilig. Hilton hatte 5000 Dollar im Futter seines Mantels eingenäht, doch er brauchte nur wenige Tage im Telegrafenamt, um die fehlenden 45 000 Dollar von Freunden und Investoren zusammenzubringen. Er dröhnte und lärmte sich das Geld herbei. 

Inmitten der Hektik des Erdöl-Booms musste die Idee, ausgerechnet am Schlafen Geld zu verdienen, ziemlich absurd erscheinen – in einer Zeit, in der immer mehr Menschen jeden Tag mit Kaffee und Drogen versuchten, den Schlaf zu vertreiben. Niemand konnte damals ahnen, dass immer mehr Zugverbindungen, Highways und Flughäfen auch immer mehr Reisende durchs Land bewegen würden. Die aber wollten nachts ruhig schlafen. Und besonders wenn sie viel reisten, legten sie Wert auf die Gewissheit, dass der Lichtschalter, das Bett, das Bad und die Seife immer an derselben Stelle waren. Kurz, die amerikanischen Reisenden wollten von Küste zu Küste immer das gleiche Bett haben. 

Aber das wusste Conrad Hilton, damals 31, noch nicht. Er glaubte an Gott, das Glück und an sich selbst. Sein Blick in das Foyer des Mobley Hotels in Cisco war hemdsärmelig wie er selbst. Er sah Menschen, die schlafen wollten und Räume, die nicht dafür genutzt wurden. „Wieso haben wir einen Speisesaal? Es gibt doch genug Restaurants in Cisco!“ brüllte er am ersten Tag nach dem Kauf durch die Halle. „Und wieso ist der Tresen an der Rezeption so lang?“ Conrad Hilton sah in jedem verschenkten Quadratmeter Platz für ein Bett und ließ umbauen. Speisesaal weg, Wände gezimmert, mehr Zimmer. Tresen weg, noch zwei Zimmer. Er sah aber auch die Gäste. Geschäftsleute wie er, mit Geld und ohne Kultur, aber mit Hunger nach Respekt. Als der Hausbursche auf die Türen der neuen Toiletten „Men“ und „Women“ pinselte, dachte Hilton einen Moment lang nach: Falsch! „Gentlemen“ und „Ladys“ musste es heißen. Sie, die Neureichen waren ja jetzt wer. 

Szenenwechsel, Zeitmaschine: Ein Februarmorgen in München 2006. 87 Jahre nach dem Kauf des Hotels in Cisco sitzt die heute sichtbarste Vertreterin von Conrad Hiltons Progenitur artig beim Interview und soll die Frage beantworten, was sie sich zum 25. Geburtstag wünscht. Paris Hilton überlegt angestrengt – und bringt mit dünnem Stimmchen hervor: „Ähm, einen roten Ferrari... denke ich.“ Nun muss man wissen, dass Miss Hilton schon einen Ferrari besitzt, in Lila, mit diamantverziertem Ferrari-Emblem. Doch jemand muss ihr gesagt haben, dass lilafarbene Ferraris wirklich bäh-bäh sind; daher soll es jetzt einer in klassischem Ferrari-Rot sein. 

Für Paris Hilton – strohblond, mahagoniglatte Haut und die Augenlider immer zu einem Fünftel halb gleichgültig, halb verachtend gesenkt – ist das immerhin ein stilistischer Fortschritt. Wäre es nach ihrem strengen Urgroßvater gegangen, säße sie jetzt nicht hier, und sie wäre nicht rund 30 Millionen Dollar schwer. Stattdessen würde sie, wie ihr Biograf George Mair glaubt, hinter einem Fastfood-Tresen stehen und Hamburger servieren. Denn der selige Conrad Hilton wollte seinen Nachkommen nichts vererben. 

Aus Conrad Hilton war im Laufe seiner Karriere ein knochiger ewiger Neureicher geworden – und ein Finanzjongleur erster Güte, der keines seiner später knapp 100 Hilton-Hotels weltweit jemals mit mehr als zehn Prozent Eigenkapital erwarb. Manchmal ging es bei den Finanzierungen turbulent zu. Schon 1922 wurde einer seiner frühen Geldgeber im Streit in der Halle des Hilton Hotels in Dallas erschossen. Hilton überstand die Weltwirtschaftskrise... mit millionenhohen Schulden. Schließlich krönte er sein Hotelreich mit dem Erwerb des noblen Waldorf-Astoria in New York. Das Establishment war schockiert. Welch ein Affront! Die Schlüssel zu dem feinen Haus in Händen eines lärmenden Neureichen! 

Sein Glück und sein geschäftliches Geschick führte der Sohn eines Norwegers und einer streng katholischen Deutschen nicht auf die Macht des Geldes, sondern einzig auf den lieben Gott zurück. So rational dollarstampfend Conrad Hilton sich die großen Hotels in Chicago und New York an die Kette knüpfte, so emotional und unbedingt lebte er auch seinen Glauben. Er sündigte, beichtete und sündigte wieder. Vor allem verzehrte sich der polternde Lebemann zeitlebens im Ehrgeiz, von Amerikas Highsociety akzeptiert zu werden. 

In zweiter Ehe heiratete er die ungarische Schauspielerin Zsa Zsa Gabor und kaufte sich so in die Kreise des neuen Establishments ein. Durch und durch Geschäftsmann, sah Hilton auch die Liebe als Transaktion: Schon beim ersten Treffen bot Conrad der ungarischen Diva 20 000 Dollar, wenn sie mit ihm über ein Wochenende nach Miami Beach fahren würde. Offenkundig beeindruckt schilderte Hilton später, wie er der Diva einen Tag lang beim Nichtstun beiwohnte: „Sie schminkte sich eine Stunde fürs Frühstück, danach schminkte sie sich eine Stunde lang zum Lunch, und nachmittags schminkte sie sich eine Stunde lang fürs Dinner.“ 

Zsa Zsa Gabor notierte ihrerseits später, Conrad sei „ein großartiger Liebhaber, viril und gut ausgestattet“ gewesen. Damit die Nachwelt nicht alles aus den Sündenschluchten seines Lebens erfahren sollte, schrieb der gottesfürchtige Hilton 1957 seine beschönigende Autobiografie „Die Welt bei mir zu Gast“. Leicht amüsiert schildert der Tycoon darin auch das neureiche Gehabe seiner Söhne Nicky und Barron. Nicky Hilton, der als erster Mann der damals 18-jährigen Liz Taylor prominent wurde, aber wegen häuslicher Prügeleien nach 18 Monaten von ihr verstoßen ward, trug einmal astronomisch teure Krokodillederschuhe. „Als ich so alt war wie du, konnte ich mir so etwas nicht leisten“, knurrte der Vater. Doch der verwöhnte Sprössling habe lächelnd entgegnet: „Du hattest halt das Pech, nicht so einen reichen Vater wie ich zu haben.“ 

um dramatischen Familien-Finale kam es 1979 am Sterbebett von Conrad Hilton. Der alte Mann wollte sein gesamtes Imperium, über 100 Hotels, die erste landesweite Hotelkette der USA, aber auch Hilton-Häuser in Paris, London, Berlin („300 Meter neben dem kommunistischen Regime“, so Conrad), der Kirche und diversen Wohltätigkeitsorganisationen vermachen. Die Kinder und der Rest der Familie sollten mit jeweils 250 000 Dollar relativ mager ausgehen. Nun gut, arm waren sie nicht, Nicky und Barron hatten ihre eigenen Anteile am Hilton-Reich. 

Sein eigenes Vermögen wollte der fromme Mann partout demjenigen zurückgeben, dem er es nach eigenem Bekenntnis zu zu verdanken hatte – dem lieben Gott. „Das Gebet ist die Nabe, die das Rad zusammenhält“, pflegte er zu sagen. Und: „Ohne Gott sind wir nichts, mit ihm sind wir alles.“ Mit der sehr diesseitigen Ermahnung „und sorgt mir ja dafür, dass in den Badezimmern die Duschvorhänge immer auf der Innenseite der Wanne hängen“ verabschiedete sich der Hotel-Magnat schließlich ins Jenseits. 

Er hinterließ einen Clan, dessen Intrigen und Dramen durchaus Stoff für eine vielteilige Soap Opera böten: Drei Ehefrauen, drei Söhne und eine Tochter, zehn Enkelkinder, darunter Rick Hilton, Vater der Töchter Paris und Nicky Hilton – eine schillernde Truppe also, in der sich einzig der Gründersohn Barron Hilton ernsthaft um die Geschäfte kümmerte. Die anderen harrten vergnügt der Millionenerbschaft. 

Es folgten jahrelange Prozesse, bei denen Scharen von Anwälten steinreich wurden. Erst 1988 erreichte Barron Hilton vor Gericht die endgültige Annullierung des väterlichen Testaments – mit dem Argument, als langjähriger Manager der Hilton-Kette habe er das Vermögen mitgeschaffen. Folglich dürfe ihm die Frucht seiner Arbeit auch nicht vorenthalten werden. Die ebenfalls prozessierende Halbschwester Constance Francesca aus Conrads Ehe mit Zsa Zsa Gabor ging allerdings leer aus – sie hatte wohl die schlechteren Anwälte. Die Gesamterbschaft wurde Barron zugesprochen. 

Vor allem in einem Punkt war Barrons Anspruch gerechtfertigt: Er hatte, noch zu Lebzeiten des alten Conrad, für die Hiltons in Las Vegas entscheidende Casinorechte gekauft. Auch heute sprudelt ein Großteil der Millionen aus dem Hilton-Unternehmen Park Place Entertainment Corporation. Paris Hilton, die ihre Geburtstage meist über drei Tage in Los Angeles, New York und Las Vegas feiert, raunzte im Casinorestaurant einmal einen Kellner an: „Wissen Sie, wer ich bin? Und wissen Sie, dass Sie nur Arbeit haben, weil mein Uropa das hier alles begründet hat?“ Der Mann wusste es, aber – Undank ist der Welt Lohn! – es interessierte ihn kein bisschen. 

Die polternde Urgewalt des alten Conrad hatte sich mit jeder Generation mehr verflüchtigt. Hatte der Alte sein Leben noch damit verbracht, den Reichtum zu schaffen, so waren die meisten Nachkommen damit beschäftigt, ihn so schnell wie möglich wieder auszugeben. 1967 flammte der alte Gründergeist noch einmal kurz auf, als Barron in einem Vortrag bei der Raumfahrtbehörde Nasa die Vision von Weltraum-Hotels einer „Space Hilton“-Kette heraufbeschwor. Doch seit 1919 hatte sich der Kapitalismus radikal verändert. Nun brauchte es eine andere Sorte unternehmerischer Pioniere. Hotels konnten nicht neu erfunden werden. Erfolgreiche Hotelketten wie Four Seasons oder Ritz-Carlton machten den Hiltons harte Konkurrenz. Auch wurde die Familie den Hautgout des texanischen Neureichentums nie ganz los. So heiratete Barrons Sohn Rick Hilton 1978 die TV-Darstellerin Kathy Richards. Die beiden reisten um die Welt und erzählten jedem, der es hören wollte, dass sie im Paris Hilton eine Tochter gleichen Namens gezeugt hätten. 

In ihren über 147 000 Betten in rund 2500 Hotels auf der ganzen Welt könnten die Hiltons heute eine Kleinstadt beherbergen. Anfang des Jahres übernahm die amerikanische Stammfirma den – jahrzehntelang getrennten – Zweig der britischen Hilton-Hotel-Gruppe. Und doch: Mit dem Namen Hilton assoziiert die Welt heute vor allem zwei verwöhnte, blonde junge Damen, die als Erbinnen um die Welt touren und es sage und schreibe schaffen, sogar in der Mongolei die Klatschmeldungen füllen. Vor allem die Tingelnächte, TV-Showausflüge, verschwenderischen Eskapaden und unfreiwilligen Pornoabenteuer von Paris zehren am Ruf der Hiltons. 

Zwar lobt Vater Rick Hilton, dass seine Tochter eigenes Geld in Millionenhöhe verdiene, dass sie eigene Parfums lanciere und in Deutschland sogar für eine Internetauskunft werbe. Doch Amerikas Altreichen entfährt nur ein entsetztes „Iiieeehhh“, wenn ihnen zugetragen wird, dass Paris 15 000 Dollar Honorar nimmt, um durch ihre Anwesenheit die Partys von Autohausbesitzern oder reich gewordenen Waschsalonbesitzern aufzuwerten. Spottet der amerikanische Klatsch-Kolumnist Anthony Mora über die schrille Erbin: „Es ist schon ein mühsames Geschäft, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen, ohne je etwas dafür getan zu haben.“ Und Paris-Biograf George Mair stellt resigniert fest: „Die Hiltons schaffen es wirklich, sehr viel Geld sehr billig aussehen zu lassen.“ 

Conrad selig wird schon gewusst haben, warum er seine Millionen lieber dem lieben Gott überlassen wollte. Es entsprach einer höheren Gerechtigkeit. Denn wer hat jemals schon so viel Geld am Schlaf des Gerechten verdient? 

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