Moralfrei,ironisch und bittersüß

Archiv: Moralfrei,ironisch und bittersüß

China ist sexy geworden. Mode, Design und Ästhetik des Landes inspirieren immer stärker die westliche Welt – und sorgen für eine zweite Kulturrevolution. 

Oft sind es nicht die fetten Headlines, die uns sagen, dass ein Land im Kommen ist, sondern feine Verschiebungen unterhalb der Bewusstseinsebene. Anderthalb Jahrhunderte lang fristete China trotz seiner immensen Größe und seines Bevölkerungsreichtums international nur eine armselige Existenz, genoss höchstens folkloristisches Interesse. Erst seit einigen Jahren fallen uns bei chinesischer Kultur nicht mehr automatisch Revolutionschöre ein. Chinesische Filmemacher räumen auf den internationalen Festivals die Preise ab, Ferrari-Teamchef und Generaldirektor Jean Todt will Bond-Girl Michelle Yeoh heiraten. China ist sexy geworden. 

Die mit durchschnittlich über neun Prozent seit nunmehr über zwei Jahrzehnten stürmisch wachsende chinesische Volkswirtschaft verschafft dem Giganten eine Macht, die sich zunehmend nicht nur an Verhandlungstischen, sondern auch in kulturellem Einfluss äußert. Wirtschaftliche Stärke macht begehrenswert, weckt die Neugierde und regt zur Nachahmung an. Das Ergebnis ist eine neue, sinophile Sinnlichkeit, ein Hip-Appeal der Mandarine. 

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Nicht zum ersten Mal taucht China als gelobtes Land am Horizont Europas auf. Vor vielen Jahrhunderten erregte das Reich der Mitte unsere Bewunderung durch seine bahnbrechenden Erfindungen, die neben Schießpulver und Buchdruck auch den Kompass, die Seidenraupenzucht und das Papiergeld umfassen. Absolutistische Fürsten spiegelten sich im fernöstlichen Kaisertum, statteten Gärten mit Pagoden aus, bespannten die Ballsäle mit Seide, auf denen Kraniche, Drachen und Peonien prangten, möblierten ihre Salons im Chinese-Chippendale-Stil und investierten ein Vermögen in das ultimative Statussymbol: hauchzarte, blauweiß gebrannte Porzellangefäße, die von unermüdlichen Händlern, gut verpackt, auf den Handelsrouten herbeigeschafft wurden. 

Auch das frühe 20. Jahrhundert begeisterte sich noch an den Mysterien der unzugänglichen Pekinger Kaiserstadt. Couturiers wie Paul Poiret, Jacques Doucet und Jeanne Lanvin schufen opulente Roben und Mäntel, deren steife Kragen und Mandschu-Stickereien die dekadente Verfeinerung der orientalischen Hochkultur zitierten. In großen Kaufhäusern wie dem Londoner Liberty und Marshall Field’s in Chicago konnte man chinesische Drachengewänder und seidene Morgenmäntel erstehen, während sich Kunst und Design von Intarsienschränken, Lackparavents und kalligrafischen Drucken inspirieren ließen. 

Doch Mao Tse-tungs kunstfeindlicher Arbeiter- und Bauernstaat fegte das Riesenreich für Jahrzehnte von der kulturellen Weltkarte. Für Maos Kulturrevolution und die blaugrauen Mao-Uniformen konnten sich allenfalls die 68er erwärmen. Und doch ist China heute zum globalen Phantasma geworden. 

Sein neuer Kultstatus bahnte sich seit langem an. Die ersten Vorboten waren 1972 Andy Warhols Mao-Porträts, denen 1987 John Adams’ Avantgardeoper „Nixon in China“ folgte: US-Präsident Richard Nixon und Henry Kissinger begegnen im ersten Akt dem Staatschef Mao, der die Gäste mit politischen Scherzen verblüfft. Die Riesennation am anderen Ende der Welt war für das westliche Publikum zum Schreien komisch: Die greisen Landesväter, die überlebensgroße Propagandamalerei, die massenhaften Fahnenschwenker – China imponierte als minutiös choreografierte Megainszenierung in einer Zeit, da derWesten jedes Formbewusstsein verlor. 

Auf einer Gartenparty Anfang der Neunziger erzählte mir eine Frankfurter Fotografin von einer Bergbesteigung in China. Während sie vor einem hinreißend aquarellierten Sonnenuntergang dahinschmolz, gingen ihre chinesischen Begleiter zu Bett. Erst als die Sonne – ein roter, runder Ball – am Morgen aufging, hörte sie den Jubel der Chinesen. 

Die Anekdote ist enthüllend. Fühlte sich die westliche Empfindsamkeit vom romantischen William-Turner-Prospekt angesprochen, so fanden sich die Asiaten vor dem Symbol des jungen Tages zusammen. China und Europa hatten die Rollen getauscht. Rückwärts gewandt, sentimental und am Ende einer langen Geschichte angekommen, das war der Okzident. Der Orient dagegen begrüßte als Phönix aus der Asche den frischen weltgeschichtlichen Morgen. 

Die neue Rolle Chinas wurde im Westen erst so recht erkannt, als die britische Kronkolonie Hongkong 1997 an die Volksrepublik zurückgegeben wurde und Rem Koolhaas die schwirrende Wolkenkratzerkulisse des Perlflussdeltas als seinen Beitrag zur Kasseler Documenta vorstellte. Der holländische Stararchitekt und Stadtplaner lobte die Tabula-rasa-Mentalität der Chinesen, die rastlos abrissen und die Megastadt der Zukunft schufen. Im Land der Sonne war ein Volk herangewachsen, das keine Zeit dafür hatte, sich seiner Wurzeln zu besinnen, dem die für große Entwürfe nötige Askese noch in den Knochen steckte und das die revolutionären Techniken des Cyber-Age von Herzen umarmte. Der Chinese – eben noch eher eine Witzfigur der Weltgeschichte – war plötzlich ihr Pionier. 

Ein Jahr später, im Sommer 1998, feierte Louis Vuitton mit dem China Run, einem einwöchigen exklusiven Old-timer-Rennen von Dalian nach Peking, den Spirit of travel. Es war die ersteRallye dieser Art auf chinesischem Boden, eine akkurat vorbereitete Marketingaktion, die dem chinesischen Publikum die Welt von Louis Vuitton symbolisch vor Augen führen sollte: die Verbindung von Traditionspflege und Innovation. China empfing die Teilnehmer demonstrativ weltoffen. Knapp sieben Jahre später, im Februar dieses Jahres, eröffnete der größte Louis-Vuitton-Store Chinas in Shanghai, einer von mittlerweile 13 im Land. 

Heute wissen viele im Westen nicht so genau, wofür China eigentlich steht: für die älteste Kultur der Erde oder ein hemmungsloses Utopia? Doch gerade weil dieses Land so unheimlich und ungreifbar ist, wird es zum Fetisch von Wunschträumen. War es eben noch das Sci-Fi-Terrain des Transrapids, ist es im nächsten Moment die Wiege des Tao und eines ganzheitlichen Körperbewusstseins. In Hollywood-Spas wird der Besucher vom Gesäusel mongolischer Geigen umspült und die Kosmetikerin macht ihn mit Reflexologie und altehrwürdigen chinesischen Massagetechniken vertraut. 

Feng Shui, Tai Chi und Qi Gong lauten die Stichworte, die den verunsicherten Abendländer locken, für den alles Gute plötzlich aus dem fernen Orient kommt. Während Gesundheitsgurus den „weißen Tee der Kaiser“ als Verjüngungs- und Entschlackungswunder anpreisen, machen Tee-Tempel wie das Elixir in Los Angeles und das Pariser MariageFrères Megabusiness. Die zahllosen Parfums des angesagten Meditationsgetränks entfalten ihr Aroma am besten in Meißener Porzellanschalen, die das Hamburger Designerpaar Kuball & Kempe durch farbenprächtige Drachenmotive modernisiert hat. 

Den idealen Rahmen für die neuen Rituale bietet das jüngste Produkt sublimierter Asienliebe: spiegelblanke Lackfrontküchen, wie sie inzwischen selbst Ikea führt. Der Orient hat die westlichen Massen erreicht. In den Büros läuft die Kult-CD Shanghai Lounge Divas, in denSchlafzimmern stehen chinesische Hochzeitsschränke und Hochzeitstonfiguren zieren das Bücherregal. Während das Chinesische Horoskop uns in Lifestyle-Magazinen darüber informiert, dass im Jahr des Hahns alles möglich sei, treibt die Europäische Union die Aufhebung des Waffenembargos gegen Peking voran. 

„Als Kind habe ich in einer Propagandagruppe gesungen und getanzt“, erinnert sich der heute in London lebende Schriftsteller Ma Jian: „In den Achtzigerjahren begann sich China zu öffnen. Nach und nach hörten wir von Freud, Hemingway und Pablo Picasso. Wir entdeckten, dass es den Opfern der kapitalistischen Welt besser als uns ging und dass sie von uns überhaupt nicht befreit werden mussten.“ Für viele Chinesen war diese Einsicht der Startschuss zu einem materiellen Dasein ohne Überbau, zu einem rigorosen Zweckrationalismus, der in den Chefetagen westlicher Unternehmen mittelgroße Beben auslöste. 

„Reich zu werden ist ruhmreich“, dekretierte Deng Xiaoping schon kurz nach Maos Tod. Immer häufiger gehen westliche Unternehmen in chinesische Hände über. Christina Ong, die so genannte Königin der Londoner Bond Street, besitzt inzwischen nicht nur mehrere Hotels in der britischen Hauptstadt, sondern ist seit jüngstem auch Hauptaktionärin des Luxushauses Mulberry. Die mit ihrer Sichuan-Restaurantkette in China höchst erfolgreiche Gastronomin Zhang Lan plant Neueröffnungen in London, New York und Toronto. Silas Chou nahm den englischen Traditionsausstatter Asprey unter ihre Fittiche,, und Shaw-Lan Wang, Chefin der „United Daily News“ von Taiwan, kaufte neben dem Pariser Couturehaus Lanvin auch Anteile des benachbarten Sofitel-Hotels Le Faubourg. 

Die Luxus-Importeurin Joyce Ma aus Singapur wurde für ihre Verdienste um die französische Mode gerade in die Ehrenlegion aufgenommen, während Unternehmer David Tang in seiner Shanghai-Tang-Boutique an derNew Yorker Madison Avenue starke Frauen wie Whoopi Goldberg und Sarah Ferguson mit pseudochinesischer Fantasiemode versorgt und augenzwinkernd den asketischen Mao-Look zitiert. Ein Dutzend Boutiquen hat das Hongkonger Unternehmen in jüngster Zeit eröffnet, von Bangkok über Paris bis nach Honolulu. WasHermès für Frankreich, Ralph Lauren für Amerika ist, soll Shanghai Tang für China werden – eine Marke mit internationaler Ausstrahlung. 

Die Zeiten, da sich Hongkonger Hersteller nur nach den Wünschen der westlichen Abnehmer richteten, sind längst vorbei. Hongkong hat inzwischen seine eigene Sprache gefunden, eine Mischung aus traditionellen Einflüssen und ultramodernem Schick. So hat Jennifer Woo, Tochter von Lane-Crawford-Chef Peter Woo, aus Hongkongs leicht angestaubtem Crawford-Store innerhalb eines Jahres die hippeste Adresse für Modedesign – inklusive Chill-out-Bar und Kunstgalerie – mitten im blitzenden Finanzdistrikt der City gemacht. 

Lane Crawford hat drei Läden in China und will expandieren. China rückt allenthalben näher. Kein Wunder, dass die „International Herald Tribune“ ihre jüngste Luxuskonferenz nicht mehr in Paris, sondern in Hongkong abhielt. Die chinesische Popsängerin Karen Mok wurde beim jüngsten Ferragamo-Defilee wie ein Hollywoodstar umschwärmt. Das kalifornische Filmzentrum selbst ist asiatischen Sirenenklängen längst erlegen. Gong Li, Maggie Cheung, Michelle Yeoh und Zhang Ziyi heißen die aktuellen Diven. Sie gelten mittlerweile als „Trophy Wifes“, wie Yeohs Verlobung mit Ferrari-Chef Jean Todt unterstreicht. 

Stephen Spielberg besetzte seine Verfilmung der „Memoiren einer Geisha“ mit chinesischen Stars. Wong Kar-Wai und Zhang Yimou, der demnächst auch Puccinis Oper Turandot im Pariser Stade de France inszeniert, gehören längst zur ersten Riege der Regisseure. Die bei Shanghai aufgewachsene Designerin Han Feng entwirft noch dieses Jahr die Kostüme für eine Londoner Inszenierung der Madame Butterfly. Eine zweite chinesischeKulturrevolution ist im Gange, die die Welt verändert. 

Die Irritation, die Jeremy Irons bei der jüngsten Oscar-Verleihung Ende Februar mit einem asiatisch hochgeschlossenen Jackett auslöste, vermittelt eine Ahnung davon, wie schnell der asiatische Lifestyle westliche Usancen ablösen kann. 

John Galliano schickte neben weiß gemalten Model-Gesichtern einen chinesischen Zirkus auf den Haute-Couture-Steg. Alexander McQueen führte die exzentrischen Silhouetten seiner aktuellen Sommerkollektion in Chinoiserie- und Porzellanmuster-Stoffen aus. Prada verschrieb sich einem chinesischen Seidenpyjama-Stil. Bei Yves Saint Laurent sah man erotische Cheongsam-Schnitte, und auch Armani spielte mit einer eleganten, von schimmernden Seiden, Fächerröcken und seitlich geknöpften Mandarin-Jacken beherrschten Kollektion auf das neue Understatement seiner Ursprünge an. 

Auch der Mao-Look treibt neue Blüten, wie die neue Vorliebe für die modisch schwierige Farbe Blau beweist. Seit Helmut Lang sie im vergangenen Jahr lancierte, hat sie alle Laufstege erobert und regiert in schönem Einvernehmen mit Plattform-Schuhen der Mandschu-Periode, chinesischen Medaillonanhängern und Parfumdüften aus Samarkand die Luxusszene. 

Während Couturiers mit alteuropäischer Sensibilität dem ikonischen China-Look huldigen, starten junge Designer mit chinesischen Wurzeln zu einer internationalen Karriere durch. Vivienne Tam, Derek Lam, Peter Som, Vera Wang, Anna Sui, Jeffrey Chow und Andrew Gn nennen sich die neuen Hoffnungen einer Modewelt, die allzu lang schon ihre Ideen recycelt. Meist handelt es sich bei den neuen Kreativen um Kinder gebildeter, chinesischer Emigranten, die das ewige Hin und Her zwischen Retro, Glamour, Minimalismus und ziseliertem Pariser Chic mit einer vorurteilsfreien ästhetischen Intuition sondieren. Scheinbar mühelos wischen ihre transnational-femininen Entwürfe überlebte Traditionen vom Tisch. 

Ihre poetische Frische misst sich mit der Verführungskraft jüngster Fusion-Cuisine-Kreationen. Die Tage von „Nr. 74, Schweinefleisch süß-sauer“ sind gezählt. Mit Alain Ducasses Spoon und Jean-Georges Vongerichtens Market in Paris wird eine Gourmet-Tendenz sichtbar, die keine Scheu vor unorthodoxen Kreuzungen kennt und deren in denKüchen Hongkongs und Singapurs geschulte Chefs eine Teriyaki-glasierte Hudson-Tal-Entenbrust nonchalant mit Mango-Salat und einer chinesischen Drachenbohnensauce servieren. 

Selbstbewusst wie eine scharfe Sauce hat sich auch die chinesische Gegenwartskunst im Galeriebetrieb etabliert. Seit Kurator Harald Szeemann die Enkel des Langen Marsches vor vier Jahren bei der venezianischen Biennale einführte, haben sie die Ausstellungshallen erobert. Im Wolfsburger Kunstmuseum sind die experimentierfreudigen Chinesen ebenso zu Gast wie in Boston oder Berlin, wo Wu Hung, Professor für chinesische Kunstgeschichte in Chicago, zurzeit eine Ausstellung zum Thema Schönheit kuratiert, die zum großen Teil mit Werken seiner Landsleute bestückt ist. 

Das heutige China erstattet uns westliche Traditionen mit einem speziellen Dreh zurück, der sie zu funkelnagelneuen Pop-Produkten macht. Wer sich etwa Wong Kar-Wais letzten Film „2046“ anschaut, den wird das problemlose Nebeneinander von High-Tech-Kulissen, lädiertem Sozialismus-Charme und den Raffinessen einesProust’schen Dandytums verblüffen: ironisch, moralfrei, bittersüß und mit den kinematografischen Mitteln des 21. Jahrhunderts optisch rasant inszeniert. Das ist China. Und es sucht seinesgleichen. 

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