N i e v e r b l a s s e n

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Die Begegnung mit Mantarochen ist das schönste Erlebnis für Taucher. Auf der Insel Yap in Mikronesien sind die Flügelfische das ganze Jahr zu bestaunen 

Das Auge des Taifuns wird erst für morgen erwartet. Dave Vecella, Besitzer der Tauchschule Beyond the Reef auf der Insel Yap in den Föderierten Staaten von Mikronesien, will noch einen Tauchgang wagen. Wolfgang Braun aus Essen ist Tauchnovize und hat das kleine Tauchboot heute ganz für sich – alle anderen Gäste haben den Trip wegen der schlechten Wetterprognosen storniert. Braun lässt sich durch nichts mehr davon abhalten, mit den berühmten Mantas von Yap zu tauchen. 

Ein Manta (Spannweite bis zu sieben Meter) ist das Eindrucksvollste, was einem Taucher unter Wasser begegnen kann. Allenfalls die bis zu zwölf Meter langen Walhaie können da noch mithalten. Und nirgendwo auf der Welt ist das ganze Jahr über die Wahrscheinlichkeit so groß, auf Mantarochen zu treffen, wie hier im 2000-Inseln-Reich Mikronesien, 800 Kilometer nördlich von Papua-Neuguinea. Deshalb ist Wolfgang Braun um die halbe Welt geflogen. 

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Die Yapesen haben Ehrfurcht gebietende Mythen über das beeindruckende Riesentier (Gewicht: bis zu zwei Tonnen), das – ganz harmlos – Plankton frisst, in ihrem Repertoire. Nicht selten wurden die mutigen Seefahrer auf ihren gefährlichen Einbaum-Fahrten über den Pazifik ein Opfer der See. In den Erzählungen der Überlebenden war dann zuweilen von zwei Riesenmantas zu hören, die meterhoch aus dem Wasser sprangen, einen Unglücklichen in ihrer Mitte einhüllten und in die Tiefe zogen. 

Auch das kann Wolfgang Braun nicht abschrecken. Nur 30 Minuten Bootsfahrt trennen ihn vom Ziel seiner Träume. 30 Minuten durch den Tagreng Channel, einen künstlichen Kanal, den die deutschen Kolonialherren gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch die Mangrovenwälder gesprengt haben, hinein in den Miil Channel, die natürliche Wasserverbindung zwischen Außenriff und Lagune. 

Eine Hand vor die Maske gepresst, die andere an der Computerkonsole mit den wichtigen Daten für den Tauchgang, geht es über Bord. Und schon der erste Blick fällt auf ein anthrazitfarbenes Trapez, das in wenigen Metern Tiefe wegtaucht. Mit 2,50 Meter Spannweite ist das Tier noch ein Jüngling auf dem Weg zur Putzerstation. 

Biologen wissen nicht viel über das Verhalten des Mantarochens. Aber klar ist, dass für einen Manta regelmäßige Körperpflege der einzige Grund ist, das offene Meer zu verlassen und sich in seichtere Gewässer zu begeben. Lästige Parasiten plagen ihn und genau die sind die Lieblingsspeise von Putzerfischen – zehn Zentimeter kleinen, gestreiften Tierchen, die den riesigen Rochen die Kiemen putzen dürfen. 

17 Meter Wassertiefe sind bis zur Putzerstation zu überwinden. Als Braun und Tauchführer Arthur ankommen, ist der Manta schon weg – Katzenwäsche. Das Wasser ist trübe. Plankton und aufgewühlte Sedimente geben höchstens zehn Meter Sicht. Auch eine halbe Stunde Warten sind vergebens, die Mantas haben sich zurückgezogen. 

Doch dann beim Wiederauftauchen in nur fünf Meter Wassertiefe kommen gleich zwei stattliche Exemplare auf Braun zugeflogen. Keine Angst – die einzige Gefahr geht von den Flügelspitzen des Fisches aus. Die können einem – natürlich völlig unbeabsichtigt – leicht einen Arm brechen. Wolfgang Braun ist dicht dran und kann den beiden Rochen direkt in die großen, zugleich gelassenen und neugierigen Augen blicken. 17 Stunden Flug, zweimaliges Umsteigen, Jetlag und der aufziehende Taifun – alles ist jetzt vergessen. „Dieses 30-Sekunden-Glück wiegt all das auf“, schwärmt der Deutsche auf der Rückfahrt. 

Tauchführer Arthur schnattert derweil trotz doppelten Tauchanzugs – für ihn sind 27 Grad Wassertemperatur eher frostig. Da hilft auch die heiße Schokolade nicht, die auf den Schiffen der kleinen Beyond-the-Reef-Flotte nach dem Tauchen gereicht wird. 

Zurück im Traders' Ridge Hotel, dem besten Haus am Platz, wird klar, dass an Tauchen in den nächsten Tagen nicht mehr zu denken ist. Der Taifun hat an Geschwindigkeit zugenommen und kommt direkt auf Yap zu. Claus Becker, der deutsche Manager des 22-Zimmer-Hauses im Kolonialstil, kann da wenig Hoffnung machen. 

Nur rund 5000 Touristen im Jahr kommen in diesen Winkel der Südsee. Das garantiert den Fortbestand ursprünglicher Bräuche: Außer für seine Mantas ist Yap auch für sein Steingeld berühmt – überdimensionale, oft zentnerschwere Disken mit einem Loch in der Mitte. Noch heute werden manche Grundstücksgeschäfte in der archaischen Währung beglichen. Ihr Wert richtet sich weder nach Größe oder Form, sondern mehr nach der Geschichte des einzelnen Steins. Kamen bei seiner Gewinnung oder dem gefährlichen Transport über das Meer Menschen zu Schaden, steigt sein Wert. Neues Geld wird seit 1931 nicht mehr gewonnen – ein Beitrag zur Inflationsbekämpfung. Bis dahin fuhren die Yapesen 450 Kilometer ins benachbarte Palau für den Münzabbau. 

Zu den Stone Islands zieht es zwei Tage später auch den Hobbytaucher Braun. Mit der ersten Maschine, nachdem sich der Taifun gelegt und die Insel etwas lädiert zurückgelassen hat, fliegt der Essener hinüber, um zu tauchen. Grau-, Weißspitz- und Schwarzspitz-Riffhaie erwarten ihn, Schildkröten und riesige Barrakudaschwärme. Nur keine Mantas, obwohl auch Palau ein paar Putzerstationen zu bieten hat. 

Leicht enttäuscht fährt Braun mit dem Schnellboot der Tauchbasis Fish 'n' Fins durch den so genannten German Channel, auch dies eine künstliche Wasserstraße aus der deutschen Kolonialzeit durch das Riff, zurück ans Ufer. Morgen ist sein letzter Urlaubstag, und er wäre so gerne noch einmal einem Manta begegnet. 

Braun hat Glück. Auf der letzten Ausfahrt vor dem Heimflug geschieht es: „Manta – direkt vor uns“, ruft Norman Lorch, Tauchlehrer aus Deutschland. Er überholt das Tier, das sich bis zu 30 Kilometer pro Stunde schnell durchs Wasser bewegen kann. Die Gäste seiner Tauchschule streifen hastig Masken und Flossen über und lassen sich ins Wasser fallen. Es ist an dieser Stelle nur fünf Meter tief. Jeden Moment muss jetzt der Manta kommen. Und da ist er schon: Mit zum Fressen geöffnetem Maul schwebt der Riese (Spannweite etwa fünf Meter) auf die Tauchergruppe zu. Als er die Taucher sieht, legt er sich leicht schräg und gleitet majestätisch unter ihnen hinweg. Schwärmt der Urlauber nachträglich: „Das Ganze dauerte nur fünf Sekunden, aber die Erinnerung daran wird nie verblassen.“ 

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