Nichts für Angsthasen

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Nora Ephron kann ihren Hals nicht leiden. Die New Yorker Autorin, Drehbuchschreiberin und Regisseurin, auf deren Konto Kassenschlager wie „Harry und Sally“, „Schlaflos in Seattle“ und „E-Mail für Dich“ gehen, ist so genervt von ihrem hühnerhäutigen, knittrigen, schlaffen Hals, dass sie ihre Obsession jüngst zu einem Buch verarbeiten musste („I feel bad about my neck“). In ihrem Essay beklagt sie die Tatsache, dass sie plötzlich zu einer Generation von Frauen gehört, die sich „kompensatorisch kleiden“ muss, um noch akzeptabel auszusehen, dass sie zur Rollkragenpullover-Frau mutierte. 90 Prozent aller angebotenen Kleidungsstücke kommen für sie nicht mehr infrage. Und, so lamentiert sie, es ist keine Erlösung in Sicht. Trotz heftigen Einsatzes aller zur Verfügung stehenden Wundermittel der Kosmetikindustrie macht das Truthahnhalsgebilde weiter schlapp, und selbst die besten Hollywood-Ärzte kapitulieren: Wollte sie sich einem schönheitschirurgischen Eingriff unterziehen, wozu sie durchaus bereit wäre, müsste ein Facelift in diesem Zuge mitgemacht werden. Das aber will Frau Ephron nicht. Denn sie mag wiederum ihr Gesicht genauso, wie es ist. 

Nur ein Spleen einer abgehobenen, überspannten New Yorkerin? Eine nette Schmonzette, die sich zum nächsten Bestseller verwursten lässt? – Nein, Ephrons selbstironisches Outing führt uns mitten in die Arena, in der ein Kampf tobt. Das Gefecht einer Gesellschaft, die immer älter wird und die, glaubt man Alarmisten, sogar zu vergreisen droht. Die sich aber wehrt, alle damit einhergehenden Verschleißerscheinungen in Kauf zu nehmen. Die nicht mehr bereit ist, die Vergänglichkeit des Lebens – und erst recht deren äußere Anzeichen – als unausweichliches Schicksal hinzunehmen. Während unsere Mütter im Alter jenseits der 40 sexuell quasi unsichtbar wurden, posen heute eine Sharon Stone (48) als Werbe-Ikone für Dior, eine Kim Basinger (52) für Miu Miu, eine Catherine Deneuve (62) für MAC-Lippenstifte. Gespenstisch makellose Rollenvorbilder, die es uns nicht gerade erleichtern, in Würde zu altern. 

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Machen wir uns nichts vor: Mehr denn je ist jugendliches Aussehen Maßstab für Schönheit, die Währung für gesellschaftliche Anerkennung. Es gibt zahllose Untersuchungen, die belegen sollen, dass schöne Menschen höhere Gehälter bekommen, es leichter im Leben haben und überhaupt erfolgreicher sind als unattraktive – wie im Märchen, in dem die Schöne immer den Prinzen kriegt und die Hässliche gemein ist und ein fieses Ende erleidet (ich habe mich bei derlei Wissenschaft freilich immer gefragt, wie es ein Bernie Ecclestone oder ein Bill Gates, beide keine Schönheiten, zum Erfolg geschafft haben). 

Obwohl die Tabugrenze längst gefallen ist, und sich in Deutschland jährlich Hunderttausende unters Messer begeben, sind Schönheitsoperationen (Titelgeschichte ab Seite 104) ein Reizthema. Ein Thema, das mehr Potenzial hat zu polarisieren als die Gesundheitsreform und Hartz IV zusammen. Da geht es schnell an die Grundmauern gesellschaftlichen und kulturellen Selbstverständnisses. 

In Amerika, dem Weltmeister in Sachen Operation Schönheit (Deutschland liegt auf Platz sechs), sieht man die Sache pragmatisch. Nach dem Motto: Ich habe hart dafür gearbeitet, also hab ich mir meinen Nosejob oder Tummy Tuck (Bauchfett weg) verdient. In Europa hüpfen wir intellektuell und moralisch hingegen durch brennende Reifen. Es ist zwar ein Akt der Gnade, wenn ein Dritte-Welt-Kind mit Hasenscharte operiert wird, aber bedenklich (da nicht lebensnotwendig), wenn sich jemand die Reiterhosen absaugen lässt. Es ist vertretbar, wenn sich eine Frau mit Körbchengröße DD (superschwerer Busen) wegen starker Rückenschmerzen die Oberweite verkleinern lässt, aber wenn sie sich die Nase verändern lässt, gilt sie schnell als selbstbezogene alberne Kuh. 

Sind alle, die sich unters Messer legen, von schierer Oberflächlichkeit und (der Todsünde) Eitelkeit geschlagen? Ganz sicher nicht. Wer vermag den Leidensdruck einer Person zu ermessen, die sich zu so einem Schritt entscheidet? 

Kein seriöser Chirurg legt es darauf an, Frankensteins (à la Michael Jackson) und ihre Bräute zu fabrizieren. Er wird sich als Arzt, nicht als Alchemist begreifen. Und darum geht es in unserer Titelgeschichte: mehr Transparenz und Aufklärung in ein hochemotionales Thema zu bringen. Auch wenn die Bette-Davis-Erkenntnis Gültigkeit behält: Aging ist nothing for sissies – Altern ist nichts für Angsthasen. 

Herzlich 

Uschka Pittroff 

Chefredakteurin 

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