Archiv: Nähe und Identität

Stefan Baron über Kinder und Globalisierung 

Der Winter des Lächelns ist vorüber, der Frühling des Missvergnügens hat begonnen. Die zuversichtliche Stimmung der zurückliegenden Monate schmilzt dahin: Die große Koalition streitet, die Ärzte streiken, unsere Fußballer verlieren, und die Nation ängstigt sich vorm Aussterben. Die großen Vereinfacher, die freundlichen Reduktoren der verwirrenden Komplexität dieser globalisierten Welt in der großen Koalition – sie vermochten das Publikum nur gut 100 Tage ruhig zu stellen. Jetzt bricht sich die harte Wirklichkeit wieder Bahn. 

Es musste ja so kommen. Die Welt dreht sich weiter, auch wenn Deutschland stillsteht. Diesmal kommt die Realität mit Urgewalt über das haltsuchende Volk: Nicht nur unsere Wirtschaft ist malade, nicht nur unsere Sozialsysteme ächzen und krachen, nein, jetzt geht’s ums Ganze: Die Deutschen sind in ihrer Existenz bedroht, lautet der neueste Befund. Und mit einem Schlag ist es vorbei mit der Li-La-Laune, sind die von vielen schon als überwunden geglaubten Angstdebatten der vergangenen Jahre wieder da. 

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Leider werden sie genauso oberflächlich geführt wie eh und je: So wie zuletzt die Unternehmer kurzerhand als vaterlandslose Gesellen ausgeguckt wurden, weil sie ungeachtet der hohen Arbeitslosigkeit hier zu Lande Arbeitsplätze meist nur noch im Ausland schaffen, so werden nun die Frauen im gebärfähigen Alter an ihre patriotische Pflicht und Opferbereitschaft gemahnt. 

Das eine ist so dumm wie das andere. Mit Kampagnen dieser Art und Drohungen, die Rente für Kinderlose zu kürzen, kommen wir der niedrigen Geburtenrate nicht bei. Im Gegenteil: Welch vernünftiges Paar möchte Kinder in eine solche Gesellschaft setzen? Schuld an der Misere ist nicht mangelnde Opferbereitschaft emanzipationsbegieriger Frauen. Wenn überhaupt, dann lassen schon eher die Männer diese Bereitschaft vermissen, weil sie so wenig dabei mithelfen, dass Kinder und Karriere für beide Geschlechter machbar sind. Aber auch diese Diskussion führt uns nicht wirklich weiter. 

Schuld an der Unfruchtbarkeit moderner Gesellschaften (allen voran der deutschen) ist unsere Kultur oder besser vielleicht: Zivilisation. Schon Oswald Spengler sprach von der „Unfruchtbarkeit des zivilisierten Menschen“. Er meinte damit, dass Menschen, die frei sind von Not, Unterdrückung und jeglichen Bindungszwängen unfruchtbar sind, eben weil sie sich ganz selbst gehören. 

Die Moderne, so scheint es, funktioniert mit Kindern nicht. Das Problem: Ohne Kinder funktioniert sie auch nicht. Wer keine Kinder hat, hat kein Interesse an der Zukunft. Eine Gesellschaft ohne Kinder ist schon deshalb nicht zukunftsfähig, weil sie nicht mehr investiert. Humanethik und kapitalistische Ethik fallen hier zusammen. 

Wenn wir Deutsche als Volk also wieder zukunftsfähig werden wollen, müssen wir weit mehr tun, als mehr Kitas und Ganztagsschulen zu eröffnen oder das Kindergeld zu erhöhen. So leicht sind Produktion, sprich: Karriere, und Reproduktion, sprich Kinder, nicht miteinander zu versöhnen. Aus der Entwicklungsökonomie wissen wir, dass sich Gesellschaften mit Geld allein nicht zum Besseren verändern lassen. Der afrikanische Kontinent ist dafür ein unübersehbares Menetekel. 

Nein, das Problem verlangt zur Lösung nach einer Kulturrevolution. Einer Revolution, die Kinder nicht nur wieder als wirtschaftliches Aktivum erkennbar macht, sondern auch als höchsten Lebenssinn, als Beitrag zur Gemeinschaft und Nachwelt, als ein für jedermann erreichbares Stück Unsterblichkeit. Und als Investition in Glück und Lebensfreude, in Gemeinschaft und Geborgenheit, in Nähe und Identität. 

Gerade in der Welt von morgen wird sich dieseInvestition 1000-fach bezahlt machen. Familie wird zum Pendant für Globalisierung. 

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