Archiv: Mit harten Bandagen

Eginhard Vietz » Auf der Deutsch-Chinesischen Jahrestagung der WirtschaftsWoche vergangene Woche in Berlin konnten die rund 200 Teilnehmer besonders viel von den schlechten Erfahrungen des Mittelständlers aus Hannover lernen. 

Der Bohringenieur und Unternehmer Eginhard Vietz aus Hannover musste nicht lange überlegen, ob China „Partner oder Gegenspieler“ ist, wie das Thema der diesjährigen deutsch-chinesischen Jahrestagung der WirtschaftsWoche lautete. Mitten in der dreitägigen Veranstaltung, zu der vergangene Woche rund 200 Unternehmer, Topmanager und Politiker aus China und Deutschland ins Berliner Hotel Ritz-Carlton kamen, erhielt Vietz einen alarmierenden Anruf. Ein Mitarbeiter berichtete, dass einige der Perkins-Motoren, die Vietz in seine Schweißroboter in China eingebaut hatte, Fälschungen waren. Der Schwindel flog auf, als die Vietz-Manager versuchten, Ersatz für ein defektes Teil zu bestellen. „Die Motorennummer kennen wir nicht“, kabelte der Perkins-Sachbearbeiter zurück. „Offensichtlich stellt der chinesische Jointventure-Partner eigene Kopien her,“ erzürnte sich Vietz. Der Mittelständler hat eine lange Leidensgeschichte im chinesischen Markt hinter sich. Er musste nicht nur mit ansehen, wie seine Produkte eins zu eins kopiert wurden, sondern wurde von mehreren Mitarbeitern systematisch betrogen. „Das muss von oben so beschlossen sein worden“, vermutet Vietz. 

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Auf jeden Fall wurde der Betrug von oben beendet: Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao persönlich setzte dem Treiben ein Ende, nachdem er im vergangenen Jahr von Bundeskanzler Gerhard Schröder aufmerksam gemacht worden war. Doch Vietz traut dem Frieden nicht: „Wir werden die nächste Generation unserer Technologie nicht mehr in China herstellen, und sie auch nicht mehr nach China liefern,“ kündigte er an. 

Für den sauerländischen Mittelständler Walter Mennekes, der ein Gemeinschaftsunternehmen für Stecker mit 120 Mitarbeitern in Nanjing betreibt, ist das keine Lösung: „Wir werden auch kopiert“, sagt Mennekes, „aber wir legen die Schwächen unserer Kopierer gnadenlos offen, und dann merkt der Kunde schon, dass er bei Mennekes besser fährt.“ 

Die meisten Tagungsteilnehmer wollen sich eher an diese Methode halten und orientieren sich an Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich v. Pierer: Es sei „auf jeden Fall riskanter, nicht in den chinesischen Markt zu gehen, als dort engagiert zu sein.“ Allerdings, so DaimlerChrysler-Vorstandsmitglied Rüdiger Grube: „Man muss es sich dreimal überlegen, wenn man heute nach China geht.“ Audi-Vorstandsmitglied Erich Schmitt ergänzte: „Die Chinesen spielen definitiv mit harten Bandagen.“ Und Deutsche-Post-Vorstandsmitglied Peter Kruse, dessen Unternehmen unter anderem mit DHL in China ist, fügt hinzu: „Nicht immer sind die Spielregeln bekannt. Manchmal ändern sie sich auch während des Spiels.“ Grube fügte hinzu: „Man muss klare Grenzen ziehen und auch mal aufstehen und gehen.“ Heinrich Weiss, Chef und Miteigentümer des Anlagenbauers SMS, hält langfristiges Vertrauen für die beste Methode, um in China Erfolg zu haben. „Je näher man sich kennt, desto schwerer fällt es dem Geschäftspartner, einen über den Tisch zu ziehen.“ 

Der Freiburger Jurist, Bestsellerautor und Strategieforscher Harro von Senger riet, die Chinesen mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen: „Im Chinesischen hat das Wort 'List' viel mehr mit Klugheit als mit Täuschung zu tun.“ Damit prägte er das heimliche Motto der Veranstaltung: „Für jede List gibt es eine Gegenlist.“ 

frank.sieren@wiwo.de 

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