Multimedialer Ego -Trip

Archiv: Multimedialer Ego -Trip

Immer mehr Nostalgiker historisieren ihr Ich in perfekt langweiligen High-Tech-Shows. 

Neulich so eine Feier, ein Freund wird 50. Andere verschweigen solche Tage lieber, aber er, Rechtsanwalt, nicht. Im Gegenteil, er feiert mit Ausrufezeichen. 50 Gäste flanieren durch die 250 Quadratmeter Hamburger Altbau. Immer wieder lassen die Gäste den Freund hochleben. Doch gegen 22 Uhr gibt es auf einmal Krach. Richtigen Krach. „Ich will das nicht sehen, sag mal, spinnst du!?“, empört sich die neue Frau des Freundes. Alle 50 Gäste verstummen, nur der Computer auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer summt leise. 

Auf dem großen Bildschirm wechseln sich schon seit Stunden lautlos Fotos einer Diashow ab, eine Endlosschleife, zwischendurch der Schriftzug „Mein Leben, meine Lieben“. Man könnte auch sagen eine Trophäensammlung, denn unter Fotos manchmal nackter, manchmal angezogener schläfriger Mädchen stehen Namen wie „Simone 77–80“ und „Karen 82–87“. Ein Bild zeigt den Hausherrn vor einer Kirche, eine Frau an der Seite: „Meine erste Ehe, Imke 1990“. Dann wieder Bilder von Frauen im Bett, alten Autos, feiernden Freunden, teilweise schlechte Fotos, unscharf, grobkörnig, manche vergilbt. Ein Leben als Byte-Bio. 

Anzeige

Man muss noch ein wenig weitererzählen von dem Freund. Er konnte an diesem Abend den Krach schlichten, stellte die Dia-Show ab, wusste aber nicht so recht, was er falsch gemacht hatte. „Ich habe Monate damit verbracht über 300 Bilder einzuscannen und zu beschriften, mein ganzes Leben digitalisiert“, rechtfertigte er sich, „aber jetzt lasst uns weiter feiern!“ Dann kam der iPod aus dem Regal und wurde ans System angeschlossen. „Die ganzen alten Sachen hab ich wieder, Music-store im Internet, ich schwör euch, die beste Zeitreise…“ Aus den Boxen dröhnten „Layla“ von Eric Clapton, „Street Life“ von Crusaders und „Station to Station“ von Bowie. Alles pure Siebzigerjahre Mucke. Der Gastgeber zappelte sich auf dem Parkett in seine Jugend zurück, der Rest der Feier schwang sich mit ins Damals mit Sätzen, die alle mit „weißt du noch, wie...?“ anfingen. 

Wer nicht mehr wusste „wie“ und wessen eigene Geschichte eine andere als die der 50 Freunde war, fühlte sich gelangweilt. So wie einen alles langweilt, was einem Freunde von ihrem früheren Leben aufdrängen. Vielleicht ist es noch einen Moment amüsant, das Jugendfoto eines heute Glatzköpfigen zu sehen, wie er früher mit wallendem Haar auf einem Campingplatz sitzt. 

„Rock am Ring, Mensch haben wir gesoffen!“ Lauter Splitter aus einer Biografie, die einem Freund Geschichte geben. Man kann auch in seinem eigenen Früher herumstöbern, indem man den alten Plattenspieler herausholt, um zu hören, wie auf der „Deep Purple“-LP das Gitarrensolo bei „Child in time“ von einem Kratzer zerknackt wird; man weiß heute noch, von wem er stammt. Aber, mein Gott, man muss sich doch nicht im Detail erinnern, wie man vor dem Spiegel zu „Child in time“ auf der imaginären Gitarre herumhaute. Man vergaß das gern. 

Aber nun der Freund. Und die anderen Freunde. Und die Eltern, die einen Computer haben und einen Scanner und einem die ganze Kindheit auf Bildern mailen. Und einen einladen, „wir haben die alten Super-8-Filme jetzt auf DVD gebrannt, verstehst du, gebrannt!“ Sie sagen es so verschwörerisch, als ob sie der Vergangenheit etwas entrissen hätten. 

Nie war es so einfach wie heute, die alte verknickte, vergilbte und zerkratzte Geschichte in einer technischen Perfektion wiederzubeleben. Sie stehen – gescannt, gereinigt, gebrannt, neu gemischt, remastered – wieder auf, die Jahre der Pickel, Schlaghosen, der erste Kuss mit Marion und die Traurigkeit der Pubertät im Gesicht. Niemand muss mehr alte Fotoalben vom Dachboden und Plattenspieler aus dem Keller holen, zwischen gestern und heute herrscht technologische Waffengleichheit. Väter sitzen vor CD-Spielern und hauen sich mit ihren Kindern alte Woodstock-Stücke um die Ohren. Mit DVD-Boxen wie „Flipper“ oder „Lassie“ kehren die TV-Nachmittage der Vergangenheit zurück. Und die Reise ins Gestern treibt weiter. Über den Internetdienst „Stay Friends“ hat mancher die Marion von einst wiedergefunden, die nun – fett, drei Kinder, zweimal geschieden – mailt, dass man sich unbedingt mal treffen sollte. Sollte man? 

Gute Frage. An dem Abend, als man die 50er-Feier des Freundes verließ und noch draußen auf der Straße hörte, wie die Weißt-du-noch-Gesellschaft zu „I can't get no satisfaction“ der Rolling Stones die Nacht zerhüpfte, paarte sich nostalgische Erinnerung an die Kellerpartys und Schulfeten von einst unversehens mit Argwohn. Es ist ein Unterschied, ob man sich ein wenig im Rock´n´Roll-Museum umhört, oder ob man gleich dort einziehen will. Es ist der feine, aber entscheidende Unterschied zwischen erinnern und wiederbeleben. 

Aber warum machen das alle? Warum all die Oldie-Sender im Radio? Wir werden ja nicht jünger, wenn wir das hören, wir werden noch nicht einmal langsamer alt. Aber es erinnert uns an ein Gefühl, als die Zukunft noch mindestens 40 oder 50 Jahre lang war. Das sehen wir in unseren Augen auf den Bildern von damals, die wir zwanghaft digitalisieren, katalogisieren, vorführen und mailen. Auf dem Weg von der Feier durch die Nacht kommt einem das „Faust“-Zitat in den Sinn: „So gib mir auch die Zeiten wieder da ich noch selbst im Werden war. [...] Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe, gib meine Jugend mir zurück“. Ach, dachten wir damals, wenn es erst so weit ist, so etwas zu denken. 

Heute ist es so weit. „Aus der Perspektive der Jugend ist das Leben eine endlose Zukunft, vom Gesichtspunkt des Alters aus ist das Leben eine kurze Vergangenheit“, schrieb der Psychologe Charles Zwingmann, einer der wenigen Erforscher des „nostalgischen Phänomens“. Die im Altern empfundene Diktatur der Zeit und des Verfalls, sagt Zwingmann, versuchen wir mit einer kulturellen Zeitlosigkeit aufzufangen – was technisch heute in nie da gewesener Perfektion gelingt. 

Und doch hat die verkrampfte Historisierung des eigenen Ichs etwas Absurdes. Mit der Technik von heute arbeiten wir uns nicht ins Morgen, sondern restaurieren entweder unser Gestern oder, wenn wir sie denn haben, dokumentieren jeden Kieks und jeden Schritt unserer Kinder in Bergen digitaler Fotos und Stunden digitaler Videos. Wann und warum sollten unsere Kinder sich je durch diese Megabyte-Flut von Bildern und Videos arbeiten? Letztlich werden sie doch froh sein, diese Vergangenheit so hinter sich zu haben, wie auch wir letztlich froh sind, keine Pickel und keine Marion mehr zu haben. 

Die zweite Absurdität war in dem Gesprächs-Patchwork jener 50er-Feier herauszuhören: „Ach ja, früher…, das war noch schön.“ Wirklich? Natürlich nicht! Die Frisuren waren ein Graus, wir hatten kein Geld; und die Marion mussten wir aus einer Telefonzelle anrufen, in die man 20 Pfennig steckte, und dann war immer besetzt. Wir hatten den schrammeligen Plattenspieler, das Fernsehen hatte drei Programme, und wir wussten nicht, was aus uns werden sollte. Heute wissen wir es. Nur wer damit hadert, wünscht sich die Geschichte zurück: „Yesterday, all my trouble seemed so far away...“ 

Wer das Gestern zwanghaft wiederbelebt, hat Angst vor der Gegenwart und vor der Zukunft, sagt Zwingmann in seinem Buch „Zur Psychologie der Lebenskrisen“ und diagnostiziert die „nostalgischen Episoden“ mit dem schönen Begriff „Realisierung der eigenen Abbaukoordinate“. Anders gesagt, wer seine ganze Leidenschaft in die eigene Lebensgeschichte verlegt, wer nächtelang alte Bilder scannt, wer sich den spießigen Skiurlaub auf DVD brennt und seine Umgebung auch noch abendelang damit quält, der spürt insgeheim den eigenen Zerfall. Seltsam nur, dass alle Welt es mitansehen soll. 

Jochen Siemens 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%