Archiv: Neue Mauer

Stefan Baron über den 11. September 2001 und seine Folgen 

Ist es nicht merkwürdig? Jedes Kind fast weiß, was 9/11 (nine-eleven) heißt – der 11. September 2001, der Tag, an dem muslimische Terroristen die beiden Türme des World Trade Centers in New York City zum Einsturz und 3000 Menschen zu Tode brachten. 

Doch wer weiß schon, was 11/9 (elevennine) heißt? Am 9. November 1989 stürzte die Mauer ein, die Ost und West voreinander trennte. Nine-eleven und eleven-nine sind zwei weltbewegende Ereignisse, die sich nicht nur im Datum spiegeln, sondern auch innerlich aufeinander beziehen. 

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Der Fall der Mauer war ein zentraler Auslöser für die Globalisierung 3.0, das beschleunigte Zusammenwachsen der Weltwirtschaft zu einem einzigen großen Markt. Der Fall der Zwillingstürme in NYC markiert einen radikalen Gegenentwurf zu dieser Globalisierung. „Während wir 11/9 gefeiert haben“, so Thomas Friedman in seinem Bestseller „The World Is Flat“, „wurde die Saat für 9/11 ausgeworfen.“ 

9/11 widerspricht Friedmans zentraler These, hat aus einer flachen eine schrundige, zerklüftete Welt gemacht. Eine Welt mit einer neuen Mauer gegen Wissen und Vernunft. Gegen Toleranz und Fortschritt. Gegen Handel, Wandel und Wohlstand. 9/11 widerlegt Francis Fukuyama, der nach 11/9 das „Ende der Geschichte“ ausrief, weil dem Kapitalismus sein epochaler Erzfeind, der Kommunismus, abhanden gekommen war. Mit 9/11 hatte der Kapitalismus einen neuen Gegenspieler, den politischen Islam. 9/11 düpiert schließlich alle, die im sogenannten Davos-Menschen schon die Spezies des 21. Jahrhunderts sahen. 

Leider haben wir Deutsche weder aus 11/9 noch aus 9/11 bisher die nötigen Schlussfolgerungen gezogen: 11/9 verlangt eine De-regulierung der real existierenden sozialen Marktwirtschaft in diesem Lande, 9/11 eine Reregulierung unserer real existierenden Demokratie. 

Die Globalisierung hat den weltweiten Wettbewerb in einem Maße beschleunigt, dass unser zum Versorgungsstaat verkommenes Modell des rheinischen Kapitalismus nicht länger mithalten kann. Dennoch geht die Marscherleichterung, zu der wir uns bis dato durchringen konnten, kaum über ein paar Glasperlen hinaus. 

Der Terrorismus bedroht unsere Sicherheit und Zukunft – und beileibe nicht nur die ökonomische – in einem Maße, dass unsere zum Dauer-Referendum degenerierte repräsentative Demokratie in existenzielle Gefahr gerät. Ihre Repräsentanten verlieren zunehmend an Autorität und scheinen immer weniger in der Lage, die beiden essentiellen Attribute jeder guten Regierung zu erfüllen, die schon James Madison in den „Federalist Papers“ beschrieben hat: erstens das Volk und zweitens, sich selbst zu kontrollieren. 

Wer die Debatten um die Installation von mehr Überwachungskameras, die Aufnahme der Religionszugehörigkeit in die zentrale Terrorismus-Datei oder die Vorgänge um die türkische Rechtsanwältin Seyran Ates in Berlin verfolgt, dem muss angst und bange werden: Kann unsere Demokratie beweisen, dass sie mit dem Terrorismus fertig wird? Dieser Beweis lässt sich nur antreten, wenn wir uns darauf besinnen, dass Freiheit aus Ordnung erwächst. Krieg – und der Kampf gegen den Terror ist ebenso Krieg wie vormals der gegen den Kommunismus – lässt sich nicht mittels täglicher Volksabstimmungen oder Meinungsumfragen führen. Wir müssen auch in der Politik dem Prinzip der Arbeitsteilung wieder Geltung verschaffen, das in so vielen anderen Bereichen unseres Lebens so segensreiche Wirkungen zeigt. 

Als ein Abgeordneter des britischen Unterhauses im Zweiten Weltkrieg Premierminister Winston Churchill empfahl, „sein Ohr immer auf der Erde“ zu haben, antwortete dieser, die britische Nation werde es „sehr schwer haben, zu Führern aufzuschauen, die in dieser Position entdeckt werden“. 

Der deutschen Nation wird es genauso gehen. 

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