Archiv: Mode & Macht

Kleider machen nicht nur Leute; sie dokumentieren auch Macht. Die Potentaten hielten sich immer schon daran. 

Die echten Dramen und die bösesten Verrisse finden bei den Bayreuther Festspielen gelegentlich nicht auf der Bühne, sondern vor dem Festspielhaus statt: Mal kam Kanzlerin Angela Merkel als Aprikose, mal als Lachs gekleidet, einmal auch in einer Kimono-Bluse, was Kritiker höhnen ließ, die CDU-Vorsitzende habe „apart eine bunte Tischdecke als Überwurf“ zweckentfremdet. Und das war damals, da wirkte sie noch in der Opposition, durchaus taktvoll formuliert. 

Heute meidet sie Kirmes-Kimonos, Karottenhosen und Birnensakkos. Sie trägt schwarze Hosenanzüge und elegante Schuhe, Blazer und Frisuren, die nicht mehr mit gestauchter Gewalt daherkommen. Sie wirkt größer, schlanker, entspannter, nimmt hin und wieder den Rat zweier Modedesignerinnen und eines so genannten Star-Coiffeurs in Anspruch – und Kanzlerin ist sie ja nun auch. 

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Kleider, man weiß es, machen Leute. Kleider können zeigen, zu welcher Nation man gehört, wie viel Geld man verdient, sie geben Auskunft über die politische Gesinnung – und über die Macht, die man besitzt. „Eitle Nebensächlichkeiten, die sie zu sein scheinen, haben Kleider wichtigere Aufgaben als nur die, uns warm zu halten“, schreibt Virginia Woolf, „sie verändern das Bild der Welt von uns.“ Und der französische Romancier Honoré de Balzac gewann der Mode schon im frühen 19. Jahrhundert eine politische Dimension ab: „Kleider beherrschen die Meinung, sie machen Meinung, sie regieren!“ 

Weil er sich dessen wohl bewusst ist, wechselt zum Beispiel der britische Premier Tony Blair während eines Commonwealth-Treffens in Australien gern auch viermal pro Tag seine Garderobe, ohne jede Not. Und weil er sein revolutionäres Image nicht durch vermeintlich westlich-bourgeoise Gepflogenheiten beschädigt sehen wollte, trug Jassir Arafat, einmal Staatspräsident geworden, zwar weiterhin seine Kampfanzüge – nur ließ er sie fortan bei den Maßschneidern von Brioni fertigen. 

US-Präsident George W. Bush, dem nichts zu peinlich ist, solange es nur Stimmen fängt, landete vor der Küste Kaliforniens auf dem Flugzeugträger „Abraham Lincoln“ und hielt im kompletten Fliegerdress – samt imposant gestalteter Schamkapsel über dem Gemächt – eine populäre wie voreilige Irak-Siegesrede als „Top Gun George“. In Texas schritt er in Jeans und Wild-West-Stiefeln durch den Wahlkampf und schwenkte seinen Resistol-Hut wie ein Musical-Cowboy durch die Luft – mit Erfolg. 

Wer weiß, ob es Jörg Haider, in Österreich gern als „Feschist“ verspottet, ohne seine italienischen Anzüge je zum Kärntner Landeshauptmann gebracht hätte? Und wer kann sagen, ob der afghanische Präsident Hamid Karsai, „der schickste Mann auf dem Planeten“ (Designer Tom Ford), auch ohne seine dekorativen Mützen und Umhänge so viel Vertrauen im Westen gewonnen hätte? In einer Region, in der das reine Chaos herrscht, weckt ein Paschtune mit ausgeprägtem Stilbewusstsein automatisch Vertrauen. 

Wer ein legeres, hemdsärmeliges Outfit einsetzt, um tatkräftig zu wirken, sollte Zeit und Ort mit Sorgfalt erwägen: Russlands Präsident Wladimir Putin etwa beging einen schweren taktischen Fehler, als er den tragischen Untergang des U-Boots „Kursk“ im hellen Polohemd kommentierte. Als Saddam Hussein im Unterhemd aus einem Erdloch gezogen wurde, war sein Ruf als gefürchteter Diktator endgültig ruiniert – da kann er heute in noch so seriösen Maßanzügen vor das Gericht in Bagdad treten. 

Dass die Mode so selbstverständlich zu den Insignien der Macht gehört wie die Architektur, demonstrierte niemand überzeugender als Ludwig XIV. Die textile Pracht, mit der der Sonnenkönig sich selbst und seinen Hof ausstattete, strahlte weit über Paris und die französischen Grenzen hinaus. Der Sonnenkönig war mithin nicht nur Souverän des Staates, sondern auch der Mode. Indem er den Ton bei der Bekleidung angab und Moden lancierte, band der König seine Gefolgsleute nicht nur durch die Gehorsamspflicht, sondern auch in Geschmacksdingen an seine Person. 

Das Repräsentationsbedürfnis preußischer Herrscher richtete sich weniger auf Seidenroben und Hermelinmäntel, sondern eher auf Uniformen. Kaiser Wilhelm II. etwa entwarf und änderte Uniformen so häufig, dass er seine Offiziere zur Verzweiflung und in Geldnöte trieb; er selbst brachte es fertig, bis zu achtmal am Tag das Outfit zu wechseln, am Vormittag als britischer Großadmiral und nachmittags als russischer Husar aufzutreten. Nebenbei entwarf das erlauchte Multitalent noch Kleider für seine Frau. 

Auch Zar Nikolaus II. von Russland huldigte dem Uniformkult: Er trug sie beim Zeitunglesen, beim Tennisspiel, beim Rudern und beim Picknick. Nach den revolutionären Erhebungen von 1848 trugen übrigens nahezu alle europäischen Monarchen und Prinzen bei öffentlichen Auftritten Uniform – sie sollte offenbar ihre Rolle im öffentlichen Leben legitimieren, schwindende Autorität maskieren und militärische Macht demonstrieren. 

In Deutschland ist die Kleidung als Mittel der Machtgewinnung lange vernachlässigt worden. Die Letzten, die mit Kleidern im großen Stil Politik betrieben, waren die Nationalsozialisten – allen voran Hitlers Stellvertreter Hermann Göring, der das Outfit bis zu sechsmal am Tag wechselte und sich mal in der weißen Uniform als Reichsmarschall, dann wieder im Cut als Reichstagspräsident, im Braunhemd als Parteigenosse oder im Weidmannsgrün als Reichsjägermeister herausputzte. Die damaligen Machthaber nutzten vor allem den Umstand, dass Uniformen und steife Braunhemden bei ihrer Klientel mehr hermachten als die bescheidenere Garderobe der Demokraten. 

Die bundesdeutschen Politiker legten fortan keinen Wert mehr auf den imposanten Auftritt und setzten allenfalls auf die Symbolkraft einzelner Kleidungsstücke. Der Rheinländer Konrad Adenauer grüßte gerne mit seinem volksnahen Pepitahut. Helmut Kohl trug seine Bodenständigkeit in Form von Bauch, Strickjacke und braunen, korkbesohlten Sandalen mit sich herum. Helmut Schmidts Prinz-Heinrich-Käppi und Trenchcoat, Herbert Wehners Ballonmütze, die roten Schals von Walter Momper und Franz Müntefering – lauter kleine Accessoires, die Großes mitteilten. Erst als die Grünen 1980 erstmals in den baden-württembergischen Landtag in Schlabberhosen, Hängepullis und Turnschuhen einzogen, machten sie ihr ganzes Outfit zur ideologischen Kampftracht. 

Von Stil und Eleganz war da schon lange keine Spur mehr, Politik war zur „Sache fetter Männer mit Zigarren“ (Rudolf Nurejew) geworden. „Der letzte gut angezogene Politiker in Deutschland war Walther Rathenau“, schimpfte Karl Lagerfeld, „vielleicht sind Minister deshalb so horribel gekleidet, weil die Wahlbürger selber ein Schreck sind.“ 

Die Wiederkehr des Ansehnlichen in die deutsche Machtelite kam mit einem grün-roten Politikerduo. Der T-Shirt-Liebhaber Joschka Fischer legte sich rechtzeitig zur Ernennung zum Außenminister und zu den Antrittsbesuchen in Paris und London einen Anzug von Cerruti zu. Der bella figura an seiner Seite wollte Kanzler Gerhard Schröder nicht nachstehen. Er ließ sich für eine Illustriertenreportage in einem Mantel des italienischen Edelschneiders Brioni ablichten, was PDS-Abgeordnete auf die Idee brachte, ein „Notopfer Gerhard Schröder“ zu initiieren. Gut möglich, dass die Sozialdemokratie durch die Extravaganzen des ehemaligen Juso-Chefs Schaden nahm, doch das puritanisch-protestantische Vorurteil, ein fähiger Politiker könne nicht gut aussehen, ist seither am Bröckeln. 

Sehr entspannt gingen dagegen von jeher die Diktatoren aller Couleur mit textilen Luxusgütern um. Legendär ist der Splendor, den der selbst ernannte zentralafrikanische Kaiser Bokassa I. und Zaires Präsident Sese Seko Mobutu Kraft ihrer Kostüme verbreiteten. Viel Aufsehen erregten auch jene 4000 Paar Schuhe, die Imelda Marcos als philippinische Präsidentengattin im Malacañang-Palast in Manila gehortet hatte. 

„King George hat für seine Garderobe viel Geld zur Verfügung“, spottete der englische Dandy George Bryan Brummell (1778 – 1840) über die Präsentierlust seines Herrschers, „ich dagegen habe Geschmack.“ Tatsächlich gehen Geschmack und Macht nicht allzu oft Hand in Hand. Es ist lange her, dass ein westlicher Politiker von sich behaupten durfte, die modische Entwicklung beeinflusst zu haben. Der letzte war wohl John F. Kennedy, und das auch nur, weil er keine Kopfbedeckungen trug und der amerikanischen Hutindustrie so den Todesstoß versetzte. 

Doch wer weiß? Neuerdings setzen sogar Berliner Politiker modische Akzente. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit tritt kompromisslos in feinstem Tuch auf. Die steigende Anzahl sorgfältig gesetzter Bügelfalten, dezenter Krawatten und schnieker Boss-Anzüge im Parlament ist auffällig. 

„Mode ist nicht mein Ding“, hatte Angela Merkel jahrelang mit Trotz und in schlimmen Kleidern verkündet. Doch heute wandelt sie mit beinah mannequinhaftem Schick durch die Abgeordnetenreihen. Nun wurde sie auch noch zur Muse erwählt. Kein Geringerer als Wolfgang Joop hat der Kanzlerin, ganz ohne Hintersinn, seine neueste „Wunderkind“-Kollektion gewidmet. 

Dirk van Versendaal 

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