Musik „Musik ist eine Reise“

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Die traditionellen Neujahrskonzerte, die dieser Tage auf CD erscheinen, begeistern Millionen. Dirigent Ingo Metzmacher macht lieber Lust auf neuere Klänge. 

Herr Metzmacher, wozu brauchen wir moderne Musik? 

Die Musik des 20. Jahrhunderts ist in Stil und Entwicklung vielfältiger und reicher als in allen Jahrhunderten zuvor. Man könnte sich die klassisch-romantische Tradition wie einen Baum vorstellen, der in der Moderne ganz besonders voll ausschlägt und wilde Blüten treibt. Mir liegt daran, diese Vielfalt zu vermitteln. Moderne Musik ist nicht nur Arnold Schönberg und seine Zwölftonmethode; es gibt auch Komponisten wie Charles Ives oder die französische Schule mit Maurice Ravel und Claude Debussy. Moderne Musik ist nicht immer ernst, tragisch und mit vielen Verrenkungen am Schreibtisch ersonnen. Sie bietet jedem etwas, genau wie die moderne Malerei: Dem einen gefällt ein Bild von Piet Mondrian, dem anderen eins von Jackson Pollock. Nur wissen die meisten Menschen von der modernen Musik noch nicht, dass sie ihnen gefällt. 

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Maler und Literaten werden seit 100 Jahren für die Dekonstruktion der Wirklichkeit gefeiert; Komponisten nach Gustav Mahler treffen eben dafür auf Unverständnis. Warum? 

Das Ohr ist das empfindlichste Sinnesorgan und für das Gleichgewicht zuständig – vielleicht liegt es daran. Ich kann darüber nur Vermutungen anstellen. Klar ist, dass die erhöhte Reibung zwischen den Tönen, die in der Musik des 20. Jahrhunderts vorkommt, für manche offenbar schwer auszuhalten ist. Ich persönlich habe ein großes Bedürfnis danach. Und ich glaube, dass es sich bei der Ablehnung moderner Musik um ein Vorurteil handelt. Wenn die Menschen so selbstverständlich und oft mit ihr in Berührung kämen wie mit moderner Kunst oder Literatur, würden sie bald ganz anders, jedenfalls ohne Ängste, mit ihr umgehen. 

Musikalische Reibung erzeugt keine Wärme – was ist, wenn die Menschen in der Musik ein Gefühl suchen und ihren Verstand beurlauben wollen? Erfolgreiche moderne Musik jedenfalls hört sich klar und einfach an, nach Mystik und Mittelalter – wie bei Arvo Pärt, John Tavener oder Valentin Silvestrov. 

Musik spricht die Gefühle und den Gemütszustand eines Menschen direkter an als jede andere Kunst. Aber die moderne Musik ist ein Spiegelbild ihrer Zeit – und in der Moderne ist, nach allem, was passiert ist, jede Emotion notwendig gebrochen. Manches, wie eben bei Pärt oder Taverner, ist mir deshalb zu einfach, zu direkt. Musik ist nicht nur dazu da, dass sie sich einem sogleich erschließt; sie erfordert auch, dass man sich ihr öffnet. Nur so offenbart sich sozusagen ihre größere, tiefere Wahrheit. Um dieser Wahrheit auf den Grund zu kommen, ist Mitarbeit beim Hören notwendig. 

Moderne Musik ist also Arbeit? 

Nein, aber man kann mit ihr lernen, dass der Inhalt dessen, was auf dem Grunde der Musik liegt, so verschieden nicht ist zwischen den großen Komponisten der Vergangenheit und der Moderne – da besteht ein größerer Zusammenhang, als wir ihn heute in der Lage sind zu sehen. Die Verspieltheit eines Wolfgang Amadeus Mozart finde ich auch bei Igor Strawinsky, die Wildheit eines Ludwig van Beethoven auch bei Schönberg, die Verzweiflung eines Franz Schubert auch bei Luigi Nono. Da gibt’s mehr unterirdische Gänge zwischen den Musiken, als man gemeinhin annimmt. 

Wir akzeptieren Schuberts Abgründe, die von Edgar Varèse nicht. Gehen wir ins Konzert, um unser bürgerliches Dasein zu adeln? 

Ich glaube, die Stunde der modernen Musik wird noch schlagen – sonst würde ich das alles nicht machen. Musik ist wie eine Reise. Nehmen Sie mich zum Beispiel. Ich bin mit der klassisch-romantischen Tradition aufgewachsen und habe irgendwann aus Neugier angefangen, mich mit der Moderne zu beschäftigen. Vielleicht braucht man ein Ahaerlebnis, eine Initialzündung, bei mir war es die Musik von Ives, die einen Sog auslöst. Dem kann man sich dann nicht mehr entziehen. Dann beginnt die musikalische Entdeckungsreise, dann beginnt man, den Baum der Musik lustvoll zu erklettern; und dann wird man plötzlich erfahren wollen, welche musikalischen Zweige und Blüten einem am besten gefallen. 

Einen Wegweiser dürfen Sie hier aufstellen. 

Der führt natürlich zu Charles Ives. Er war der Erste, der es geschafft hat, jenseits der großen europäischen Tradition etwas ganz Neues zu behaupten. Seine Musik ist unmittelbar ansprechend, weil das Material, das er benutzt, bekannt ist, fast trivial, und weil er Märsche und Songs ungeheuer frisch übersetzt in eine eigenwillige, direkte Musiksprache, der man sich kaum entziehen kann. Also: „Three Places in New England“ – das ist ein guter Einstieg. 

dieter schnaas 

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