Archiv: Monsieur Madame

Ein gewollt antikonformis-tischer Kreativer reformiert das Uhrendesign der Traditionsmarke Baume & Mercier. 

Der Schrecken und der Liebling der Geschäftsführung von Baume & Mercier (B & M) in Genf – Designer Alexandre Peraldi ist beides in einer Person. Das ist möglich, weil es hier nicht um Logik geht, sondern um Design, oder – wie Peraldi lieber formuliert – um Ästhetik. Der 39-jährige Kreative ist seit fünf Jahren dabei, das Uhren-Design der Genfer Traditionsmarke Baume & Mercier umzukrempeln – und zwar so behutsam, in einer Vielzahl von kleinen Schritten, dass selbst die langjährigen Getreuen der Marke es auf den ersten Blick nicht merken. 

Gleichzeitig zieht der Designer damit neue Liebhaber in Scharen an: In den USA, dem wichtigsten Uhrenmarkt, schaffte Baume & Mercier im vergangenen Jahr 15 Prozent Wachstum – doppelt so viel wie der Branchenschnitt. Dafür ist Peraldi, wen wundert’s, beim Board des traditionsreichen schweizerischen Uhrenherstellers rund um den CEO Michel Nieto hoch angesehen. 

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Der Designer hat die wichtigsten Linien der Genfer Traditionsmarke mit einer Fülle von neuen Modellen aufgewertet: Hampton, Riviera, Classima Executives. Ganz neu kam 2005 das Modell „Diamant“ heraus, von dem Firmenchef Nieto behauptet, es sei „die am leichtesten zu kaufende Luxusuhr“. Pünktlich zum Frühlingsbeginn hat Peraldi neue, federleicht wirkende Varianten für dieses Modell entworfen – mit Perlmuttzifferblatt und orangefarbenem Floraldekor. 

Bei aller verdienten Anerkennung aber empfindet Nietos Management-Team den Designer immer noch als ein klein wenig sonderbar, auch wenn sich das anfängliche Befremden mittlerweile gelegt hat. Das war damals wohl unvermeidlich, denn Peraldi war in der Geschäftsetage vom ersten Tag an nur der „Mann mit dem Rock“. Mehr noch: Als der Kreative das erste Mal – im Rock – zum Dienst erschien, schlug er dem CEO vor, alle Direktoren des altehrwürdigen Uhrenhauses sollten doch in Zukunft Röcke tragen: es sei einfach schrecklich bequem. 

Firmenchef Nieto wies das Ansinnen zwar weit von sich. Doch allmählich gewöhnte er sich ans Outfit seines Kreativen. Geholfen hat dabei gewiss der Umstand, dass der Rockträger Peraldi, den er mit einer eigentümlichen Mischung aus Amüsement und Respekt „Monsieur Madame“ nennt, in Designfragen alles andere als ein bunter Hund ist. 

Genau deshalb, sagt der Designer, habe er sich ja die Sache mit den Röcken einfallen lassen: „Mir geht es nicht um ein Statement, sondern um meinen eigenen Stil.“ Um sich vom Massengeschmack abzuheben, kam dem Kreativen Kendo in den Sinn, die japanische Kampfsportart. Peraldi, der seit seinem Start 1988 bei Cartier eine lupenreine Karriere im heutigen Richemont-Konzern hingelegt hat, war oft in Japan und bewundert die minimalistische japanische Ästhetik. Beim Kendo bewegen sich die Kämpfer auf abgezirkelten Bahnen, und sie tragen dabei einen Rock, Hakama genannt. Der Hakama ist schwarz. Ideal, denn Schwarz ist unter Kreativen noch immer die bevorzugte (Nicht-)Farbe. 

Einfach war die Sache mit dem Rock nicht. Erinnert sich Peraldi: „Zu Anfang wurde ich immer für homosexuell gehalten. Aber das hat sich gegeben.“ Auch die nüchternen Kaufleute bei Baume & Mercier akzeptieren Peraldi mittlerweile ohne Wenn und Aber. Sagt CEO Nieto: „Alexandre versteht es in perfekter Weise, seine überbordende Kreativität voll in den Dienst der Marke und des Marketings zu stellen.“ 

Eine schier unerfüllbare Vorgabe setzte Nieto seinem Chef-Designer. Er soll einerseits an die große Tradition der Genfer Marke anknüpfen, andererseits aber soll er sie von Grund auf modernisieren. „Das ist kein Widerspruch in sich“, versichern CEO und Designer unisono. Design und Logik haben eben nicht notwendig miteinander zu tun. 

„Ich bin kein zerebraler Typ“, sagt Peraldi lächelnd. Damit will er sagen: Er ist nicht ausschließlich rational gesteuert, sondern gewissermaßen das Medium seiner eigenen Ideen. Die aber fließen wie und wann sie wollen, sie richten sich nach keinem Businessplan. Und weil sie so flüchtig sind, muss er sie festhalten, wo immer er gerade ist. Deshalb sieht man den Mann im Rock fast nie ohne einen großen Skizzenblock. Mitten im Gespräch kann es vorkommen – während der Meetings bei B & M passiert es regelmäßig –, dass er sich geistig verabschiedet und anfängt, auf seinem Block zu skribbeln. Es könnte ja sein, dass eine Idee verloren geht. 

Ist sie wertvoll, taugt sie etwas? „Falsche Frage“, sagt er, „wer kann das auf Anhieb wissen?“ Von 100 Ideen sei vielleicht eine gut, aber um sie zu haben, müsse er allen 100 nachgehen. Und vielleicht komme es in einigen Jahren ja auf einen Geistesblitz an, den jetzt niemand beachtet: „Deshalb bewahre ich alles auf.“ 

Damit die Ideenproduktion nicht im Chaos versandet, hilft Peraldi ihr auf die Sprünge. Mit seinen Co-Designerinnen Sarah und Sabine stellt er große Posterwände aus Zeichnungen, Fotos und Ausrissen zusammen. Als etwa die Aufgabenstellung lautete, einige Uhren maskuliner zu gestalten, stellten die Designer solche „Picture-Boards“ zu den Themen Autos und Yachten zusammen. 

Sie dienen der zunächst freien Assoziation, die aber unvermittelt anwendungsbezogen werden kann. Etliche Details der B & M-Uhren verdanken sich zum Beispiel solcher Versenkung in die Ästhetik von Leichtmetallfelgen. Auch die wunderschönen Decks aus stabförmig verlegtem Teak, gesehen bei großen Segelyachten und den berühmten alten Riva-Motorbooten inspirierten Peraldi zu einer Gravur für die „moderne“ Linie des Uhrenmodells Classima Executives. Dort erscheint sie als Guilloché auf dem Zifferblatt und auf dem Bodendeckel. 

Für die Retro-Designs wälzte das Kreativteam alte Mode- und Interior-Design-Zeitschriften und stellte Boards zusammen, die typisch für die Zwanziger-, Dreißiger- und Vierzigerjahre waren. Das führte sehr schnell zu guten Resultaten. An ihnen ist Baume & Mercier als Produzent von Luxusuhren, der gleichzeitig große Stückzahlen von mehreren hunderttausend pro Jahr verkauft, vorrangig interessiert. 

Gleichwohl warnt der Designer seine Kollegen vom Marketing immer wieder: „Man kann nicht damit rechnen, solche Anwendungen sofort zu finden.“ Manchmal dauert es Wochen und Monate. Dann stehen die Picture-Boards an der Wand und finden scheinbar wenig Beachtung. In Wahrheit, sagt Peraldi, „atmen wir sie ein“ – so lange, bis keiner mehr weiß, von wem eine Idee ursprünglich stammte. Diese Frage sei im Team ohnehin „völlig uninteressant“. Ein Zen-Meister habe ihm gesagt: „Wenn du einen Bambus zeichnen willst, schaue ihn an, male ihn, ertaste ihn und vergiss ihn; eines Tages kommt die richtige Form zu Dir.“ 

In Erwartung der endgültigen Form machen die Designer aus den gereiften Ideen zunächst zwei präzise Zeichnungen. Eine per Hand. Schön, fließend in den Linien – doch völlig unbrauchbar für die Marketingabteilung, die sich darunter noch nichts vorstellen kann. Deshalb wird gleichzeitig eine pass- und farbgenaue CAD-Version des Entwurfs erstellt. Mit ihr holt sich Peraldi das „Okay“ für eine Designidee. Er ist stolz darauf, dass in den vergangenen vier Jahren alle Projekte, die er ernsthaft verfolgte, kommerziell realisiert wurden. 

Dennoch wartet er auf die Zustimmung, bevor er mithilfe des Computer-Zeichenprogramms und einer mit dem Computer vernetzten 3-D-Fräsmaschine ein Wachsmodell einer neuen Uhr fertigen lässt. Das braucht er, um den Umriss, die Dicke, die Toleranzen – und letztlich die gesamte Anmutung eines Gehäuses, einer Schließe, eines Zifferblatts oder einer Krone präzise zu erfühlen. Das klingt paradox. Noch einmal: Hier regiert nicht Logik, sondern Ästhetik. 

Und mit der Ästhetik wird einer wie Alexandre Peraldi nie fertig. Er glaubt an den ständigen inkrementalen Wechsel bei den Details. Nur so, sagt er, bleiben die Modelle auf dem Laufenden. Jeder Einzelschritt mag dabei so diskret sein, dass er kaum sichtbar ist. Und doch führt die Politik der kleinen Design-Schritte dazu, dass ein ganzes Uhrenmodell nach ein paar Jahren völlig erneuert ist. 

Die Alternative dazu, sagt Peraldi, sei wenig verlockend: „Macht man es nicht, ist nach fünf bis acht Jahren auch eine so genannte klassische Uhr erledigt.“ Spricht's und fängt er schon wieder an, auf seinem großen Block zu skribbeln. 

MICHAEL FREITAG 

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