Mir nichts, dir nichts

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Stefan Baron über den Fall Siemens/BenQ 

Das Echo war verheerend. Wie Politiker, Gewerkschafter, Unternehmensführer und ein Teil der Medien auf die Pleite der hiesigen Tochter des taiwanischen Unternehmens BenQ reagierten, wird uns teuer zu stehen kommen. Viel teurer als die 3000 Arbeitsplätze, die dort akut bedroht sind. 

Da nahm sich die Bundeskanzlerin, auf einem Tiefstand ihrer Popularität, „pars pro toto“ das „deutsche Traditionsunternehmen Siemens“ vor, das den Chinesen vor einem Jahr seine Handyproduktion verkauft hatte, und erinnerte an die „besondere Verantwortung für seine früheren Mitarbeiter“. 

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Wie hat man sich das vorzustellen? Sind Unternehmen in Deutschland ab sofort auch für ihre früheren Mitarbeiter verantwortlich? Gilt diese Verantwortung vom ersten Mitarbeiter an, erst bei 10, 100 oder 1000? Und für wie lange? Für ein Jahr, für zwei, für 20 Jahre? Verpflichtet die Tradition überall auf der Welt oder nur hierzulande? Gilt sie nur für deutsche Unternehmen oder auch für ausländische? 

Wenn Unternehmen wie BenQ „so mir nichts, dir nichts“ Mitarbeiter „auf die Straße setzen“, klagte Angela Merkel so mir nichts, dir nichts weiter, weil es gerade so schön populär ist, leide das „Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft“. 

Wie bitte, werden sich Investoren fragen. Wie viel Verlust darf es sein, bis „mir nichts, dir nichts“ nicht mehr gilt? 840 Millionen Euro, die BenQ in einem einzigen Jahr verloren hat, sind offenbar nicht genug. Ist es eine Milliarde, sind es zwei oder vielleicht erst zehn? 

Auch der Ministerpräsident und Einserjurist Edmund Stoiber warf allerhand irritierende Fragen auf: Weil’s gerade so schön populär ist und er selbst so unpopulär, forderte der bayrische Löwe Siemens mir nichts, dir nichts auf, noch anstehende Zahlungen in dreistelliger Millionenhöhe an BenQ einzustellen und „den Mitarbeitern in Deutschland zugutekommen“ zu lassen, „statt weiter Geld in den Tiger in Taiwan zu stecken“. Ja, ja, mir san mir, Herr Stoiber! 

Und schließlich plusterte sich der große Herr Kleinfeld, um das verunglückte Timing seiner 30-prozentigen Gehaltserhöhung vergessen zu machen. Er sei „erschüttert“ darüber, so der Siemens-Chef, was die Chinesen da machen. Sie hätten ihm „glaubwürdig versichert“, die Arbeitsplätze in Deutschland erhalten zu wollen. „Wenn BenQ die Mitarbeiter jetzt im Regen stehen lässt“, werde sein Unternehmen „tatkräftig helfen“. Und als wäre das nicht schon peinlich genug, setzte Kleinfeld noch eins drauf: Der seinerzeitige Verkauf der Handysparte habe Siemens mehr gekostet als eine Schließung. 

Das nennt man Verantwortung! Da wagt es der tatkräftige Herr nicht, das Beste für sein Unternehmen zu tun und die offenbar nicht sanierungsfähige Handysparte zu schließen, vernichtet Kapital der Eigentümer und reicht die Sparte weiter – um jetzt „Haltet den Dieb!“ zu rufen und, wieder mit dem Geld seiner Aktionäre, einen 35-Millionen-Euro-Hilfsfonds für die armen BenQ-Mitarbeiter aufzulegen. Wenn das nicht das Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft stärkt! 

„Eine Riesensauerei“ sei das, was da passiere, schimpfte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Ja, das ist es. Aber anders als Rüttgers es meint. Die Sauerei besteht nicht darin, dass BenQ-Deutschland Pleite anmeldet, obwohl das schlimm genug ist. Schlimmer ist, dassdiejenigen, die sich jetzt so mir nichts, dir nichts zu Wort melden, ihrer eigenen Verantwortung nicht gerecht wurden und deshalb die Betroffenen kaum Aussicht auf neue Jobs haben. Und dieselben Leute sorgen mit ihrem populistischen Geplustere jetzt auch noch dafür, dass viele Unternehmer hier und rund um die Welt es sich künftig noch mehr überlegen werden, ob sie in Deutschland investieren sollen. Allen voran wohl der großartige Herr Kleinfeld. 

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